ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2008Sexuelle Übergriffe in therapeutischen Beziehungen: Mehr Aufklärung gefordert

WISSENSCHAFT

Sexuelle Übergriffe in therapeutischen Beziehungen: Mehr Aufklärung gefordert

PP 7, Ausgabe Oktober 2008, Seite 463

Eichenberg, Christiane

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LNSLNS An der Universität zu Köln wurden die Risikofaktoren und Folgen von sexuellen Übergriffen für die betroffenen Patientinnen und Patienten erforscht. Die Ergebnisse älterer Studien bestätigten sich.

Sexuelle Übergriffe sind ein sehr prekäres Thema. Am Institut für Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik der Universität zu Köln wurden zwei empirische Studien durchgeführt, um den Umgang mit der Thematik zu versachlichen. Die Fragestellung lautete: „Welche Auswirkungen haben sexuelle Kontakte innerhalb therapeutischer Beziehungen auf die betroffenen Patienten?“

Auf der Grundlage einer ersten empirischen Untersuchung zu diesem Thema (3, 4), die 1995 im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt wurde, trat 1998 eine strafrechtliche Regelung in Kraft (Paragraf 174 c StGB), die Therapeuten den sexuellen Kontakt zu ihren Patienten bei Strafe untersagt. In der aktuellen Nachuntersuchung war ers-tens zu klären, ob und wieweit die Ergebnisse der früheren Studie hinsichtlich situativer Bedingungen und Folgeerscheinungen für die Patienten konvergierten. Zweitens sollte geklärt werden, ob mittlerweile Veränderungen im Umgang der beteiligten Personen und Instanzen mit sexuellem Missbrauch in der Therapie zu beobachten sind.

Übergriff mit Folgen
In der Nachfolgeuntersuchung (5, 10) im Jahr 2007 berichteten 77 betroffene Patienten (66 weiblich, elf männlich) von ihren Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen durch ihren Therapeuten. Zum Zeitpunkt der Befragung waren die Probanden im Mittel knapp 35 Jahre (Range: 15 bis 69 Jahre). Das Durchschnittsalter zum Zeitpunkt der Übergriffe lag bei etwa 28 Jahren, allerdings waren zehn der Betroffenen nichtmals volljährig. Zwischen dem Übergriff und der Befragung lagen durchschnittlich sechs Jahre; bei sieben Probanden war zum Befragungszeitpunkt weniger als ein Jahr vergangen, im Maximum lagen 30 Jahre zurück. Knapp die Hälfte der Befragten war zum Befragungszeitpunkt verheiratet oder lebte in fester Partnerschaft. Es zeigte sich eine überwiegend hohe Bildung der Untersuchungsteilnehmer: 55 Prozent konnten das Abitur, über zwei Drittel das Fachabitur nachweisen.

Die Therapie wurde von den betroffenen Teilnehmern aus den unterschiedlichsten Gründen begonnen; hinsichtlich ihrer Symptomatik unterscheiden sie sich nicht von der Gesamtpopulation der Psychotherapiepatienten. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) berichtete von depressiven Symptomen zu Beginn der Therapie, in 37 Prozent der Fälle litten die Befragten unter Angst und Panik, 27 Prozent unter Grenzstörungen (zum Beispiel Borderline-Persönlichkeitsstörungen), 24 Prozent unter selbstverletzendem Verhalten und Autoaggressionen. Knapp ein Viertel (23 Prozent) der Befragten gab an, traumatisiert zu sein, ohne dass sie den Grund dafür nannten, 18 Prozent berichteten, aufgrund von sexuellen Gewalterfahrungen unter einer Traumafolgestörung zu leiden. Obwohl nicht explizit nach sexuellen Gewalt- und Missbrauchserfahrungen gefragt wurde, gaben insgesamt 44 Prozent der Gesamtstichprobe mindestens eine frühere sexuelle Gewalterfahrung an, von 30 Prozent wurden (auch) sexuelle Missbrauchserfahrungen in der Kindheit geschildert.

In fast 80 Prozent der Fälle ergriff nach Angaben der Befragten der Therapeut die Initiative zum sexuellen Kontakt. Insgesamt gaben 87 Prozent der Untersuchungsteilnehmer an, dass dieser Übergriff Folgen für sie hatte, von diesen berichteten 93 Prozent über problematische Folgen, nur drei Probanden verneinten die entsprechende Frage. Damit reihen sich die vorliegenden Befunde in die lange Liste von Untersuchungen ein, die in den letzten 15 Jahren die negativen Konsequenzen der sexuellen Übergriffe von Therapeuten auf Patienten belegt haben (6, 7, 8, 15, 16, 18).

84 Prozent der Betroffenen nannten neue und/oder verstärkte Beschwerden als Folge des sexuellen Kontakts. Die Folgebeschwerden decken sich mit denen, die in anderen Studien extrahiert wurden (1, 4, 7, 17, 21). Als verstärkte Beschwerden wurden Isolation, Misstrauen, Angst, Scham- und Schuldgefühle, Selbstzweifel, depressive Symptome, psychosomatische Beschwerden und selbstverletzendes Verhalten am häufigsten berichtet. Hinsichtlich der neu aufgetretenen Symptome findet man vor allem Misstrauen, emotionalen Rückzug, Angst, depressive Symptome, Wut und Aggression, Selbstzweifel, psychosomatische Beschwerden sowie Schlafstörungen (4).

Isolation, emotionaler Rückzug und Misstrauen
Die grundsätzliche Störung der Liebes- und Beziehungsfähigkeit, die sich bei den vom professionalen Missbrauchstrauma (PMT) Betroffenen feststellen lässt (3), wird in aktuellen Untersuchungen besonders deutlich anhand der häufigen Nennung von Isolation, emotionalem Rückzug beziehungsweise Misstrauen als verstärkte oder neue Beschwerden nach den sexuellen Übergriffen.

Ein eindringliches Bild für die traumatische Qualität des miss-bräuchlichen Geschehens in der Therapie liefern auch die Einschätzungen der Probanden auf der „Impact of Event Scale“ (13): Die Auswertung ergab, dass 89 Prozent der Befragten durch die sexuellen Übergriffe traumatisiert waren, in mehr als drei Vierteln der Fälle lag sogar eine mittelgradige bis schwere Traumatisierung vor.

Etwa die Hälfte der betroffenen Patienten hatte aufgrund des sexuellen Übergriffs in der Therapie das Bedürfnis nach einer weiteren Psychotherapie, um die massiven Folgen zu verarbeiten. In den Fällen, in denen dieses Bedürfnis nicht bestand, wurde dies zumeist mit dem Vertrauensverlust in Psychotherapeuten generell begründet. 25 Betroffene hatten zum Befragungszeitpunkt bereits eine Folgetherapie abgeschlossen. Als hilfreich an der Haltung des Folgetherapeuten wurde das Wahren von Grenzen (professionelle Abstinenz) erlebt (zu den Grundregeln für Folgetherapien siehe 5).

Nur wenige Betroffene streben Rechtsverfahren an
Im Gegensatz zu den Ergebnissen neuerer Patientenbefragungen aus den USA (9, 15) wurde hier festgestellt, dass nur sehr wenige Opfer professionaler sexueller Übergriffe ein rechtliches Verfahren gegen die Therapeuten in Betracht ziehen. Über zwei Drittel der befragten Probanden gaben an, nie an ein solches Vorgehen gedacht zu haben. In den übrigen Fällen wurden trotz solcher Überlegungen in zwei Dritteln der Fälle keine rechtlichen Schritte unternommen. Neben der emotionalen Gebundenheit an den grenzverletzenden Therapeuten und dem Gefühl der Mitschuld an dem Geschehen gaben die Probanden vor allem und primär Angst vor den psychischen Belastungen eines Verfahrens als Grund dafür an. Trotz der Existenz des Paragrafen 174 c StGB, der Therapierenden den sexuellen Kontakt zu Patienten untersagt, unternahmen die Probanden nur in fünf Fällen rechtliche Schritte, in nur drei Fällen kam es zu einem förmlichen Verfahren.

