ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2008Frühe Prävention: Gefühle erkennen und regulieren

WISSENSCHAFT

Frühe Prävention: Gefühle erkennen und regulieren

PP 7, Ausgabe Oktober 2008, Seite 466

Sommenmoser, Marion

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LNSLNS Das Präventionsprogramm Papilio für Kindergartenkinder soll mithilfe von Marionetten der Augsburger Puppenkiste Sucht und Gewalt vorbeugen.

Seid ihr alle da?“, fragt der Schmetterling Papilio, und circa 50 Kindergartenkinder auf dem 29. Internationalen Kongress für Psychologie in Berlin antworten ihm mit einem lauten „Ja!“. Papilio ist etwa so groß wie eine Männerhand, besteht aus bemaltem Holz, hängt an Fäden und erzählt die Geschichte vom Mädchen Paula. Sein Publikum wartet schon gespannt, als Paula die Bühne betritt. Sie ist wie Papilio eine Marionette der Augsburger Puppenkiste und schon oft vor Kindern aufgetreten. Nach einigen Minuten entdeckt sie auf dem Dachboden eine Holzkiste, aus der nach und nach vier Kobolde steigen. Sie heißen Heulibold, Zornibold, Bibberbold und Freudibold und stehen für die Gefühle Traurigkeit, Zorn, Angst und Freude. Die vier wissen nicht, was mit ihnen los ist. Jeder fühlt sich anders und kann die anderen nicht verstehen, doch Paula hilft ihnen. Die Zuschauer erfahren nebenbei, dass nicht nur sie, sondern auch andere Wesen positive und negative Gefühle haben. Nach dem Stück dürfen die Kinder die kleinen „Stars“ noch aus der Nähe bewundern und ihnen die Holzhände schütteln oder über ihr zartes Flaumhaar streicheln.

Unterstützung bei der Erziehung
Papilio ist nicht nur eine Marionette, sondern auch der Name eines Präventionsprogramms für Kindergärten gegen Sucht und Gewalt. Mit spielerischen Maßnahmen und unter Einbeziehung von Erziehern, Eltern und Kindern fördert es die Entwicklung von Kindern im Kindergartenalter. Die Erzieher sind die zentralen Vermittlungspersonen, die das Programm im Kindergarten ein- und durchführen. Sie werden extra für diese Aufgabe weiterqualifiziert, insbesondere im entwicklungsfördernden Erziehungsverhalten. Die Eltern erhalten Unterstützung in Erziehungsfragen und können an Papilio-Elternabenden teilnehmen. Für die Kinder werden drei spielerische Maßnahmen angeboten:

- Spielzeug-macht-Ferien-Tag: Die Kinder spielen einen Tag pro Woche ohne herkömmliches Spielzeug, erleben dafür aber mehr Miteinander, Selbstwahrnehmung und -erfahrung und dürfen unbegrenzt kreativ sein.
- Paula und die Kistenkobolde: Eine Geschichte über Gefühle, Traurigkeit, Freude, Angst und Wut, die die sozial-emotionale Kompetenz der Kinder fördern soll. Sie wurde von der Augsburger Puppenkiste entwickelt. Es gibt sie aber nicht nur als Marionettentheater, sondern auch als Hörspiel, Film, Vorlese- und Elternbuch.
- Meins-deins-seins-unser-Spiel: Mit diesem Spiel werden soziale Regeln erlernt.

Das Präventionsprogramm wurde auf der Basis pädagogischer und entwicklungspsychologischer Erkenntnisse entwickelt. Im Zentrum steht die entwicklungsorientierte Präventionstheorie. Danach stehen Sucht und Gewalt am Ende einer Kette ungünstiger Entwicklungen. Zentraler Risikofaktor in dieser Kette sind Verhaltensstörungen. Sie werden hervorgerufen beziehungsweise begünstigt durch verschiedene Risikofaktoren wie etwa ineffektive Erziehungspraktiken, mangelnde soziale Fertigkeiten, Armut, psychische Störungen oder Eheprobleme der Eltern, Aggressionen in der Kindergartengruppe und Ablehnung durch Gleichaltrige. Kommen deviantes Peergruppenverhalten, Schulversagen oder negative Bindungsqualitäten hinzu, steigt das Risiko für die Entwicklung von Sucht und Gewalt deutlich. Ein wichtiges Ziel von Papilio ist es daher, die Kette bereits bei den Verhaltensstörungen zu unterbrechen, indem die Kinder schon vor dem Schuleintritt lernen, Gefühle bei sich und anderen zu erkennen, eigene Gefühle und Verhalten zu regulieren, sich in andere einzufühlen oder soziale Regeln einzuhalten.

Förderung der sozial-emotionalen Kompetenz
Das Programm wurde von Wissenschaftlern, Praktikern aus dem Kindergartenbereich und Kreativen aus Kunst, Literatur und Musik entwickelt und in einer großen Kindergartenstudie evaluiert. Es hat sich in der Praxis bewährt und bringt mess-bare Erfolge. Zum Beispiel fördert es die sozial-emotionale Kompetenz der Kinder und reduziert Verhaltensprobleme, insbesondere aggressives Verhalten sowie ADHS-Symptome. Nebenbei verhilft es zurückgezogenen Kindern zu einer besseren Integration in die Kindergartengruppe und Erzieherinnen zu mehr Zufriedenheit mit ihrer Arbeit. Seit 2005 haben circa 33 000 Kindergartenkinder an dem Programm teilgenommen.
Dr. phil. Marion. Sommenmoser

Literatur
Barquero B, Mayer H, Heim P, et al: Papilio: Ein Programm zur Primärprävention von Verhaltensproblemen, Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen im Kindergarten und langfristigen Prävention von Sucht und Gewalt. In Röhrle B (Hrsg.): Prävention und Gesund­heits­förder­ung. Bd. III: Kinder und Jugendliche. Tübingen: dgvt-Verlag 2007.

Kontakt:
Renate Weber, beta Institut gemeinnützige GmbH, Institut für angewandtes Gesundheitsmanagement, Entwicklung und Forschung in der Sozialmedizin, Kobelweg 95, 86156 Augsburg, Telefon: 08 21/45 05 41 53, E-Mail: papilio@beta-institut.de

Informationen im Internet:
www.papilio.de, www.beta-institut.de
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