ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2008Verhalten bei Dopingverdacht: Schwierige Güterabwägung

THEMEN DER ZEIT

Verhalten bei Dopingverdacht: Schwierige Güterabwägung

Dtsch Arztebl 2008; 105(42): A-2206 / B-1893 / C-1843

Löllgen, Noemi

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Foto: mauritius images
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Ärztliche Schweigepflicht oder Schutz eines höherwertigen Rechtsguts – eine juristische Einschätzung der Anforderungen an den Arzt

Doping im Sport scheint immer häufiger betrieben oder entdeckt zu werden. Zunehmend nutzen auch Amateursportler Dopingsubstanzen. Die Nebenwirkungen der Dopingmittel können erhebliche Gesundheitsbeeinträchtigungen zur Folge haben. Den sportlichen Wettbewerb dopingfrei und damit fair gestalten zu wollen, ist ebenso anzustreben, wie die Sportler vor Gesundheitsschädigungen zu schützen. Ärzte, die im Rahmen ihrer Tätigkeit Anhaltspunkte für Handlungen erlangen, die einen Dopingverdacht begründen könnten, müssen wissen, welche Maßnahmen erforderlich und erlaubt sind, um diesen Verdacht zu überprüfen und den weiteren Arzneimittelmissbrauch zu verhindern.

Erlangt ein Arzt durch Angaben des Sportlers, sein äußeres Erscheinungsbild, Blutuntersuchungen oder andere Symptome Kenntnis von möglichem Doping, so ist fraglich, ob er diesen Verdacht an die verantwortliche Staatsanwaltschaft oder den Sportverband weitergeben darf. Kenntnisse, die ein Arzt von einem Sportler als seinem Patienten aus den Untersuchungen erlangt, unterliegen grundsätzlich dem Arztgeheimnis. Eine Weitergabe der Information an Dritte stellt einen Verstoß gegen die ärztliche Schweigepflicht dar. Das Arztgeheimnis ist eine essenzielle ärztliche Berufspflicht, die dem Schutz des Patienten, seiner Menschenwürde und seinem allgemeinen Persönlichkeitsrecht dient: Der medizinisch zumeist nicht versierte und damit besonders schutzbedürftige Patient soll sein Anliegen offen und ohne Gefahr der Weitergabe äußern können – mit dem Vertrauen darauf, dass der Arzt sein Wissen ausschließlich für die Behandlung nutzt und nicht an Dritte preisgibt. Ein Verstoß gegen die ärztliche Schweigepflicht ist sowohl strafrechtlich als auch berufsrechtlich sanktioniert.

Ausnahmen von der Schweigepflicht
Ein Arzt ist aber nicht mehr zur Einhaltung des Arztgeheimnisses verpflichtet, wenn ihn der Sportler von der Schweigepflicht entbunden hat oder soweit die Offenbarung zum Schutz eines höherwertigen Rechtsguts erforderlich ist. Ein Sportler unter Dopingverdacht, kann in die Weitergabe von Informationen durch seinen behandelnden Arzt einwilligen. Dies wird regelmäßig der Fall sein, wenn der Sportler damit sein Strafmaß mildern will oder der Sportler Opfer eines Arzneimittelmissbrauchs ohne sein Wissen geworden ist. Dann kann der Arzt rechtmäßig die Staatsanwaltschaft oder den Sportverband informieren. Dabei ist zu beachten, dass die Einwilligung nicht fehlerhaft ist. Dies ist vor allem bei Kindern regelmäßig zu bedenken, bei denen eine wirksame Entbindung durch den gesetzlichen Vertreter, zum Beispiel die Eltern, vorliegen muss. In Einzelfällen kann auch bei Minderjährigen eine wirksame Erklärung vorliegen, wenn der Arzt überzeugt davon ist, dass der Sportler trotz seiner Minderjährigkeit die erforderliche geistige Reife besitzt und bereits die Reichweite seiner Entscheidungen einschätzen kann.