Die Problematik der sexuellen Übergriffe von Therapeuten auf Patienten und die verheerenden Folgen für die betroffenen Patienten bestehen als zeitkonstantes Phänomen fort, was durch die Aktualität der Ergebnisse belegt wurde. Die Folgebeschwerden bewegen sich im Rahmen des professionalen Missbrauchstraumas. Ebenso bestätigt wurden die Befunde zu den situativen Umständen sexueller Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie aus der ersten Untersuchung. Unterschiedlich waren die Erhebungsbedingungen der beiden Studien. Dennoch zeigten sich die gleichen stereotypen Interaktionsmuster zwischen Therapeuten und Patienten (Scripts), die Risikovariabeln der Therapeuten und Vulnerabilitätsfaktoren der Patienten sowie die Folgen für die Patienten. In der ersten Untersuchung (4) wurden betroffene Patienten über Zeitungsannoncen auf die Studie aufmerksam gemacht; aktuell wurden die Untersuchungsteilnehmer über das Internet gewonnen. Dieses gilt als valides Erhebungsinstrument, auch um schwer zugängliche Stichproben zu erreichen (11). In der Nachuntersuchung wurden die Empfehlungen und Regeln bei der Durchführung von Onlineumfragen vollständig umgesetzt (2).

Von entscheidender Bedeutung zur Vermeidung von sexuellen Übergriffen durch Therapeuten ist die Aufklärung der Fachwelt und der Öffentlichkeit über den sexuellen Missbrauch in therapeutischen Beziehungen (20). Das schließt mit ein, entsprechende Themen in den Curricula von psychotherapeutischen Ausbildungsgängen obligatorisch zu verankern. Mindestens ebenso wichtig ist die Aufklärung potenzieller Opfer. So werden von US-amerikanischen Autoren Handzettel mit Informationen über Patientenrechte und ethische Richtlinien vorgeschlagen, die anschauliche Beispiele auch bezüglich ethischem versus unethischem Verhalten umfassen (14). Diese Verfahrensweisen sind auch für Deutschland denkbar und sinnvoll. Einen weiteren Beitrag können Medien leisten, die ein realistisches Bild zu den professionellen Zielen wie auch zu den Grenzen der Psychotherapie vermitteln (19).
Dr. Christiane Eichenberg

