ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2008Psychotherapie und Öffentlichkeitsarbeit: Aus dem Schatten treten

THEMEN DER ZEIT

Psychotherapie und Öffentlichkeitsarbeit: Aus dem Schatten treten

PP 7, Ausgabe Oktober 2008, Seite 457

Pautsch, Christina

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LNSLNS Die Öffentlichkeitsarbeit psychotherapeutischer Praxen steckt noch in den Kinderschuhen, obwohl sie Chancen zur Profilierung bietet und dem wachsenden Erklärungsbedarf begegnen kann.

Das Image der Psychotherapie ist nicht das beste. Obwohl sie ganz selbstverständlich in das medizinische Versorgungssystem integriert ist, ist der Wissensstand der Bevölkerung über psychische Krankheiten und ihre Behandlungsformen erschreckend gering, wie unter anderem eine Studie von Dr. Kirsten von Sydow (1) im vergangenen Jahr belegte. Entsprechend groß ist bei vielen die Hemmschwelle, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Ist die Entscheidung für eine Psychotherapie schließlich doch gefällt, stehen Patienten vor dem nächsten Problem: Wo nun hin?

Therapeutenwahl nach dem Zufallsprinzip
Von Sydow wies darauf hin, dass selbst unter Ärzten die Unterschiede zwischen einzelnen Berufsgruppen rund um die Psyche nicht zuverlässig bekannt seien. Dass es nicht nur unterschiedliche Berufe, sondern auch noch unterschiedliche psychotherapeutische Verfahren gibt, dürften auch die meisten Patienten erst erfahren, wenn sie bereits den Weg in die Praxis gefunden haben. Mangels besseren Wissens erfolgt die Wahl eines Therapeuten deshalb bislang eher nach dem Zufallsprinzip als auf der Grundlage fundierter Kriterien.

Inwiefern sich dieses Zufalls-prinzip auf die Behandlungsqualität auswirkt, wäre sicher einer genaueren Untersuchung wert. Doch etwaige Folgen lassen sich unschwer mutmaßen: Je geringer das Vorwissen über den gewählten Behandler, sein Verfahren und seine Arbeitsschwerpunkte ist, desto geringer ist auch die Chance, eine optimale therapeutische Passung zu erzielen. Die Konsequenzen sind naheliegend: Eine hohe Wechselquote und eine möglicherweise unnötig hohe Abbrecherquote schlucken wertvolle Ressourcen, erzeugen falsche Vorstellungen von Psychotherapie, die es erst einmal auszuräumen gilt, ziehen den Therapieprozess unnötig in die Länge.

Vergegenwärtigt man sich einmal den Weg, den ein Patient auf der Suche nach einem geeigneten Therapieplatz gehen muss, zeigt sich ein trauriges Bild. Das Telefonbuch oder die Gelben Seiten enthalten kaum mehr Informationen als den Namen und die Telefonnummer eines Behandlers. Auch die Datenbanken der Kassenärztlichen Vereinigungen – sofern diese Suchdienste den Patienten überhaupt bekannt sein dürften – sind nicht wesentlich aufschlussreicher. Selbst einen Anwalt wählt man im Fall eines Rechtsstreits mit mehr Bedacht als einen Psychotherapeuten. Man prüft ihn auf seine Spezialisierung, seine Erfahrung und seine Erfolgsquote – schließlich will man sich mit seinem Anliegen bei einer verhältnismäßig hohen finanziellen Investition optimal betreut wissen. Nicht weniger wichtig dürfte diese Gewissheit einem Patienten beim Antritt einer Psychotherapie sein. Doch im Gegensatz zur Wahl eines Rechtsanwalts stehen einem Patienten bei der Wahl eines Psychotherapeuten diese Informationen bislang kaum zur Verfügung.

Das Internet ist für die meisten Menschen heute Quelle Nummer eins, wenn es darum geht, sich über verfügbare Angebote und Dienstleister zu informieren. Das Selbstverständnis zur Eigendarstellung im Internet, wie sie in den meisten Wirtschaftszweigen seit Jahren zum Alltag gehört, beginnt sich für medizinische Angebote erst zu entwickeln. Zwar entscheiden sich zunehmend mehr Praxen dafür, sich im Internet zu präsentieren oder sich zumindest in Branchenverzeichnissen mit genaueren Angaben zum Praxisangebot listen zu lassen. Doch gerade in der Psychotherapie ist die Nutzung des Internets zur Vorstellung der eigenen Praxis eher die Ausnahme.