Ein Verstoß gegen die ärztliche Schweigepflicht liegt dann nicht vor, wenn durch die Weitergabe der Information andere berechtigte Interessen geschützt werden können, die im Einzelfall höher zu bewerten sind als das Vertrauen des Sportlers. In diesem Fall handelt es sich um eine sogenannte Notstandssituation. Nach einer Güterabwägung muss der Bruch des Vertrauens zu dem Sportler weniger schwerwiegend sein als der Schutz des konkret gefährdeten Interesses. Allgemeine ethische Grundsätze oder reine Berufsregeln können dazu nicht ausreichen. Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient darf nur verletzt werden, wenn eine Rechtsverletzung anderer droht, die noch stärkere Auswirkungen hat.

Vermögensinteressen können einen Vertrauensbruch nicht rechtfertigen. So reicht der Betrug zum Nachteil des Sponsors, der mit großen Summen die Leistung des Sportlers honoriert, die ihm zuvor als dopingfrei zugesichert wurde, als Rechtfertigung nicht aus. Ebenso wenig hinreichend ist die Gefährdung des Images eines Sponsors, weil er mit Doping in Verbindung gebracht wird. Bloße Vermögensinteressen können gegenüber dem in den persönlichen Grundrechten eines Sportlers verankerten Arztgeheimnis nie überwiegen.

Hingegen können gewichtige Interessen Dritter die körperliche Unversehrtheit, die Gewährleistung der ordnungsgemäßen Arzneimittelversorgung und das allgemeine öffentliche Interesse an einem fairen Wettbewerb sein. Leib und/oder Leben des Sportlers können durch die Anwendung von Dopingmitteln erheblich gefährdet sein. Die Nebenwirkungen können zu nicht absehbaren Schäden und Langzeitschäden führen oder gar den Tod des Sportlers verursachen. Missbraucht ein Sportler bewusst Arzneimittel zur Leistungsförderung, so ist die Schutzpflicht von Arzt und Staatsanwaltschaft ausgeschlossen, denn dort liegt eine – straflose – bewusste Selbstschädigung vor. Erleidet der Sportler aber eine solche Körperverletzung oder sogar Tötung und wusste er nicht, dass er gedopt wurde, überwiegt die Pflicht des Arztes, sein Schweigen zu brechen und den Sportler damit zu schützen. Besondere Bedeutung erlangt dieser Schutz bei der Gabe von Dopingmitteln an Kinder und Jugendliche, die ein besonderes Schutzbedürfnis haben. Der Arzt darf dann seine ärztlichen Kenntnisse offenbaren. Dies gilt jedoch nur für die Weitergabe der Information an die Staatsanwaltschaft. Diese kann im Rahmen ihrer staatlich verliehenen Aufgabe ihrerseits den staatlichen Schutz für die körperliche Unversehrtheit aller Bürger, also auch der Sportler, ausüben, wohingegen die Alarmierung des zuständigen Sportverbands nicht vorzunehmen ist, denn das Interesse eines solchen Verbands besteht in erster Linie etwa an der Organisation der sportlichen Tätigkeiten, der Trainingseinheiten und Wettkämpfe.

Ansehen des Arztberufs
Des Weiteren kann der Verstoß gegen die ärztliche Schweigepflicht gerechtfertigt sein, wenn die ordnungsgemäße Arzneimittelversorgung gefährdet ist. Das Arzneimittelgesetz (AMG) verbietet die Verwendung von Arzneimitteln zu Dopingzwecken im Sport, um die Sicherheit im Verkehr mit Arzneimitteln, das heißt ihre Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit gewährleisten zu können (§§ 6 a und 95 AMG). Verboten ist es, Arzneimittel zu Dopingzwecken im Sport in den Verkehr zu bringen, zu verschreiben oder bei anderen anzuwenden. Die Verwendung von Arzneimitteln ohne entsprechende Indikation zum Zweck der Leistungssteigerung eines gesunden Menschen kann erhebliche körperliche Schäden hervorrufen, wie zum Beispiel der Verlust der Fertilität nach der Einnahme von Hormonen im jugendlichen Alter. Eine Unbedenklichkeit des Arzneimittels ist dann nicht mehr gewährleistet. Überdies kann das Verbot von Dopingmitteln ähnlich wie bei Betäubungsmitteln zu einer sogenannten Beschaffungskriminalität führen: Arzneimittel werden illegal beschafft und verwendet, ohne die Qualität der Herstellung zu kennen und ohne die Sicherheit durch staatliche Kontrollen zu haben. Eine Verwendung dieser Arzneimittel kann die Gesundheit der Sportler erheblich schädigen, sodass ein Verstoß gegen das Arztgeheimnis durch den Bruch der Schweigepflicht als gerechtfertigt anzusehen ist.

Nicht zuletzt steht der Schweigepflicht das öffentliche Interesse an einem dopingfreien und damit fairen Wettbewerb im Sport gegenüber. An dieser Stelle muss jedoch exakt abgewogen werden, ob tatsächlich das Interesse der Allgemeinheit schwerer wiegt als das Vertrauen des einzelnen Sportlers. Sportler nehmen eine Vorbildfunktion ein und repräsentieren, ob einzeln oder in Mannschaften, ihr eigenes Land in der Welt. Dann ist das Interesse an Fairness im Sport von erheblichem Gewicht. Die Offenbarung der Kenntnisse eines betreuenden Arztes könnte dort wesentlich zur Aufklärung beitragen und das Vertrauen der Bevölkerung in den Sport schützen. Eine Rechtfertigung der Offenbarung ärztlicher Kenntnisse kann darin dennoch nicht gesehen werden. Zu vage ist der Begriff des öffentlichen Interesses. Das Vertrauen des Sportlers zu seinem Arzt darf nicht durch rechtlich undefinierte Interessen anderer unterlaufen werden. Ein Verstoß gegen das Arztgeheimnis zugunsten des öffentlichen Interesses an fairem und dopingfreiem Wettbewerb wäre nicht zulässig.

Ist ein Arzt an Doping im Sport beteiligt, indem er Arzneimittel verabreicht, die ausschließlich zur Leistungssteigerung im Sport dienen sollen, verstößt dies gegen die geltende Berufsordnung für Ärzte. Der ärztliche Auftrag ist es, das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen und Leiden zu lindern. Alle Ärzte sind dazu verpflichtet, die Freiheit und das Ansehen des Arztberufs zu wahren und ein berufswürdiges Verhalten zu fördern und berufsunwürdiges Verhalten zu verhindern. Ein Verstoß gegen die Pflicht zu kollegialem Verhalten liegt nicht vor, denn die Interessen der Sportler und der Ärzteschaft als Institution sind dem Empfinden des einzelnen verdächtigten Arztes gegenüber vorrangig. Die Ärztekammer geht dem angezeigten Verdacht daraufhin nach und bemüht sich um Sachverhaltsaufklärung, gegebenenfalls auch um berufsrechtliche Konsequenzen. Liegt ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft vor, erhält die Ärztekammer von dieser eine Mitteilung darüber, dass ein Verfahren gegen einen Arzt auch wegen Dopingverdachts geführt wird.

Von Doping unbedingt abraten
Die grundsätzliche Aufgabe des Arztes ist es zunächst, seine Patienten und damit auch Sportler darüber aufzuklären, dass Doping medizinisch und rechtlich nicht zulässig ist. Der Arzt ist generell gehalten, über Indikationen, Nebenwirkungen und Langzeitschäden bei der Anwendung von Arzneimitteln zu informieren. Vor allem bei der vermuteten Verwendung von Dopingmitteln im Sport muss er den Sporttreibenden von solchen Maßnahmen unbedingt abraten. Die Gesundheitsgefährdung und Langzeitschäden müssen dem Sportler erläutert werden. Darüber hinaus kann er aber weiterhin zu dopingfreiem Sport beitragen, indem er – in den erläuterten Grenzen – seine Beobachtungsmöglichkeiten ausschöpft und seine Kenntnisse und Fähigkeiten auch im Fall eines Dopingverdachts wachsam einsetzt.

Noemi Löllgen, Ass. jur.
Kassenärztliche Vereinigung Hessen
E-Mail: noemiloellgen@gmx.de

In Zusammenarbeit mit Dr. Dirk Schulenburg, Justiziar der Ärztekammer Nordrhein, und Prof. Dr. med. Herbert Löllgen, Präsident der Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention e.V.
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