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Christiane Eichenberg, Dipl.-Psych., Institut
für Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität zu Köln, Höninger Weg 115, 50969 Köln, E-Mail: eichenberg@uni-koeln.de
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 1.
Apfel RJ, Simon B: Patient-therapist sexual contact. I.: Psychodynamic Perspectives on the causes and results. Psychotherapy and Psychosomatics 1985; 43(2): 57–62.
 2.
Batinic B, Reips U-D, Bosnjak M (Eds.): Online Social Sciences. Göttingen: Hogrefe 2002.
 3.
Becker-Fischer M, Fischer G: Sexueller Mißbrauch in der Psychotherapie- was tun? Orientierungshilfen für Therapeuten und interessierte Patienten. Heidelberg: Asanger 1996.
 4.
Becker-Fischer M, Fischer G: Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Band 107. Köln: Kohlhammer 1997.
 5.
Becker-Fischer M, Fischer G: Sexuelle Übergriffe in der Psychotherapie und Psychiatrie. Orientierungshilfen für Therapeut und Klientin (2., vollständ. überarb. Aufl.). Kröning: Asanger 2008.
 6.
Ben-Ari A, Somer E: The aftermath of therapist-client sex: exploited women struggle with the consequences. Clinical Psychology and Psychotherapy 2004; 11: 126–36.
 7.
Benowitz MS: Sexual expoitation of female clients by female psychotherapists: Interviews with clients and an comparison to women exploitated by male psychotherapists (Doctoral dissertation, University of Minnesota, 1991). Dissertation Abstracts International 52 (5–B), AAT9130138; 1991.
 8.
Disch E, Avery N: Sex in the consulting room, the examining room, and the sacris-ty: survivors of sexual abuse by professionals. American Journal of Orthopsychiatry 2001; 71(2): 204–17.
 9.
Disch E: Sexual victimization and revictimization of women by professionals: client experiences and implications for subsequent treatment. Women & Therapy 2006; 29(1–2): 41–61.
10.
Dorniak J: Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie. Eine Befragungsstudie unter betroffenen PatientInnen. Diplomarbeit am Institut für Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik der Universität zu Köln, 2007.
11.
Eichenberg C: Das Internet als Medium wissenschaftlicher Tätigkeit – eine Untersuchung im Fach Klinische Psychologie an deutschsprachigen Universitäten. Saarbrücken: VDM-Verlag 2007.
12.
Hinckeldey S, Fischer G: Psychotraumatologie der Gedächtnisleistung. München: Reinhardt 2002.
13.
Horowitz MJ, Wilner N, Alvarez W: Impact of Event Scale: A measure of subjective stress. Psychosomatic Medicine 1979; 41: 209–18.
14.
Kagle J, Giebelhausen P: Dual relationships and professional boundaries. Soc Work 1994; 39(2): 213–20.
15.
Luepker ET: Effects of practioners’ sexual misconduct: a follow-up study. Journal of the American Academy of Psychiatry and Law 1999; 27(1): 51–63.
16.
Moggi F, Brodbeck J: Risikofaktoren und Konsequenzen von sexuellen Übergriffen in Psychotherapie. Zeitschrift für Klinische Psychologie 1997; 26(1): 50–7.
17.
Schoener GR, Milgrom JH, Gonsiorek J: Therapeutic responses to clients who have been sexually abused by psychotherapists. In G. R. Schoener (Ed.), Psychotherapists’ sexual involvement with clients: Intervention and prevention (pp. 95–112). Minneapolis: Walk-In Counseling center 1990.
18.
Somer E, Saadon M: Therapist-client sex: clients’ retrospective reports. Prof Psychol Res Pr 1999, 30(5): 504–9.
19.
Strasburger L, Jorgenson L, Sutherland P: The prevention of psychotherapist sexual misconduct: Avoiding the slippery slope. Am J Psychother 1992; 46(4): 544–55.
20.
Tschan W: Missbrauchtes Vertrauen. Sexuelle Grenzverletzungen in professionellen Beziehungen. Ursachen und Folgen (2., neu bearb. und erw. Aufl.). Basel: Karger 2005.
21.
Wohlberg JW, McCraith DB, Thomas DR: Sexual misconduct and the victim/survivor: A look from the inside out. In: J. D. Bloom, C. C. Nadelson & M. T. Notman (Eds.), Physician Sexual Misconduct (pp. 181–204). Washington D. C.: American Psychiatric Press 1999.
 1. Apfel RJ, Simon B: Patient-therapist sexual contact. I.: Psychodynamic Perspectives on the causes and results. Psychotherapy and Psychosomatics 1985; 43(2): 57–62.
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 4. Becker-Fischer M, Fischer G: Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Band 107. Köln: Kohlhammer 1997.
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 6. Ben-Ari A, Somer E: The aftermath of therapist-client sex: exploited women struggle with the consequences. Clinical Psychology and Psychotherapy 2004; 11: 126–36.
 7. Benowitz MS: Sexual expoitation of female clients by female psychotherapists: Interviews with clients and an comparison to women exploitated by male psychotherapists (Doctoral dissertation, University of Minnesota, 1991). Dissertation Abstracts International 52 (5–B), AAT9130138; 1991.
 8. Disch E, Avery N: Sex in the consulting room, the examining room, and the sacris-ty: survivors of sexual abuse by professionals. American Journal of Orthopsychiatry 2001; 71(2): 204–17.
 9. Disch E: Sexual victimization and revictimization of women by professionals: client experiences and implications for subsequent treatment. Women & Therapy 2006; 29(1–2): 41–61.
10. Dorniak J: Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie. Eine Befragungsstudie unter betroffenen PatientInnen. Diplomarbeit am Institut für Klinische Psychologie und Psychologische Diagnostik der Universität zu Köln, 2007.
11. Eichenberg C: Das Internet als Medium wissenschaftlicher Tätigkeit – eine Untersuchung im Fach Klinische Psychologie an deutschsprachigen Universitäten. Saarbrücken: VDM-Verlag 2007.
12. Hinckeldey S, Fischer G: Psychotraumatologie der Gedächtnisleistung. München: Reinhardt 2002.
13. Horowitz MJ, Wilner N, Alvarez W: Impact of Event Scale: A measure of subjective stress. Psychosomatic Medicine 1979; 41: 209–18.
14. Kagle J, Giebelhausen P: Dual relationships and professional boundaries. Soc Work 1994; 39(2): 213–20.
15. Luepker ET: Effects of practioners’ sexual misconduct: a follow-up study. Journal of the American Academy of Psychiatry and Law 1999; 27(1): 51–63.
16. Moggi F, Brodbeck J: Risikofaktoren und Konsequenzen von sexuellen Übergriffen in Psychotherapie. Zeitschrift für Klinische Psychologie 1997; 26(1): 50–7.
17. Schoener GR, Milgrom JH, Gonsiorek J: Therapeutic responses to clients who have been sexually abused by psychotherapists. In G. R. Schoener (Ed.), Psychotherapists’ sexual involvement with clients: Intervention and prevention (pp. 95–112). Minneapolis: Walk-In Counseling center 1990.
18. Somer E, Saadon M: Therapist-client sex: clients’ retrospective reports. Prof Psychol Res Pr 1999, 30(5): 504–9.
19. Strasburger L, Jorgenson L, Sutherland P: The prevention of psychotherapist sexual misconduct: Avoiding the slippery slope. Am J Psychother 1992; 46(4): 544–55.
20. Tschan W: Missbrauchtes Vertrauen. Sexuelle Grenzverletzungen in professionellen Beziehungen. Ursachen und Folgen (2., neu bearb. und erw. Aufl.). Basel: Karger 2005.
21. Wohlberg JW, McCraith DB, Thomas DR: Sexual misconduct and the victim/survivor: A look from the inside out. In: J. D. Bloom, C. C. Nadelson & M. T. Notman (Eds.), Physician Sexual Misconduct (pp. 181–204). Washington D. C.: American Psychiatric Press 1999.

