ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2008Depressionen nach Schlaganfall: Ein vernachlässigtes Problem

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Depressionen nach Schlaganfall: Ein vernachlässigtes Problem

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Eine behandlungsbedürftige Depression nach Schlaganfall wird nicht immer erkannt. Antidepressiva sind hierbei nicht so wirksam wie bei herkömmlichen Depressionen.

Ein Schlaganfall geht nicht nur mit körperlichen Einschränkungen, sondern auch mit schwer- wiegenden, psychischen Belastungen einher. Trauer, Niedergeschlagenheit und Anpassungsschwierigkeiten treten daher nach einem Schlaganfall häufig auf. Mit der Zeit schaffen es jedoch viele Betroffene und ihre Familien, sich anzupassen und neue Zuversicht zu gewinnen. Schätzungsweise ein Drittel der Betroffenen und auch einige Angehörige entwickeln allerdings eine behandlungsbedürftige Depression, die auch als „Post-Stroke-Depression“ (PSD) bezeichnet wird. Sie wird nicht immer erkannt, und eine entsprechende Behandlung unterbleibt.

Es besteht noch keine Einigkeit darüber, ob eine PSD vorwiegend körperliche oder psychische Ursachen hat. Bei einem Schlaganfall wird ein Teil des Gehirns geschädigt, weil seine Durchblutung unterbrochen wird und es dadurch zu wenig Sauerstoff bekommt. Die durch den Schlaganfall ausgelösten Gehirnschäden könnten auch das Gefühlsleben verändern. Die Entwicklung einer Depression kann aber auch als Reaktion auf die körperlichen und geistigen Einschränkungen durch den Schlaganfall gedeutet werden („reaktive Depression“).

Eine PSD lässt sich genau wie eine nicht schlaganfallbedingte Depression unter anderem an Traurigkeit, Interessenverlust, Antriebslosigkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und einem geringen Selbstwertgefühl erkennen. Wenn sich mehrere dieser Symptome länger als zwei Wochen beobachten lassen, kann dies ein Hinweis auf eine PSD sein.

Depressionen treten häufiger nach schweren Schlaganfällen auf als nach leichteren. Das Ausmaß der Depressionen hängt oft davon ab, wie stark die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen eingeschränkt ist. Es gibt Hinweise aus Studien, dass auch die soziale Situation, die Wohnverhältnisse und die verfügbare Unterstützung die Entstehung einer PSD beeinflussen können. Wenn Betroffene und ihre helfenden Angehörigen gute Informationen und ausreichende Unterstützung bekommen, könnte dies die Wahrscheinlichkeit senken, dass sie depressiv werden. „Der Erfolg der Rehabilitation hängt auch davon ab, wie sehr die Patienten bereit sind, aktiv daran mitzuarbeiten“, sagt Professor Dr. med. Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln. Er betont, dass eine Rehabilitation anstrengend sei und viel Geduld und Motivation erfordere. Stelle sich allerdings eine Depression ein, so könnten die Patienten kaum die nötige Motivation dafür aufbringen.

Das IQWiG kommt nach einer Auswertung von Studien zur Behandlung von Depressionen nach einem Schlaganfall zu dem Ergebnis, dass Antidepressiva bei Menschen nach Schlaganfällen allgemein nicht so wirksam sind wie bei herkömmlichen Depressionen. Da sie auch unerwünschte Wirkungen haben und die Wirkung anderer Medikamente beeinflussen können, wird empfohlen, sie nur mit Bedacht einzusetzen.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser
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1.
Hackett ML, Anderson CS, House AO: Interventions for treating depression after stroke. Cochrane Database of Systematic Reviews 2004, Issue 3.
2.
Warburton E: Stroke management. Clinical Evidence 2007; 4: 201.
1. Hackett ML, Anderson CS, House AO: Interventions for treating depression after stroke. Cochrane Database of Systematic Reviews 2004, Issue 3.
2. Warburton E: Stroke management. Clinical Evidence 2007; 4: 201.

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