ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2008Forensisches Landeskrankenhaus: Anderen ohne Vorurteil begegnen

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Forensisches Landeskrankenhaus: Anderen ohne Vorurteil begegnen

PP 7, Ausgabe Oktober 2008, Seite 451

Gieseke, Sunna

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Das forensische Landeskrankenhaus Moringen hat ein liberales Konzept. Dazu gehört vor allem, auch das Umfeld der Patienten schön zu gestalten. Foto: Dr. Dirk Hesse/forensisches Landeskrankenhaus Moringen
Das forensische Landeskrankenhaus Moringen hat ein liberales Konzept. Dazu gehört vor allem, auch das Umfeld der Patienten schön zu gestalten. Foto: Dr. Dirk Hesse/forensisches Landeskrankenhaus Moringen
In dem forensischen Landeskrankenhaus Moringen in Niedersachsen versucht man, den Patienten ein normales Leben zu ermöglichen. Sie sollen die Chance erhalten, selbstständige Mitglieder der Gesellschaft zu werden.

Der Arzt geht schnellen Schrittes über den Platz, am idyllischen, kleinen Teich vorbei. Einige Menschen kommen ihm entgegen und begrüßen ihn freudig. Hier ein Schulterklopfen, da ein fröhliches Winken. Der hochgewachsene Mann steigt zügig die Stufen zu einem Wohnblock hinauf und wirft einen kurzen Blick auf die Schilder. Er klingelt bei einer der Wohngemeinschaften, der WG III. Ein Jugendlicher, vielleicht 19 Jahre alt, mit Baseballkappe und einem T-Shirt, welches ihn als Fan der italienischen Fußballnationalmannschaft outet, öffnet die Tür und staunt über den unerwarteten Besuch. Erfreut lässt er den Arzt eintreten. Die Dreizimmerwohnung mit einem modernen Badezimmer und einer kleinen Küche ist hell und großzügig geschnitten. „Hier sitzen wir schon mal zu mehreren und genießen die gemütlichen Abende“, erzählt der junge Mann dem Arzt und plaudert weiter: „Wir stellen manchmal ein paar Stühle dazu, damit wir mit unseren Freunden zusammensitzen können.“ Es darf nur nicht zu lange werden, am nächsten Morgen muss er früh raus: zur Arbeit. Dr. med. Martin Schott hört interessiert zu und zeigt sich fast ein wenig stolz auf seinen Schützling, der sich schließlich allein in der Wohngemeinschaft (WG) versorgt und arbeiten geht – ein fast normales Leben führt. Aber eben nur fast.

Die Wohngemeinschaft liegt auf dem Gelände des forensisch-psychiatrischen Landeskrankenhauses Moringen.

Schott ist ihr ärztlicher Leiter. Der 65-Jährige hat etwas Väterliches, ist seinen Patienten nah, manchmal sehr kumpelhaft. Schott kann sich die Nähe erlauben, da er zu den Menschen gehört, die eine natürliche Autorität ausstrahlen. Ihm tanzt sicherlich niemand auf der Nase herum. Dafür mögen ihn die Patienten auch zu sehr.

Die forensische Landesklinik hat 344 Planbetten und etwa 410 Patienten, die in Wohngemeinschaften oder Stationen untergebracht sind. Hinter den nüchternen Zahlen verbirgt sich viel Leben. Läuft man einmal über den Platz, begegnen einem zahlreiche Menschen. Einige haben gerade Schulschluss oder kommen von der Arbeit, andere wollen schwimmen gehen, malen oder basteln. Oder sie kümmern sich um die vielen Tiere: Frettchen, eine Katze, zahlreiche Kaninchen. Hier ist immer etwas los, und alle sind beschäftigt. Dadurch seien die meisten Patienten auch sehr ausgeglichen, erklärt Schott.

Das Krankenhaus verfolgt ein liberales Konzept. Etwa 60 Prozent der Patienten haben stundenweise außerhalb der Therapie- und Essenszeiten Ausgang, zum Teil in Begleitung. „Aber erst nach vielem Üben“, sagt Schott. Sie leben in Wohngemeinschaften oder in der sogenannten Außen-WG. Ihnen wird zwar viel Vertrauen entgegengebracht, aber das müssen sie sich erarbeiten: „Große Katastrophen sind selten, werden aber in der Öffentlichkeit breitgetreten. Wenn die Patienten nur eingesperrt sind, ist das viel gefährlicher, dann züchtet man sich Zeitbomben heran“, erläutert Schott. Er erklärt dies so selbstverständlich, als sei er Kritik an seinem Konzept gewohnt. Tatsächlich musste er sich seit seinem Amtsantritt vor 25 Jahren gegen viele Widerstände durchsetzen. „Früher wollte man den Patienten noch nicht einmal eine eigene Kaffeemaschine oder schöne Bilder an der Wand zugestehen.“ Das habe sich glücklicherweise geändert. Schott will, dass seine Patienten so selbstständig wie möglich leben. Das geschieht in der Klinik in verschiedenen Abstufungen. Auf jeder Station wird darauf geachtet, dass eine persönliche Atmosphäre herrscht und auf die individuellen Belange der Patienten eingegangen wird. Eine engmaschige Kommunikation zwischen den mehr als 500 Mitarbeitern, die dort tätig sind, ist daher unerlässlich. Da müsse man sich auf jeden Einzelnen verlassen können, betont Schott.

Nach und nach können sich die Patienten freier bewegen
In der Philosophie der Klinik spielt Sprache eine bedeutende Rolle. Der „Hochsicherheitstrakt“ wird hier Intensive Care Unit genannt. In diesem besonders gesicherten Bereich werden die Patienten in Einzelzimmern sehr personalintensiv Tag und Nacht mit Kameras überwacht. Sie haben allerdings auch eine Terrasse und können an die frische Luft. Diese erinnert an eine Voliere für Vögel und ist so begrünt, dass man sich kaum noch eingesperrt fühlt – obwohl man es ist. Nach und nach ist es den Patienten dann möglich, in freie Wohnanlagen umzuziehen, bis hin zur Außenwohngemeinschaft.

Dabei wird durchaus auf die Sicherheit der Mitbürger geachtet. Ohne Schlüssel gibt es kein Entkommen, und auch innerhalb des Geländes ist man eingesperrt. Vertrauen zu gewinnen, sei auch nicht so leicht, erklärt ein Patient, der mittlerweile in der Außen-WG lebt. „Für andere Patienten ist genau das der richtige Weg“, sagt eine Frau, die seit knapp zwei Jahren in der Klinik untergebracht ist. Sie fühlt sich gerade durch die Strukturen der Klinik sehr geborgen. „Manche haben ein verpfuschtes Leben“, resümiert Schott und unterstützt seine Argumente mit Händen und Fingern, so, als würde er ein Konzert dirigieren. „Bei einigen hat man auch das Gefühl, dass sie draußen nicht mehr zurechtkommen.“ Hier seien persönliche Beziehungen enorm wichtig: „Eine schlechte Beziehung ist immer noch besser als gar keine“, nur falls es zu schlimm werde, müsse er eingreifen, erklärt der ärztliche Direktor. Viele Patienten seien noch sehr unreif und hingen vor allem an ihren Müttern. Um selbstständig zu werden und sich in der Welt „draußen“ zurechtzufinden, sei es zum Beispiel wichtig zu lernen, die eigene Wäsche zu waschen. Zudem sollen die Patienten auch die Möglichkeit haben, sich eine Privatsphäre zu schaffen: Es gibt zum Beispiel Zimmer, die für einen Abend genutzt werden können. „Hier gibt es für die Patienten die Möglichkeit, zusammen zu kochen und sich in Ruhe zu unterhalten“, sagt Schott.