Patientenaufklärung im Anfangsstadium
Die Abwesenheit der Psychotherapeuten in der Onlinewelt beschränkt sich jedoch nicht nur auf die rar gesäten Präsenzen von Einzelpraxen. Auch andere Formen der Patienteninformation aus psychotherapeutischer Perspektive sind nur spärlich zu finden. In der Google-Suche zum Schlagwort „Depression“ befanden sich im April 2008 unter den ersten 100 Suchergebnissen gerade einmal vier Internetangebote, die auf Psychologen zurückgingen. Nur ein einziger Seitenbetreiber war Psychologischer Psychotherapeut im Sinne des deutschen Gesetzes. Ein weiterer war ein österreichischer Kollege, die restlichen beiden Ergebnisse entfielen auf den Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen sowie auf einen Psychologen mit Heilpraktikerzulassung. Die übrigen Suchtreffer verteilten sich unter anderem auf Patienteninformationen von Pharmaunternehmen (16 Prozent), auf Gesundheitsportale (zwölf Prozent), auf Experten-Initiativen wie das Deutsche Bündnis gegen Depression (neun Prozent) und auf Anbieter ohne erkennbaren fachlichen Hintergrund (acht Prozent).

Auffällig war hierbei, dass sich die Informationsangebote der Pharmaunternehmen sowie die Laienangebote überproportional stark auf den ersten Ergebnisseiten verdichteten und damit sowohl von Google als auch vom Internetnutzer als entsprechend höherwertig beurteilt werden. Betrachtet man dieses Ergebnis als repräsentatives Beispiel für die Präsenz psychotherapeutischer Patienteninformation im Internet, ist es wenig verwunderlich, wenn Psychotherapie in den Köpfen der Bevölkerung ein Schattendasein führt.

Im englischen Sprachraum sieht diese Situation deutlich anders aus. Die Internetangebote zur Psychotherapie reichen hier von privaten Praxis-Websites über Weblogs und Podcasts bis hin zu Internetportalen, in denen fundierte Patienteninformation auf lebenspraktische Weise groß geschrieben wird. Doch nicht nur quantitativ sind uns Amerikaner und Briten, ja selbst die Kanadier, Australier und Neuseeländer in der Kommunikation des Themas Psychotherapie um etliche Nasenlängen voraus. Auch qualitativ gehen viele Angebote mit gutem Beispiel voran. Qualität besitzt in der Patientenaufklärung ihre eigenen Regeln: Eine Ent-Wissenschaftlichung der Sprache bei gleichzeitiger wissenschaftlicher Fundierung, die Vermittlung von Lebensnähe und Vertrauen in bestimmte Behandlungsansätze sowie ein erkennbares Verständnis für die Patientensituation können hier als Gütekriterien für fruchtbare Öffentlichkeitsarbeit benannt werden.

Betrachtet man Angebote wie psychcentral.com, lässt sich ahnen, warum Akzeptanz und Image von Psychotherapie im angloamerikanischen Raum weit besser entwickelt sind. Das Portal über psychische Gesundheit ist eine Mischung aus psychotherapeutischem Informationspool und sozialem Netzwerk für Betroffene, das von Experten der psychotherapeutischen Versorgung seit mittlerweile 16 Jahren erfolgreich betrieben wird. Mehr als 60 000 registrierte User greifen regelmäßig auf die Informationsdienste des Portals zurück, diskutieren in Foren oder nutzen die Möglichkeit, sich unverbindlich von Experten beraten zu lassen.

Sich mit dem eigenen Leistungsangebot stärker in die Öffentlichkeit zu begeben, mag unter Psychotherapeuten nach wie vor etwas befremden. In Anbetracht enormer Versorgungsengpässe und langer Wartelisten liegt es für den einen oder anderen wahrscheinlich nahe, sich aus der Öffentlichkeit eher zurückzuziehen. Doch wie eingangs angedeutet, zielt eine stärkere öffentliche Präsenz nicht notwendigerweise auf eine quantitative Steigerung der Praxisauslastung ab. Vielmehr kann der aktive Umgang mit Medien und Öffentlichkeit dazu beitragen, den bislang eher zufällig zustandekommenden Patientenstrom zu steuern und zu kanalisieren.

