ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2008Psychotherapeutische Vergütung: Steigerungen von bis zu 20 Prozent

POLITIK

Psychotherapeutische Vergütung: Steigerungen von bis zu 20 Prozent

PP 7, Ausgabe Oktober 2008, Seite 440

Doebert, Jürgen; Best, Dieter

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LNSLNS Die ambulante Psychotherapie wird von der Neuordnung der vertragsärztlichen Vergütung ab 2009 profitieren. Ein wichtiges Ziel, eine bundesweit einheitliche Vergütung für genehmigungspflichtige Leistungen, wurde erreicht.

Da bei der Honorarreform 2009 keine Einigung zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem Spitzenverband der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung erzielt werden konnte – es ging um Summen von 1,1 bis sieben Milliarden Euro – musste der Erweiterte Bewertungsausschuss als Vermittlungsgremium einberufen werden. Dort wurden maßgebliche Entscheidungen auch für die Psychotherapie getroffen. Grundsätzlich ist vorgesehen, das Vergütungsvolumen für die genehmigungspflichtigen Leistungen der Psychotherapie um 160 Millionen Euro zu steigern.

Kräftige Anhebung der Punktzahl
Der Gesetzgeber hat die „angemessene Vergütung“ für psychotherapeutische Leistungen vorgeschrieben. Da es 2009 keine regionalen Punktwerte und Mindestpunktwerte mehr geben wird, sondern nur noch einen bundeseinheitlichen Orientierungspunktwert, konnte nur die EBM-Punktzahl (Bewertung der Leistungen des Kapitels 35.2) verändert werden. Dabei war zu Jahresanfang keineswegs klar, dass mit der Absenkung der bisherigen gestützten Punktwerte auf einen niedrigeren einheitlichen Orientierungspunktwert eine kräftige Anhebung der Punktzahlen notwendig sein würde, waren doch die Punktzahlen mit dem EBM 2008 bereits angehoben worden. Diese Verbesserung der Bewertung reichte aber nicht, den Honorarverlust zu kompensieren, der mit einem Orientierungspunktwert um die 3,5 Cent verbunden gewesen wäre.

Gegen Widerstände der Krankenkassen, die nicht wissen, wie viel Geld sie aus dem Gesundheitsfonds bekommen werden, setzte sich der gemeinsame Vorschlag des Vorsitzenden des Erweiterten Bewertungsausschusses, Prof. Dr. Jürgen Wasem, und der KBV durch. Damit werden mithilfe eines Steigerungsfaktors alle Sitzungshonorare des Kapitels 35.2 an die bisher (fast) beste Vergütung in einem KV-Bezirk angepasst. Das führt zum Beispiel für eine Einzelsitzung Psychotherapie zu einer Punktzahl von 2 270 und durch Multiplikation mit dem Orientierungspunktwert zu einem Sitzungshonorar von 79,60 Euro.

Von den erreichten Steigerungen profitieren die Psychotherapeuten in den einzelnen KVen unterschiedlich. Die höchsten Zuwächse haben die Psychotherapeuten in den ostdeutschen Ländern mit bis zu 20 Prozent, die geringsten Zuwächse gibt es in Bayern und Baden-Württemberg. Die Psychotherapeuten mit den höchsten Punktwerten 2008 (KV Westfalen-Lippe) müssen als einzige einen Verlust (circa 1,80 Euro je Sitzung) hinnehmen. Dies ist eine der Folgen der Einbeziehung der Leistungen des Kapitels 35.2 in die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung.

Trotz Honorarerhöhung und trotz maximalen Arbeitseinsatzes können Psychotherapeuten allerdings immer noch kein Einkommen erzielen, das mit dem gut verdienender Fachärzte vergleichbar ist.

Höhere Morbidität kann Gesamtvergütung anheben
Da das Morbiditätsrisiko bei psychischen Störungen schwer vorherzusagen ist, haben die Psychotherapeuten und die KBV konsequent das Ziel verfolgt, die Psychotherapie außerhalb der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung anzusiedeln. Das wäre auch aufgrund bestimmter statistischer Probleme sinnvoll gewesen. Die nun doch erfolgte Einbeziehung der Psychotherapie hat immerhin die positive Folge, dass ein Zuwachs an Morbidität bei psychischen Krankheiten die Gesamtvergütung anheben kann.

Bisher engen die Regelungen zur Mengensteuerung in den KVen den Spielraum für psychotherapeutische Praxen stark ein. In der Regel wird für die nicht genehmigungspflichtigen Leistungen ein Budget gebildet, das sich an der Punktzahl pro Fall orientiert. Künftig gelten für Psychologische Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie für andere ausschließlich psychotherapeutisch tätige Vertragsärzte zeitbezogene Kapazitätsgrenzen pro Therapeut, innerhalb deren sowohl die nicht genehmigungspflichtigen wie auch die Leistungen des Kapitels 35.2 liegen. Diese Regelung erlaubt jedem Psychotherapeuten, das Verhältnis der genehmigungspflichtigen zu den nicht genehmigungspflichtigen Leistungen frei zu bestimmen. Über dieser Zeitgrenze, die die bisherigen 36 Sitzungen pro Woche und den Umfang der bisher in den Kapiteln 35.1, 35.3 und 22 beziehungsweise 23 geleisteten Zeit umfasst, wird bis zum 1,5-fachen des Zeitkontingents mit abgestaffelten Honoraren vergütet. Probatorische Sitzungen oder psychotherapeutische Gespräche können nun faktisch wieder lege artis im angemessenen Umfang ohne Abstaffelung durchgeführt werden.

Jürgen Doebert*
Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten
Dieter Best*
Deutsche Psychotherapeutenvereinigung


* Beide Autoren waren in die Verhandlungen als Mitglieder des Arbeitsausschusses des Bewertungsausschusses und weiterer Honorargremien der gemeinsamen Selbstverwaltung eingebunden.
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