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gast7878
am Sonntag, 17. August 2014, 12:41

selbst betroffen

Ich bin selbst Opfer eines schwersten und lang andauernden sex. Missbrauchs durch meinen damaligen Arzt und Therapeuten geworden.
Es freut mich, dass es Studien dazu gibt und das Thema mehr und mehr in die Öffentlichkeit zu kommen scheint.
Speziell möchte ich hier das Augenmerk lenken auf die nehezu unmögliche Durchsetzung in rechtlichen Verfahren. Obwohl mir alle Folgetherapeuten äußerst hohe Glaubhaftigkeit bestätigten, war ich im Glaubhaftigkeitsgutachten nicht erfolgreich. Man wird dann sehr wütend und kann nicht mehr an Gerechtigkeit in dieser Welt glauben, weil die Wahrheit nicht siegt. Im Gutachten wurden die abstrusesten Thesen aufgestellt, wo ich diese Übergriffe angeblich sonst noch hätte erleben können (außer beim behandelnden Arzt), obwohl im selben Gutachten stand, dass die Verwobenheit von Therapie-Geschehen und Übergriffen auffalle und die allermeisten Menschen nicht in der Lage wären, so etwas zu erfinden.
In den Pausen zwischen den Befragungen wurde ich von der Gutachterin auf den Kachelmann-Prozess angesprochen, ich wollte dazu eigentlich gar nichts sagen, weil ich nicht wusste, was das sollte, aber die Gutachterin insistierte. Bis ich irgendwann halt irgendwas dazu sagte, meine Einschätzung oder Gefühle dazu nannte. Und dann kam wie aus der Pistole geschossen ihr "Aber das hat ja mit Ihrem Fall nichts zu tun!". [-Genau, das hatte ich ja von Anfang an gedacht gehabt!] Verrückterweise war meine Strafanzeige zudem bei der Polizei eingegangen bevor irgendwelche Meldungen im Kachelmann-Prozess überhaupt publik wurden. Ich nahm dann in meiner Naivität an, dass die Gutachterin das natürlich noch recherchieren und dann selbst feststellen würde. Aber ich denke, sie hat sich die Mühe gar nicht gemacht.
Meine ganzen Indizien aus der Zeit (Briefe, Berichte, Tonbandaufnahme) spielten im gesamten Ermittlungsverfahren kaum eine Rolle. Auch meine (wie ich jetzt weiß absolut typischen) Folge-Symptome interessierten nicht.
Kein Mensch könnte sich das, was ich erlebt habe, in dieser Komplexität ausdenken. Und mit welchem Ziel überhaupt? Ich hatte genug Probleme, auch ohne den professionellen Missbrauch.

