ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2008Politische Korrektheit: Zwischen Reue und Ritual

POLITIK

Politische Korrektheit: Zwischen Reue und Ritual

Dtsch Arztebl 2008; 105(42): A-2200 / B-1890 / C-1840

Gerste, Ronald D.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der US-amerikanische Ärztebund hat sich für die Diskriminierung afroamerikanischer Ärztinnen und Ärzte entschuldigt. An den gesellschaftlichen Verhältnissen ändert das wenig.

John Wayne empfand Entschuldigungen als ein Zeichen von Schwäche und damit als etwas zutiefst Unamerikanisches. Die Stimme des „Duke“, der am rechten Rand des demokratischen Spektrums angesiedelt war, ist längst verstummt.

Bereits sein ihm ideologisch nahe stehender Kollege aus Hollywoods Glanztagen, Ronald Reagan, sah nichts Ehrenrühriges darin, sich bei einer Bevölkerungsgruppe zu entschuldigen, der bitteres Unrecht geschehen war. Er drückte gegenüber den US-Amerikanern japanischer Abstammung, die nach dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbor 1941 von der Regierung der USA unter Missachtung verfassungsmäßiger Rechte interniert worden waren, das Bedauern der Nation aus. Dieser honorige Akt kam 1988 noch rechtzeitig, denn viele der einst diskriminierten Landsleute lebten noch.

Mangel an Respekt
Bill Clinton konnte während seiner Präsidentschaft nur noch einen kleinen Teil derjenigen erreichen, die die Regierung als Versuchskaninchen für ein höchst unethisches medizinisches Experiment missbraucht hatte. Er entschuldigte sich 1997 bei afro-amerikanischen Patienten für die sogenannten Tuskegee-Versuche. In Tuskegee, Alabama, waren seit 1932 mehr als 400 an Syphilis erkrankte Afroamerikaner vom U.S. Public Health Service mit Placebos „behandelt“ worden, um die Progression der Krankheit zu beobachten.

Mit dem Aufkommen der Political Correctness in den 1980er-Jahren wurde aus offiziellen Entschuldigungen gegenüber persönlich Betroffenen oft etwas Abstraktes. Die Entschuldigungen gerieten zum Ritual. So haben in den letzten Jahren zahlreiche Bundesstaaten Abbitte für die Sklaverei geleistet, auch wenn es bei den entsprechenden Zeremonien schwierig war, Repräsentanten der Opfergenerationen zu finden.

Nun sind auch die ärztlichen Organisationen an der Reihe. Die American Medical Association (AMA) hat sich kürzlich für die Benachteiligung afroamerikanischer Ärztinnen und Ärzte entschuldigt. Das ärztliche Selbstverständnis, so heißt es in der offiziellen Stellungnahme, gründe auf einem grenzenlosen Respekt für das menschliche Leben. Die Ärzteschaft habe die Pflicht, die Gesellschaft vor einem Mangel an Respekt zu bewahren. Die AMA habe dies nicht getan und entschuldige sich dafür.

Die ärztliche Standesorganisation wurde 1847 gegründet. Inzwischen gehören ihr fast 250 000 Ärztinnen und Ärzte an. Dabei hat die AMA über Jahrzehnte afroamerikanischen Medizinern die Mitgliedschaft verwehrt. Zwar gab es bereits seit den 1930er-Jahren Stellungnahmen gegen die im Süden der USA praktizierte Rassentrennung, doch überließ die AMA es den regionalen Ärzteorganisationen, ob sie Kollegen afrikanischer Abstammung aufnahmen oder nicht.

Die AMA schwieg weitgehend zur Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre und zu der teilweise haarsträubenden Zweiklassenmedizin, die sich als Folge der Rassentrennung entwickelte. Emerson C. Walden, afroamerikanischer Chirurg im Ruhestand, erinnerte sich anlässlich der AMA-Entschuldigung in der Zeitung „Baltimore Sun“ an seine Arbeit in einem Krankenhaus der Stadt, das ausschließlich für „colored patients“ bestimmt war. Als in einer turbulenten Samstagnacht alle Betten belegt waren, fragte Walden im renommierten Johns Hopkins Hospital an, ob er Patienten verlegen könne. „Tut uns leid“, erklärte der dortige (weiße) Kollege. „Wir haben kein einziges farbiges Bett in unserem Haus.“ Das Johns Hopkins Hospital entschuldigte sich nach diesem Beitrag umgehend öffentlich.

Bei sich selbst anfangen
Ob die AMA den Opfern ihrer Diskriminierung neben der Entschuldigung auch eine Entschädigung angeboten hat, wird von offizieller Seite nicht kommentiert. Denkbar ist auch eine gezielte Förderung afroamerikanischer Kolleginnen und Kollegen – den Begriff „affirmative action“ will die Organisation indes nicht bemühen. Diese früher an Colleges und Universitäten gepflegte bevorzugte Vergabe von Studienplätzen an Minoritäten scheint juristisch heutzutage kaum noch haltbar. Abgelehnte Studierende haben gegen diese Praxis geklagt, weil sie sich aufgrund ihrer (weißen) Hautfarbe diskriminiert fühlten.

In der Diskussion um die AMA-Entschuldigung fällt nun häufig der Name Barack Obama. Der demokratische Präsidentschaftskandidat hat vorsichtig angedeutet, dass nicht alle gesellschaftlichen Missstände auf Diskriminierungen durch die weiße Mehrheit der US-amerikanischen Bevölkerung zurückzuführen seien und jede „community“ bei sich selbst anfangen müsse, für eine bessere Zukunft zu sorgen. Manch ein afroamerikanischer Arzt dürfte dem zustimmen, wenn er sich daran erinnert, wie schwer es ist, sich den Weg in die Medical School zu bahnen, wenn man von seinen Freunden als „acting white“, Nachahmer der Weißen, beschimpft wird – und dafür nie eine Entschuldigung hörte.
Ronald D. Gerste
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema