ArchivDeutsches Ärzteblatt18/1997Hippokrates: Anachronistisch

SPEKTRUM: Leserbriefe

Hippokrates: Anachronistisch

Leven, Karl-Heinz

Zu den Leserbriefen "Ein Schlitzohr?" von Dr. med. Lothar Dinkel in Heft 9/1997 und "Herabsetzend" von Papasimos Sokrates in Heft 13/1997
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LNSLNS Der hippokratische Eid wird bezeichnenderweise von beiden Kontrahenten weder inhaltlich zitiert noch historisch erläutert. Vielmehr finden wir hier die in unserer Zeit beliebte emblematische Verwendung des hippokratischen Eides: für die einen enthält er die ewigen Grundwerte ärztlicher Ethik, für die anderen ist Hippokrates Sinnbild einer exklusiven, auf Bevormundung seiner Patienten ausgerichteten Ärzteschaft. Beide Deutungen sind typisch in ihrer anachronistischen Grundhaltung gegenüber der Geschichte des eigenen Standes.
Der hippokratische Eid ist in der Lebenszeit des historischen Hippokrates (zweite Hälfte 5. Jh. v. Chr.), des koischen Arztes, den Platon als Zeitgenossen des Sokrates nennt (in den Dialogen Protagoras 311bc und Phaidros 270a), unbekannt gewesen. Dies gilt für die gesamte griechische Antike. Erstmals erwähnt wird der Eid von dem römischen Arzt Scribonius Largus (1. Jh. n. Chr.). In der Überlieferung erscheint der hippokratische Eid als Eingangsseite der (umfangreichen) hippokratischen Schriften - und damit wie die Essenz der hippokratischen Medizin. Doch im Gegensatz zu den übrigen Schriften, die sich absolut und relativ datieren lassen, ist der Eid ein Dokument unbekannter Herkunft und unbekannter Abfassungszeit. Dadurch wird eine historisch-kritische Interpretation des Textes nahezu unmöglich. Die Passagen über das LehrerSchüler-Verhältnis, das "Chirurgie-Verbot" und die "Schweigepflicht" entziehen sich daher einer abschließenden Interpretation. Der von Ludwig Edelstein 1943 vorgeschlagene pythagoreische Entstehungszusammenhang löst dieses Dilemma, ist jedoch spekulativ. Die lange übliche Praxis, den Eid als Schlüsseldokument der ärztlichen Ethik der Antike und zugleich als Maßstab für die besten Seiten der hippokratischen Medizin zu benutzen, entspricht nicht dem heutigen Forschungsstand. Die rätselhafte Vieldeutigkeit des Textes, die auch seine "richtige" Übersetzung so schwer macht, erleichterte freilich in der späteren christlichen Antike, auch im arabischen Mittelalter, die Rezeption und Anverwandlung, so in dem bis heute mißverständlich sogenannten "Abtreibungsverbot". Seit der Renaissance und wiederholten Wendungen "zurück zu Hippokrates" ist der Eid immer wieder als das vermeintliche Grundgesetz ärztlicher Ethik aufgefaßt worden. Jede Epoche hat die eigenen Idealvorstellungen in einen "hippokratischen" Mantel gehüllt. Der Beweis durch Tradition und Autorität gehörte lange Zeit zum ärztlichen Selbstverständnis. Im 20. Jahrhundert ist der hippokratische Eid erneut durch das Genfer Gelöbnis von 1948, diesmal mit einem weltweiten Anspruch, für das ärztliche Selbstbild beansprucht worden. Inzwischen waren an dieser vermeintlich zeitgemäßen Formel einige "Nachbesserungen" erforderlich, die allerdings den Inhalt in ganz entscheidenden Punkten, etwa demjenigen des Lebensbeginns, verwässerten. Das Genfer Gelöbnis ist in seiner vieldeutigen Beliebigkeit ein würdiger Nachfolger des hippokratischen Eides. Eigenartigerweise wurde der "Serment d’Hippocrate, formule de Genève", zu einem Zeitpunkt geschaffen, als der unmittelbar vorausgegangene Nürnberger Ärzteprozeß (1946/47) erwiesen hatte, daß der hippokratische Eid als das Grundgesetz der ärztlichen Ethik im 20. Jahrhundert nicht geeignet ist. Um dies etwas deutlicher zu machen: Auch die angeklagten ärztlichen Verbrecher, so Karl Brandt, beriefen sich auf den "alten Hippokrates", sie reklamierten für sich, durch ihre Handlungen, darunter die Euthanasie, eine zeitgemäße Auslegung des hippokratischen Eides praktisch umgesetzt zu haben . . . Das amerikanische Militärtribunal in Nürnberg entschloß sich folgerichtig, den hippokratischen Eid als ethischen Maßstab fallenzulassen, und schuf mit dem Nürnberger Code (1947) neue ethische Richtlinien für die medizinische Forschung. Die Ironie der Geschichte: Der Nürnberger Code basierte auf 1931 vom Reichsinnenministerium erlassenen Richtlinien, die von der deutschen Ärzteschaft seinerzeit nicht akzeptiert und im Dritten Reich unterschlagen worden waren. Es sollte sich jedoch erweisen, daß die prosaischen Gebote des Nürnberger Code gegen den Mythos von Hippokrates kaum durchdringen sollten. In der öffentlichen Meinung gilt das bis heute.
Die Rezeptiongeschichte des hippokratischen Eids spiegelt in einzigartiger Weise das Selbst- und Fremdbild des ärztlichen Berufsstands wider. Und (nur) darum geht es auch stets, wenn man sich heute auf "Hippokrates" beruft oder ihn verdammt.
Priv.-Doz. Dr. med. Karl-Heinz Leven, Institut für Geschichte der Medizin, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Stefan-Meier-Straße 26, 79104 Freiburg
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