Wird es für Patienten möglich, sich aktiv und unverbindlich über psychotherapeutische Angebote zu informieren, ebnet sich der Weg für eine neue Qualität der Zusammenarbeit. Ein höherer Grad der Aufklärung über Psychotherapie im Allgemeinen schon vor Beginn einer Behandlung sowie die bewusstere Entscheidung für ein bestimmtes Angebot – basierend auf Erfahrung, Behandlungsschwerpunkten und letztlich auch auf Sympathie eines Therapeuten – können einen wesentlichen Beitrag leisten für eine effektivere, ressourcenschonendere Zusammenarbeit zwischen Patient und Therapeut. Allein das Gefühl, sich selbst und bewusst für einen bestimmten Psychotherapeuten entschieden zu haben, könnte sich positiv auf das Therapieklima auswirken und die Bereitschaft des Patienten steigern, sich auf „seine eigene Wahl“ einzulassen.

Herausforderungen der Zukunft
Die aktivere Kommunikation von Praxisleistungen muss künftig zu einer selbstverständlichen Aufgabe in der Praxisführung werden. Die Einführung von Qualitätsmanagement in Praxen verlangt eine stärkere, kontinuierliche und praxisintern standardisierte Information von Patienten über Behandlungsverfahren, Leistungsspektrum und weiterführende Hilfsangebote, was mittelfristig die Etablierung eines neuen Qualitätsstandards in der Patienteninformation zur Folge haben wird.

Die Kommunikation von differenzierenden Vertragsleistungen wird früher oder später zu einem unverzichtbaren Bestandteil in der Versorgungslandschaft werden, wenn für Patienten der Zugang zur Psychotherapie weiterhin halbwegs überschaubar bleiben soll.

Mediale Eigendynamik nicht unterschätzen
Auch die Medien selbst fordern zunehmend eine aktive Auseinandersetzung von Ärzten und Therapeuten mit der Öffentlichkeit. Immer mehr Bewertungsportale, wie zum Beispiel docinsider.de, ermöglichen es Patienten, Behandlungsleistungen im Internet ungefiltert zu bewerten. Damit obliegt öffentliche Resonanz nicht mehr der freiwilligen Entscheidung von Praxisbetreibern. Bedenkt man, dass gerade in der Psychotherapie die „Bestrafung“ eines Therapeuten durch aufgebrachte Patienten als Teil des therapeutischen Prozesses nicht selten vorkommt, erhält diese Beziehungsdynamik mit den wachsenden Möglichkeiten der öffentlichen Beurteilung einen kritischen Nährboden. Gegen die drohende Anprangerung juristisch vorzugehen, ist eher aussichtslos. Daher gilt es, mit der zunehmenden medialen Eigendynamik konstruktiv umzugehen und sie im Interesse der eigenen Arbeit bestmöglich steuern zu lernen.

Insgesamt liegt in der Etablierung von Öffentlichkeitsarbeit in psychotherapeutischen (und ärztlichen) Praxen nicht nur eine unausweichliche Herausforderung für die Zukunft, sondern vor allem auch eine Chance zur stärkeren Profilierung und eine Möglichkeit, der stetig steigenden Nachfrage sowie einem wachsenden Erklärungsbedarf aktiv zu begegnen – zugunsten eines Patientenmanagements, das beiden Seiten gerecht wird: dem ahnungslosen Patienten und dem notorisch überlasteten Psychotherapeuten.


Anschrift der Verfasserin:
Christina Pautsch, M.A., (Medienwissenschaftlerin) Hagenauer Straße 6, 10435 Berlin, E-Mail: hallo @christina-pautsch.de, www.christina-pautsch.de


(Muster-)Berufsordnung
der Bundes­psycho­therapeuten­kammer

§ 23, Abs. 3: Psychotherapeuten dürfen auf ihre berufliche Tätigkeit werbend hinweisen. Die Werbung muss sich in Form und Inhalt auf die sachliche Vermittlung des beruflichen Angebots beschränken. Insbesondere anpreisende, irreführende oder vergleichende Werbung ist unzulässig. Dies gilt auch für die Darstellung auf Praxisschildern. Werbeverbote auf Grund anderer gesetzlicher Bestimmungen bleiben unberührt.

§ 23, Abs. 4: Eine Internetpräsenz muss den gesetzlichen Bestimmungen, insbesondere den Vorschriften des Telemediengesetzes entsprechen.
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1.
Sonnenmoser M: Interview mit Dr. Kirsten von Sydow: „Es ist ein bisschen gefährlich,sich mit den Medien einzulassen“. PP, Heft 3, März 2008: 112–5.
1. Sonnenmoser M: Interview mit Dr. Kirsten von Sydow: „Es ist ein bisschen gefährlich,sich mit den Medien einzulassen“. PP, Heft 3, März 2008: 112–5.

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