ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2008Frankfurter Buchmesse, 15. bis 19. Oktober 2008: Sex and the E-Book

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Frankfurter Buchmesse, 15. bis 19. Oktober 2008: Sex and the E-Book

Dtsch Arztebl 2008; 105(41): A-2162 / B-1856 / C-1809

Gross, Roland

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Vom Erfolg des E-Books überzeugt: Der Europa-Chef von Sony, Fujio Nishida, bei einer Präsentation des digitalen Lesegeräts Foto: action press
Vom Erfolg des E-Books überzeugt: Der Europa-Chef von Sony, Fujio Nishida, bei einer Präsentation des digitalen Lesegeräts Foto: action press
Einer der thematischen Schwerpunkte auf der Buchmesse sind die digitalen Medien. Unter den mehr als 400 000 Publikationen aus rund 100 Ländern, die dort präsentiert werden, sind sie allerdings noch in der Minderzahl.

Und am Wochenende ziehe ich mich gerne mit meinem E-Book Screen zurück, um ein bisschen zu schmökern.“ Was für viele als Freizeitbeschäftigung noch keine Rolle spielt, beschreibt eine gar nicht mehr so ferne Zukunft: E-Books, digitalisierte Bücher. Der augenfreundlich flimmerfreie Lesekomfort, dazu Umblätterfunktion und von außen mögliche Beleuchtbarkeit entwickeln sich Richtung Brillanz und Perfektion. Hat der unaufhaltsame Siegeszug eines neuen Massenmediums begonnen? Und inwiefern werden sich dadurch die kulturellen Rahmenbedingungen und unsere Lesegewohnheiten verändern?

Naturwissenschaften und Technikthemen dominieren das aktuelle E-Book-Angebot. Monatlich kommen etwa 100 neue Digitaltitel auf den deutschen Buchmarkt. Die Belletristik ziert sich heftig, scheint (noch) unter poetischem Artenschutz und gleichsam Papierquarantäne zu stehen. Vorreiter sind die USA. Seit Einführung des „Kindle“, Amazons neuem Lesegerät für elektronische Bücher im November 2007, liegt der Umsatz mit E-Books bei knapp zehn Millionen US-Dollar im ersten Quartal 2008. Verfügbar sind derzeit rund 145 000 Titel. Sämtliche neuen gebundenen Bücher plant Random House USA bald auch als E-Books zu offerieren. Deutsche Verlage stehen ebenfalls in den Startlöchern – ein Zukunftsmarkt, der erst entsteht. Laut Marktforschungsinstitut TNS Emnid haben bis jetzt vier Prozent der Deutschen schon mal einen Text auf einem mobilen Endgerät wie PDA oder Mobiltelefon gelesen. Wenn der Kindle tatsächlich Anfang 2009 kommt, dürften es mehr werden.

Christoph Bläsi, Buchwissenschaftler an der Universität Erlangen, provoziert bewusst, wenn er hinsichtlich des vordergründigen Kultur-schocks „E-Book“, fragt, ob per se „alles, was mit Buch zu tun hat, schon Kultur ist?“. Denn hinsichtlich dieser Fragestellung sind Bücher zur Quantenphysik, Ratgeber zur Kaktuspflege oder zu Mangas fraglos grenzwertig.

Eine Frage der Haltbarkeit
Der technische Textbereich wandert aufgrund seiner leichteren wissenschaftlichen Verarbeitung und relativen Textkürze ohnehin zunehmend ins Digitale. Interessant und brisant wird es im textstrukturellen Orchideenkosmos zwischen Belletristik und wissenschaftlicher Essayistik. Zur Beruhigung: Lesbares in Buchform ist derzeit materiell haltbarer als alles Digitale. So sieht sich die Deutsche Bibliothek mit dem Problem konfrontiert, digitale Produkte in andere Formate zu kopieren, um sie überhaupt lesbar zu halten. Bläsi: „Vor allem aber sind längere gedruckte Texte ohne große Gliederungen aufgrund der physiologischen Gegebenheiten des Wahrnehmungsapparats besser lesbar als Digitalisiertes. Die geisteswissenschaftliche Kommunikation ist wegen ihrer Textstruktur bislang selten im Internet anzutreffen, anders als etwa Informatik oder Ingenieurwissenschaften. Entscheidendes in der Biochemie ist bisweilen fünf Seiten lang, in der Germanistik selten unter 350 Seiten.“ Allerdings dürfte beim wissenschaftlich vergleichenden Öffnen und Einkopieren verschiedener Daten und Dateien der Computer unschlagbar bleiben. Das E-Book wird also für die Dinge, die ohnehin bereits ins Digitale gewandert sind, keine allzu große Bedeutung bekommen, die Bedeutung wird sich beim Freizeitlesen herausstellen.

Der Verlust des Haptischen und Sinnlichen wird beklagt. Doch man denke nur an das Phänomen „Sexy iPod“ beim Musikhören. Bläsi: „Wenn ein entsprechend sexy designtes Lesegerät zur Verfügung steht, dazu technisch perfekt, wird sich vor allem die sogenannte iPod-Generation damit auch zum Schmökern zurückziehen. Nicht nur Harry Potter dürfte so E-Book-tauglich werden – ohne kulturelle Konsequenzen.“ Wohl nur die Frage einer relativ kurzen Zeit. Nach Expertenschätzungen wurden in den USA bisher bis zu 30 000 Kindle verkauft, der offenbar das Zeug hat, zu einem Kultobjekt zu werden. Mit den Sony-Lesegeräten erhöht sich die Zahl auf geschätzte 50 000 Geräte, mit denen in den USA (auch) Belletristik gelesen wird.

Härterer Wettbewerb
Je mehr digital konsumiert werden wird, egal auf welchen Geräten, desto naheliegender dürfte der Direktvertrieb vom Verlag werden. Bläsi: „Der Buchhändler wird sich auf eine beratende Funktion einstellen müssen. Vermutlich wird ein Drittel der lieferbaren Titel in spätestens 15 Jahren digitalisiert sein.“ Was allerdings zeigt, dass noch einiges Gedruckte übrig bleibt, von den heiklen Digitalbereichen „Haltbarkeit“ und „Abbildungsqualität“ einmal abgesehen. Ein härterer Wettbewerb zwischen Buchhandel und Verlagen – man denke nur an den direkten Verlags-Download – scheint bevorzustehen.

Um zukunftsfähig zu sein, reicht es nicht, das gedruckte Buch unverändert in eine elektronische Form zu übernehmen. Vielmehr werden Autoren und Verlage sich Gedanken machen müssen, wie man Geschichten für die digitalen Medien erzählt. Ein neues Phänomen entsteht in Japan: „Mobile Novels“, die Leser regelmäßig mit Episoden in handygerechter Form versorgen. Kuriose Beispiele, die tradierte Lesegewohnheiten auf den Kopf stellen, findet man auch auf der Penguin-Website (www.wetellstories.co.uk).
Roland Gross
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