ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2008Viktor von Weizsäcker: Widersprüchliches Verhalten

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Viktor von Weizsäcker: Widersprüchliches Verhalten

Dtsch Arztebl 2008; 105(42): A-2226 / B-1906 / C-1855

Schott, Heinz

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Udo Benzenhöfer: Der Arztphilosoph Viktor von Weizsäcker. Leben und Werk im Überblick. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, 222 Seiten, kartoniert, 26,90 Euro
Udo Benzenhöfer: Der Arztphilosoph Viktor von Weizsäcker. Leben und Werk im Überblick. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, 222 Seiten, kartoniert, 26,90 Euro
Viktor von Weizsäcker (1886–1957) gilt als Begründer der „medizinischen Anthropologie“, die sich vor allem in der „Heidelberger Schule“ der psychosomatischen Medizin entfalten konnte. Genauer besehen haben jedoch von Weizsäckers Werk und Wirkung selbst nicht den Charakter einer dogmatisch klar abgrenzbaren „Schule“ angenommen. Von Weizsäcker offenbarte eine wissenschafts- und medizinkritische Einstellung, Ausdruck seines tiefen Unbehagens in der naturwissenschaftlichen Medizin seiner Zeit. Er gewann seine Einsichten aus unterschiedlichen Quellen: sinnesphysiologischen Experimenten und neurologischen Befunden, naturphilosophischen Spekulationen und wissenschaftstheoretischen Reflexionen, sozialmedizinischen Utopien und arbeitstherapeutischen Konzepten sowie last but not least psychoanalytischer Theoriebildung und – entscheidend – seinem ärztlichen Umgang mit dem kranken Menschen.

In seiner Einleitung greift Benzenhöfer von Weizsäckers Parole von der „Einführung des Subjekts“ auf und erklärt, wie sehr ihn bereits zu Beginn seines Medizinstudiums der Anfang des Hauptwerks „Der Gestaltkreis“ beeindruckt habe: „Um Lebendes zu erforschen, muß man sich am Leben beteiligen. Man kann zwar den Versuch machen, Lebendes aus Nichtlebendem abzuleiten, aber dieses Unternehmen ist bisher mißlungen.“ Mit seiner 20 Kapitel umfassenden Studie möchte der Autor erklärtermaßen drei Ziele verfolgen: einen Überblick über Leben und Werk geben, die richtungsweisenden Gedanken zur medizinischen Anthropologie herausstellen und sein Verhalten in der NS-Zeit detailliert analysieren.

Aufgrund seiner medizinhistorischen Vorarbeiten liegt es nahe, dass er sich vor allem für die letztgenannte Zielsetzung interessiert und seine Analyse hierauf fokussiert hat. In akribischer Detailarbeit präpariert er von Weizsäckers widersprüchliches Verhalten gegenüber dem NS-Regime und dessen Ideologie. Es entzieht sich der eindeutigen Einordnung: Anhänger versus Gegner des Nationalsozialismus (übrigens typisch für das Verhalten vieler zeitgenössischer Universitätsprofessoren). So war von Weizsäckers manifeste ideologische Anpassung 1933 bis 1935 durchsetzt von theoretischen Distanzierungen. Diese spezielle Analyse, die alle verfügbaren Quellen heranzieht, ist besonders wichtig, da Viktor von Weizsäcker verschiedentlich als ein Exponent der NS-Medizin gebrandmarkt worden ist. Die Studie ergibt ein anderes, komplexeres Bild. Wir begegnen einem eigenwillig philosophierenden Arzt, einem deutschen Gelehrten, dessen Lebensweg durch vier politische Systeme führte, und der sich in der dunkelsten Phase „dem Unabänderlichen fügte“ – und am Leben blieb. Von Weizsäckers „neurologische Emigration“ sei „aus heutiger Sicht sicher kein Ruhmestitel“, stellt Benzenhöfer in diesem Zusammenhang fest.

Seine Biografie gibt erstmals einen fundierten Überblick über Leben und Werk dieses oft schwer verständlichen Arztes – nicht mehr und nicht weniger. Die detaillierte Rekonstruktion der weizsäckerschen Medizinphilosophie in ihrer Wechselwirkung mit seiner persönlichen Entwicklung bleibt weiterführenden Forschungen vorbehalten. Der (werk)biografische Überblick ist jedenfalls für Außenstehende wie Experten als Orientierungshilfe äußerst hilfreich. Es wäre wünschenswert, wenn die verdienstvolle Studie so manchen Leser zu einer eigenen Auseinandersetzung mit der weizsäckerschen medizinischen Anthropologie anregen könnte, deren Thematik auch für die gegenwärtige Medizin hochaktuell ist. Heinz Schott

Udo Benzenhöfer: Der Arztphilosoph Viktor von Weizsäcker. Leben und Werk im Überblick. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, 222 Seiten, kartoniert, 26,90 Euro
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