Ich bin nach vielen, vielen Jahren noch immer sehr geschädigt von den Erfahrungen. Es hat irgendwas mit meiner Persönlichkeit angestellt, das mir nicht mehr reparabel scheint. Das macht sehr verzweifelt. Und so sehr mir Folgetherapeuten auch helfen wollten, wirklich helfen konnte mir leider bisher niemand. In der ganz akuten Phase direkt nach Abbruch der missbrauchenden Therapie-Beziehung hat mir eine Sitzung mit einer imaginativen Traumatherapie sehr geholfen, wieder ein Gefühl von grundlegender, existentieller Sicherheit zu bekommen ("sicherer Ort"-Übung). [Ironischerweise war es exakt jene Übung, die der missbrauchende Therapeut zuvor ebenfalls mit mir durchgeführt hatte und dem dann sexuell getönte Übungen beigefügt hatte.]

Mein Arzt von damals praktiziert munter weiter.
Ich glaube auch, dass er bis heute kein bisschen Reue empfindet und mir weiterhin die Verantwortung an allem geben wird ("die war ja so gestört, hat ja nichts mit mir als Arzt zu tun").
Ich möchte ihm hier an dieser Stelle, falls er es zufällig lesen sollte, mitteilen, dass ich ihn als Mann nicht meinte und nicht wollte.
Er war nicht mein Typ Mann, er war viel zu alt für mich, 20 Jahre älter als ich oder so, als ich ihn das erste Mal sah fand ich ihn irgendwie "speckig" und schmierig.
Es gehört sicher eine gehörige Portion an Narzissmus dazu und auch an verpassten Ausbildungs-Inhalten, nicht zu wissen oder nicht sehen zu wollen, was eine therapeutische Übertragung ist.
Und das bei einem Mann, der so eitel ist und so viel Wert auf seinen Inellekt legt.
Er war ein schlechter Arzt. Auch wenn er das nicht wahrhaben wollen wird und sich immer als so fortschrittlich, differenziert, un-eitel, wenig geltungs-bedürftig, ja so unheimlich menschlich, souverän usw. gibt.

Es ist mir außerdem noch wichtig, hier festzuhalten, dass dieser Therapeut und Arzt sehr vorsichtig vorging, extrem vorbaute, alles mögliche geschickt einfädelte, damit ich später auf jeden Fall unglaubwürdig sein würde. Er war da sehr gut drin. Vermischte die sexuellen Übergriffe mit Phantasien, die ich ihm einmal schriftlich gegeben hatte, usw. Machte mir mieseste Schuldgefühle, gab mir die Verantwortungen an den Vorfällen (obwohl der erste Schritt immer von ihm ausging).
Auch forderte er mich zu sexuellen Kontakten mit einem Bekannten von mir auf, mit dem ich normalerweise gar nichts angefangen hätte, er ließ sich dann alles en Detail schildern. Als ich das später bei der Gutachterin (weil ich dachte, Wahrheit und Genauigkeit siegt) natürlich ebenfalls beschrieb, wurde mir auch daraus sozusagen "ein Strick" gedreht, und plötzlich wurde in Erwägung gezogen, ich könnte da was vermischen.
Ich war von der Gutachterin nach dem ungefähren Datum dieser Kontakte mit dem Bekannten gefragt worden, weil es mir immer sehr schwer fiel, die Geschehnisse zeitlich genauer zuzuordnen, und weil es gewisse Handlungen seitens des Arztes an mir gab, die als Reaktion auf meine Erlebnisse mit dem jungen Mann (und deren Bericht beim Arzt) stattfanden. Bis zur nächsten Sitzung recherchierte ich also die Zeitpunkte dieser Kontakte zu dem Bekannten. Und beim nächsten Termin mit der Gutachterin nannte ich ihr die Zeiträume. ...Im Gutachten stand dann kritisch, dass auffalle, dass ich als zeitliche Verankerung ausgerechnet(!) die sexuellen Kontakte zu diesem Bekannten wählte....!!
[Ja, ich kann auch nichts dafür, dass mein Arzt sich und die Erfahrungen bei ihm mit ALLEM in meinem Leben vermengte, sich da überall hineinbrachte, nichts unberührt ließ, und sich an diesen Kontakten mit dem jungen Mann, zu denen er mich selbst anstachelte und über die er mich dann detailliert ausfragte, offenbar aufgeilte. Es waren übrigens meine ersten sexuellen Kontakte überhaupt in meinem Leben. Er dachte wohl, er habe ein tolles Werk vollbracht, mich erst selbst so anzufassen und in mich einzudringen und danach und teilweise parallel dazu noch diese Kontakte zu dem anderen Mann zu forcieren.... in Wahrheit habe ich mein Aller-Innerstes damals für immer verloren, mein eigenes "Ich".

Ich glaube, eine "normale" Vergewaltigung in einer U-Bahn oder auf offener Straße oder so, hätten für mich nicht annähernd so schlimme Auswirkungen gehabt wie der (andauernde) Missbrauch durch meinen damaligen Therapeuten.
Ich bin keine Fachfrau, aber ich bin mir da recht sicher.
Einen Überfall durch einen Fremden oder jedenfalls einen von mir und meinem Leben klar abgegrenzten Mann, hätte ich recht gut verarbeiten können (bilde ich mir zumindest ein, es ist mir ja nicht passiert). Aber diese Erfahrungen jetzt konnte ich über all die Jahre nicht in einer Art von mir "abtrennen" oder abheften/einordnen, die irgendwas von mir und meiner restlichen Person oder meinem restlichen Leben "übriggelassen"/verschont gelassen hätte! Alles war betroffen: Mein ganzes Leben, meine ganze Person. Er wusste alles von mir, es gab keinen Winkel in meinem Leben und Erleben, das nicht irgendwie mit ihm verbunden gewesen wäre und damit durch diesen furchtbaren, nicht verstehbaren, nicht verarbeitbaren Missbrauch nicht mit in den Dreck gezogen worden wäre.

Er war ein sehr ungeduldiger Therapeut, und ich denke, dass die Übergriffe zum Teil auch aus einer Frustration bei ihm resultierten.
Und er wirkte auf mich unbeständig, launisch, schwankend.

Ansonsten nichts besonders Auffälliges, Kollegen hätten ihm sowas sicher nie zugetraut. Er wusste (instinktiv?), wie er sich maximal schützen konnte (vor späteren Konsequenzen) bei allem was geschah.

Als Präventionsmaßnahme würde ich einem Aufklärungs-Schreiben durch z.B. die Krankenkasse zu Beginn einer Therapie größte Bedeutung (Schutz-Wirkung) beimessen.

Für mich war damals der entscheidende Punkt, dass ich - nach fast eineinhalb Jahren der Übergriffe - im Internet auf einer Seite des Bundesministeriums (glaube ich) den Satz las "NICHTS rechtfertigt sexuelle Kontakte" oder so ähnlich.
Ich hatte bis dahin tatsächlich geglaubt, was mir mein Therapeut gesagt und vermittelt hatte und was ich wahrschenlich auch gerne selbst glauben wollte: Dass das alles Teil der Therapie sei, sozusagen besonderen Einsatz seinerseits darstellte, für den ich letztlich noch dankbar sein müsste.

In Echt hat er mein Innerstes durcheinandergebracht, alles vermengt, das Innen nach außen gestülpt, Gut und Böse völlig auf den Kopf gestellt, all meine Werte in Frage gestellt, meine Verzweiflung ins Unermessliche anwachsen lassen, mir jeden Halt genommen.
Ich bin da nie wieder rausgekommen.
Inzwischen bin ich sehr wütend auf diesen Arzt. Und ich verachte ihn für seine Armseligkeit und seinen Selbst-Betrug.

Wenn ich mir etwas von ihm gewünscht hätte, dann, dass er es zugibt, offen sagt dass alles was ich ausgesagt habe der Wahrheit und nichts als der Wahrheit entsprach. Und dass er sich entschuldigt.
Eine ehrliche, menschliche Entschuldigung hätte ich sogar angenommen, denke ich. Das hätte ihm letztlich sogar einigen Ärger erspart, denke ich, weil ich vermutlich nicht mal Anzeige erstattet hätte dann. Aber so "klug" war er dann doch nicht.
Es hätte für mich zumindest die Chance geborgen, das alles wieder irgendwie(!) halbwegs in Einklag zu bringen: Die Außenwelt, das was mir Folgetherapeuten und Aufklärungs-Broschüren sagten und das was ich erlebt hatte.
Die Chance auf Integration wäre das wohl gewesen. Nicht leicht, aber eine Chance auf etwas, das ich so nie bekommen konnte.

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