ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2008Von schräg unten: Unbehindert

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Unbehindert

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Es ist diese außergewöhnliche Verantwortung, das Leiden unserer Schutzbefohlenen zu lindern, die unsere Berufung in besonderem Glanz erstrahlen lässt. Dafür müssen wir jederzeit ein tiefstes Verständnis für die Nöte unserer Patienten aufbieten und bereit sein, auch außergewöhnliche Wege zu gehen, um nicht nur vor körperlicher Versehrtheit, sondern auch vor schwersten seelischen Schäden zu schützen. Heutzutage, da es nicht nur banale bakterielle Infektionen, sondern auch bürokratische Krankheiten zu bekämpfen gilt, wird dies zunehmend diffiziler.

Vor mir sitzt ein Patient, der vor fünf Jahren durch eine Akutintervention mit Rekanalisation einer Herzkranzarterie vor einem Herzinfarkt bewahrt wurde und sich seither bester kardialer Gesundheit erfreut. Erfreut? Am Boden zerstört ist er, von Gram zerfressen. Das Leben erscheint nicht mehr lebenswert, denn: Das Versorgungsamt hat ihm keine Prozente auf seinen Herzinfarkt gegeben. Zu seiner größten Verzweiflung kann ich auch jetzt, fünf Jahre später, keine myokardiale Narbe nachweisen, keine Ischämie des Herzmuskels mehr aufspüren. Gemeinsam beraten wir nun die schier ausweglose Situation. „Ist mir denn gar nicht mehr zu helfen?“, fleht er mich an. Nun, so meine ich zögerlich, es gibt tatsächlich Verfahren, um Herzinfarkte hervorzurufen, wie die transkoronare Ablation der Septumhypertrophie bei hypertropher obstruktiver Kardiomyopathie, oder die Applikation kardiomyotoxisch wirksamer Substanzen wie die Anthrazykline, die zur Herzschwäche führen. All diese Maßnahmen könnten die begehrten Prozente in traumhaft greifbare Nähe rücken, aber das seien nun mal Verfahren, die nur bei bestimmten Erkrankungen Anwendung finden würden. Das Versorgungsamt und dessen bürokratische Auswirkungen würden meiner Kenntnis nach allerdings nicht unter die Indikationsliste fallen. Trotzdem blinkt ein Hoffnungsschimmer in seinen Augen wie eine Pulsanzeige auf einem Intensivmonitor. Ich merke, dass ich mich mit meinen schrägen Vorschlägen allzu sehr ins therapeutische Abseits begebe und rufe einen sehr geschätzten und erfahrenen Kollegen in einer großen kardiologischen Klinik um Hilfe an. Der wiederum ist fassungslos. „Herr Böhmeke, haben Sie denn dem Patienten nicht gesagt, dass seine Prognose durch den Eingriff um mindestens zehn Jahre verbessert wurde?“ Äh . . . ja nun . . . äh . . . ja, das habe ich, so beeile ich mich den hörbar entsetzten Kollegen zu besänftigen. „Und was will er eigentlich mit dieser Schwerbehinderung, mit diesen Prozenten, was hat er eigentlich davon?“ Äh . . . hm . . . äh . . . das weiß er auch nicht.

„Herr Kollege Böhmeke, wenn Sie mich fragen: Die besten Glossen schreibt das Leben.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote