ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2008Die Cholera in New York: In den Quartieren der Ärmsten

KULTUR

Die Cholera in New York: In den Quartieren der Ärmsten

PP 7, Ausgabe Oktober 2008, Seite 472

Gerste, Ronald D.

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Im Gebiet der sogenannten Five Points, einem Armenviertel in New York (hier im Jahr 1827), wütete die Cholera besonders heftig. Foto: N-YHS, New York Historical Society
Im Gebiet der sogenannten Five Points, einem Armenviertel in New York (hier im Jahr 1827), wütete die Cholera besonders heftig. Foto: N-YHS, New York Historical Society
In der New York Historical Society, dem ältesten Museum der Stadt am Hudson, erinnert eine Ausstellung an die Konfrontation einer (nach damaligem Verständnis) modernen Gesellschaft mit einer neu auftretenden Infektion.

Wer es sich erlauben konnte, entfloh der Stadt. Kaufleute und Besitzbürger sprangen in ihre Kutschen und fuhren mit der Höchstgeschwindigkeit ihrer Einspänner der Grenze der Metropolis entgegen, die gerade oberhalb der 14. Straße verlief. Auch der eine oder andere Arzt soll unter denjenigen gewesen sein, denen die Schlagzeile der Zeitung den Schrecken in die Glieder fahren ließ: „Plague in Gotham!“ Doch in jenem Sommer des Jahres 1832 war es keine herkömmliche Seuche, im Englischen oft ungenau als „plague“ bezeichnet, die die New York City heimsuchte.

Bislang hatte man nur in den Gazetten von dem neuesten apokalyptischen Reiter gehört, der 1817 in Indien, Persien und anderen Regionen Asiens aufgetreten war und sich mit der Schnelligkeit der Handelskarawanen vorwärts bewegte. 1831, ein Jahr vor seiner Ankunft in der Stadt auf der Halbinsel Manhattan, war die „neue Pest“ in Europa heimisch geworden. Der Name, der in Europa über Monate synonym für Terror stand, erscheint nun in dicken Lettern auf den Tageszeitungen New Yorks und auf Flugblättern, die vor der todbringenden Gefahr warnen: Cholera! An guten, aber letztlich wirkungslosen Ratschlägen durch die Ärzteschaft mangelte es nicht. Es schlug die große Stunde der Quacksalber: Es gab Cholerapillen, Choleraklistiere und senfhaltige Pulver zu kaufen, die man als Salbe auf das erregte Abdomen aufzutragen habe. Keines der erhaltenen Pamphlete warnte davor, sich Wasser aus den öffentlichen Brunnenanlagen zu holen.

Die Cholera suchte vor allem die Quartiere der Ärmsten heim. Der Tod hielt reiche Ernte vor allem im schlimmsten aller New Yorker Stadtviertel, im Gebiet der sogenannten Five Points, wo der Alltag einem dantischen Inferno glich. In der New York Historical Society, dem ältesten Museum der Stadt am Hudson, erinnert eine Ausstellung an die Konfrontation einer modernen urbanen Gesellschaft mit einer „emerging infection“, einer neu auftretenden Infektion. Was in der Gegenwart SARS, West-Nil-Virus und HIV sind, war der Neuankömmling aus der Alten Welt den New Yorkern. Und deren Reaktion war gar nicht so grundverschieden von Mechanismen, die auch heute noch beim Auftreten eines neuen, rätselhaft-ungewissen und damit bedrohlichen Leidens greifen: Die Kranken haben selbst Schuld – das Konzept war 1832 in New York so lebendig wie zu anderen Zeiten. John Pintard, ein angesehener Bürger und Begründer jener Gesellschaft, die heute die Cholera-Ausstellung präsentiert, schrieb voller Verachtung über die Epidemie: „Sie betrifft ausschließlich die unteren Klassen von unmäßigen, erbärmlichen und verdreckten Leuten, die wie die Schweine in ihren besudelten Wohnungen zusammengepfercht sind.“

Ein letzter Auftritt in Deutschland
Dann war die Cholera abgeklungen, und die Einspänner kehrten wieder zurück in die Stadt. Die Epidemie von 1832 forderte 3 515 Todesopfer. Würde man diese Größenordnung auf die Demografie des 21. Jahrhunderts übertragen, würde es bei acht Millionen Einwohnern einem Verlust von mehr als 100 000 New Yorkern entsprechen. Die Cholera kam wieder und wieder, doch New York wurde auch Schauplatz des Durchbruchs bei dem Bemühen, Pathogenese und Epidemiologie der unheimlichen Seuche zu ergründen. 1854 konnte der englische Arzt John Snow den Nachweis erbringen, dass die Cholera mit dem Trinkwasser der Stadt in Zusammenhang stehen musste. Bis Robert Koch die Erreger unter seinem Mikroskop entdeckte, gingen noch einmal drei Jahrzehnte ins Land. Und ausgerechnet im medizinisch und wissenschaftlich so fortschrittlichen Deutschland hatte die Cholera einen letzten verheerenden Auftritt. 1892, 60 Jahre nachdem sie durch Gotham am Hudson gezogen war, suchte sie Hamburg heim und brachte mehr als 8 000 Menschen den Tod.
Dr. med. Ronald D. Gerste

Die Ausstellung „Plague in Gotham! Cholera in Nineteenth-Century New York“ ist in der New York Historical Society, 170 Central Park West, New York NY 10024, zu sehen.
Internet: www.nyhistory.org.
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