Einmal in der Woche gehen die Patienten zu einem der Therapeuten. Ein junger Mann, der seit vielen Jahren in der Klinik ist, erzählt, er habe länger gesucht, bis er sich bei einem Therapeuten gut aufgehoben gefühlt habe. Dieser sollte den Patienten behandeln, solange er in der Klinik ist. Und häufig dauert das Verhältnis noch darüber hinaus an. Eine der Therapeutinnen ist Martina Kronenberger, Psychologische Psychotherapeutin. Sie hat sich bewusst dafür entschieden, im Maßregelvollzug zu arbeiten. Sie wolle sich für Menschen einsetzen, die kaum eine Lobby haben. „Jeder Mensch ist etwas Besonderes, auch wenn er etwas Schlimmes verbrochen hat“, erklärt die blonde Frau mit den weichen Gesichtszügen. „Die Straftaten müssen Folgen haben, aber es bleiben Menschen mit spannenden und auch schweren Biografien“, sagt die Therapeutin. Sie sieht die Stärken des liberalen Konzepts in Moringen – und dennoch bleibe es Maßregelvollzug: „Die wissen nicht, wann sie rauskommen, und sind von Gutachten abhängig.“

Wichtig sei es vor diesem Hintergrund, den Patienten eine Perspektive zu geben, betont Schott. „Ich finde es bewegend und interessant, was Menschen empfinden können und wie sie sich entwickeln“, sagt der Arzt und lächelt. „Jeder Mensch muss sich einbezogen fühlen. Viele Patienten hatten eine tragische Kindheit. Wenn man sich aber ausgestoßen fühlt, wird man eben feindselig.“ Er schweigt und denkt nach. Dabei verschränkt er die Arme vor der Brust. „Ich habe es ganz selten erlebt, dass man an einen Menschen gar nicht herankommt. Es sind keine Monster oder intelligente Bestien, die meisten sind einfach nur arm dran.“

Die Öffentlichkeit bleibe häufig skeptisch. Man werde durch die Arbeit mit den Patienten in der öffentlichen Wahrnehmung selbst beschmutzt, meint die Therapeutin Kronenberger. „Man steht besser da, wenn man sich für die Opfer einsetzt. Die Täter waren aber auch mal Opfer.“ Die Öffentlichkeit habe häufig Angst vor den Patienten, diese Angst habe aber nichts mit der tatsächlichen Gefährdung zu tun. Schott betreibt daher auch eine intensive Nachbarschaftspflege, um seinen Patienten weiterhin ein möglichst freies Leben bieten zu können. Er ist den Bewohnern von Moringen sehr dankbar, dass sie das alles mitmachen.

Abends, als Schott die Klinik verlässt, stehen schon einige Rentnerinnen aus dem Dorf vergnügt plaudernd vor dem Tor und warten auf Einlass. Sie wollen gleich im Schwimmbad noch einige Runden drehen.
Sunna Gieseke

Fakten
Im forensischen Landeskrankenhaus Moringen werden ausschließlich gerichtlich untergebrachte Patienten behandelt. Vornehmlich sind hier Straftäter mit einem allgemeinpsychiatrischen Hintergrund sowie Alkohol- und Drogenabhängige untergebracht.

Ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist die Arbeitstherapie, die einen strukturierten Tagesablauf schafft und zusätzlich das Selbstvertrauen, die Konzentration und die Anpassungsfähigkeit der Patienten fördert.

Es arbeiten hier mehr als 500 Menschen, davon unter anderem 37 Ärzte und Psychologen und 304 Pflegekräfte. Für die Patientenschule sind sechs Pädagogen angestellt.

Das Land Niedersachsen hat im vergangenen Jahr acht Landeskrankenhäuser verkauft. Die Einrichtungen, in denen ausschließlich Patienten im Maßregelvollzug untergebracht sind, waren nicht davon betroffen. Damit blieben weiterhin vier Standorte in der Trägerschaft des Landes. Darunter auch Moringen.
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