ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2008Arzneimittel: Der Traum vom gerechten Preis

POLITIK

Arzneimittel: Der Traum vom gerechten Preis

Dtsch Arztebl 2008; 105(42): A-2196 / B-1886 / C-1837

Stüwe, Heinz

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LNSLNS Richtgrößen, Wirtschaftlichkeitsprüfung, Festbeträge, Zielpreisvereinbarung,
Bonus-Malus-Regelung – der Gesetzgeber war und ist kreativ, wenn es darum geht, die Arzneimittelkosten unter Kontrolle zu halten. Ein neuer Vorschlag zur zentralen Preisregulierung kommt nun ausgerechnet aus der Industrie.

Die Experten waren mehr als erstaunt. Peter Thelen, erfahrener Wirtschaftsredakteur beim „Handelsblatt“, verstand die Industriewelt nicht mehr: „Dass Pharmaunternehmer nach einer Preisregulierung rufen, habe ich mir nicht vorstellen können.“ Schließlich sei es doch das ureigene Recht eines Unternehmers zu entscheiden, zu welchem Preis ein Produkt auf den Markt komme.

Der Nutzen als Maßstab
Auslöser der kollektiven Verwunderung war, dass sich der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) die Empfehlungen eines Gutachtens zu eigen gemacht hat, das er bei Prof. Dr. Stefan Groß, Hochschule Fulda, und Prof. Dr. Jürgen Wasem, Universität Duisburg-Essen, in Auftrag gegeben hatte. In diesem Gutachten, das Wasem auf der BAH-Jahresversammlung Ende September in Berlin vorstellte, wird nichts anderes als eine zentrale Preisfestsetzung bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) gefordert. Und zwar sollen sich die Preise am Nutzen der Medikamente orientieren.

Der Totengräber einer freien Preisbildung wolle man nicht sein, stellte der BAH-Vorsitzende Hans-Georg Hoffmann heraus. Aber wenn die Preisfindung ohnehin wie bei den Festbeträgen außerhalb der Unternehmen stattfinde, müsse dies auf rationale Weise geschehen. Vor allem aus Sicht der mittelständischen Pharmaunternehmen, die im BAH stark vertreten sind, besteht Handlungsbedarf, weil die Gutachter diese Unternehmen in ihrer Existenz bedroht sehen. Sie schreiben, das rasante Vordringen der Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern im generikafähigen Markt begünstige die großen Anbieter, weil diese Verträge für ein ganzes Produktsortiment anbieten, Liefergarantien gewähren und Niedrigpreise längere Zeit durchhalten könnten. „Massiver und für einige Hersteller ruinöser Preiswettbewerb ist die Folge.“ So lag der Umsatz der zehn größten Unternehmen, die erfolgreich bei Rabattverträgen agiert haben, im zweiten Quartal 2008 um 20 Prozent über dem im Vorjahreszeitraum, der Umsatz der kleineren Anbieter ist um 21 Prozent gesunken. Kleine und mittlere Hersteller müssten schließen, wenn sie bei Ausschreibungen nicht den Zuschlag für ihre Hauptprodukte bekämen, sagte Wasem. Deshalb würden nur wenige Große überleben. Vor einem solchen Oligopol warnen die Gutachter: „Je kleiner die Zahl der Anbieter wird, desto wahrscheinlicher werden Preiskartelle und Preisabsprachen zulasten der gesellschaftlichen Wohlfahrt.“

Noch viele Fragen offen
Vor diesem Hintergrund schlagen sie ein Modell vor, dass die Rabattverträge, aber auch die Arzneimittelfestbeträge ersetzen soll und in der Einführungsphase für die GKV ausgabenneutral sein werde. Die Erstattungspreise innerhalb der GKV sollen auf der Basis einer flächendeckenden Kosten-Nutzen-Bewertung zentral so festgelegt werden, dass sie das Nutzenverhältnis der Arzneimittel untereinander widerspiegeln. Dazu müssten zunächst innerhalb einer Indikation je Arzneimittelgruppe „Nutzenpunkte“ ermittelt werden, danach in der Gegenüberstellung unterschiedlicher Indikationen. Wasem räumte ein, dass die Frage, wie der Nutzen gemessen werde, noch zu klären sei. Geht es um den gerechten Preis? Ja, bestätigt der Ökonom, das Modell ziele auf mehr Gerechtigkeit ab.

In der ersten Reaktion der Experten überwog die Skepsis. Für den von Festbeträgen abgedeckten Arzneimittelmarkt werde kein neues Instrument benötigt, sagte Wolfgang Kaesbach, Arzneimittelexperte beim Spitzenverband Bund der GKV. Im Nichtfestbetragsmarkt sei die Welt nicht in Ordnung, hier sei das Modell ein Ansatz. Kaesbach verwies auf die Schwierigkeiten bei der Realisierung der im Gesetz schon vorgesehenen Kosten-Nutzen-Bewertung. Deshalb regte er an, für Wasems Gutachten einen anderen Titel zu wählen: „I have a dream.“
Heinz Stüwe

Festbeträge und Rabatte
Nur die Preise für rezeptfreie Arzneimittel, die bis auf Ausnahmen seit 2004 nicht mehr von der GKV erstattet werden, dürfen frei kalkuliert werden. Hier ist Preiswettbewerb möglich. Für verschreibungspflichtige Präparate dagegen gilt ein bundeseinheitlicher Apothekenabgabepreis, wobei die Zuschläge für Großhandel und Apotheke auf den Herstellerabgabepreis gesetzlich fixiert sind. Auf die Preisbildung der Hersteller wird seit 1989 nicht direkt, umso wirksamer aber indirekt über Festbeträge Einfluss genommen: Das sind Erstattungshöchstgrenzen der GKV, die für bestimmte Gruppen von Arzneimitteln vom Spitzenverband Bund der Krankenkassen festgesetzt werden. Sie existieren für zwei Drittel der zulasten der GKV verordneten Arzneimittel, seit 2004 auch für solche mit patentgeschützten Wirkstoffen. Seit 2007 haben Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern einen enormen Aufschwung erlebt. Knapp 40 Prozent aller Packungen im generikafähigen Markt sind rabattiert. Denn in diesem Segment ist der Apotheker im Rahmen der Aut-idem-Substitution verpflichtet, das Mittel abzugeben, für das die jeweilige Kasse einen Rabattvertrag abgeschlossen hat. Die Rabatthöhen wurden bislang nicht offengelegt.
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