ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2008Ungewollte Kinderlosigkeit: Solide fachliche Beratung

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Ungewollte Kinderlosigkeit: Solide fachliche Beratung

PP 7, Ausgabe Oktober 2008, Seite 470

Brügge, Claudia

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Einigen Schätzungen zufolge ist in Deutschland jedes zehnte Paar ungewollt kinderlos. Eigene Kinder zu wollen, doch keine bekommen zu können, ist ein weitverbreitetes
Problem, und dies ausschließlich als biologische Angelegenheit zu verstehen, greift zu kurz. Jedes Problem mit der Fortpflanzung bringt immer psychosoziale Aspekte mit sich, die neben den somatischen gleichermaßen bewältigt werden müssen. Psychisch bedeutet die Erfahrung eigener Unfruchtbarkeit für die einzelne Person, aber auch für das Paar ein hohes Maß an Ohnmacht, und damit verknüpft sind intensive Gefühle von Trauer, Wut und Neid. Mitunter mündet eine Fruchtbarkeitskrise in Probleme mit der Sexualität, verstärkte Depressivität und erhöhte Ängstlichkeit. Spätestens jetzt stellt sich die Frage nach angemessenen beraterischen und psychotherapeutischen Hilfen. Doch in der Vergangenheit hat es sich leider nur allzu oft gezeigt, dass Helfer mit der erlebten Ohnmacht ungewollter Kinderlosigkeit schlecht umgehen können. Schaut man beispielsweise in ältere psychotherapeutische Fachliteratur, so findet man hier eine lange Tradition der Mythenbildung, der Psychologisierung und Pathologisierung rund um die Kinderlosigkeit. Psychoanalytiker unterstellten den Wunschmüttern zum Beispiel immer wieder pauschal eine unbewusste Abwehr gegenüber der Mutterschaft.

Dass Beratung auf solide fachliche Beine gestellt werden kann, belegt das gerade erschienene Handbuch „Kinderwunsch und professionelle Beratung“. Herausgeber sind Autoren vom „Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland“, kurz BKiD, ein Zusammenschluss von Beratern und Therapeuten aus ganz Deutschland, darunter führende Experten wie Tewes Wischmann und Petra Thorn. In 18 Kapiteln wird ein breites Spektrum von Themen vorgestellt. Es reicht von den Ursachen der Unfruchtbarkeit, über die Möglichkeiten, Risiken und Gefahren der Reproduktionsmedizin (zum Beispiel die Problematik von Mehrlingsschwangerschaften), über die sexual- und paartherapeutische Arbeit bis hin zur Adoption und Gametenspende. Sichtbar wird, dass in den letzten Jahren eine Professionalisierung stattgefunden hat. Richtlinien für die Kinderwunschberatung sind entwickelt worden und im Handbuch genauso nachzulesen wie Hinweise auf die Situation in anderen Ländern oder die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung. Man findet eine Liste von wichtigen Internetseiten und nicht zuletzt ein langes Glossar mit Fachbegriffen.

Dieses Buch gibt den nationalen und internationalen Stand des Wissens über Beratung und Therapie bei ungewollter Kinderlosigkeit wieder, und an dieser Markierung sollte man sich als Berater oder Therapeut orientieren. Claudia Brügge

Dorothee Kleinschmidt, Petra Thorn, Tewes Wischmann (Hrsg.): Kinderwunsch und professionelle Beratung. Das Handbuch des Beratungsnetzwerkes Kinderwunsch Deutschland (BKiD). Kohlhammer, Stuttgart, 2008, 156 Seiten, kartoniert, 25 Euro
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