ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2008Arzt-Patienten-Beziehung: Auf die Sprache achten

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Arzt-Patienten-Beziehung: Auf die Sprache achten

Kutscher, Patric P.

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Foto: fotolia [m]
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Der Arztbesuch ist für den Patienten in der Regel eine besondere Situation, in der er jedes Wort des Arztes auf die Goldwaage legt. Vor diesem Hintergrund sollte der Arzt seine Worte mit Bedacht wählen.

Für den Arzt sollte der Patient im Mittelpunkt stehen – mit allen seinen Ängsten und Befürchtungen, mit seinen Hoffnungen und Wünschen. Die Realität sieht zuweilen anders aus. Immer wieder kommt es vor, dass der Arzt dem Patienten einen Monolog über seine Erkrankung hält – zu allem Überfluss in der medizinischen Fachsprache, die der Patient in der Regel nicht versteht.

Fatale Auswirkungen zeitigt dieser kommunikative Fauxpas, wenn der Patient in einer schwierigen Lage ist: Der eine ist ganz und gar mit „seiner“ Krankheit beschäftigt, reagiert aggressiv oder hat ein übersteigertes Bedürfnis nach Zuspruch. Der andere verharmlost selbst die bedrohlichsten Symptome. Der Dritte wiederum reagiert überängstlich. Kurz: Der Patient befindet sich in einer Extremsituation und ist überempfindlich.

In dieser Situation legt der Patient die Worte des Arztes auf die Goldwaage. Der Gynäkologe Dr. med. Erwin Göckeler-Leopold erläutert: „Natürlich stehen gerade werdende Eltern unter großem Druck. Wenn ich dann bei einem Problem mit bagatellisierenden Floskeln wie ‚Ist doch alles nur halb so schlimm‘ daherkomme, verunsichere ich vor allem die Patientin.“ Der Arzt mit einer Praxis im nordrhein-westfälischen Geseke achtet dann noch mehr auf seine Sprache, als er dies ohnehin tut und vermeidet sogenannte Minuswörter oder Minussätze, wie beispielsweise „Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass . . .“ oder „Sie müssen endlich verstehen, dass . . .“.

Wenn diese Minussätze mit heftigem Kopfschütteln oder einer abwertenden Handbewegung einhergehen, ist das so wichtige Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt endgültig zerstört. Besser ist es, positive Satzanfänge zu wählen: „Sie können sich darauf verlassen, dass . . .“ Ein begleitendes Kopfnicken und ein optimistischer Gesichtsausdruck nehmen der Patientin zusätzlich die Angst.

Zum Glück lässt sich so gut wie jeder Sachverhalt positiv ausdrücken. Angenommen, eine Patientin erzählt dem Arzt eine recht hanebüchene Geschichte: „Ich habe gelesen, dass man während der Schwangerschaft unbedingt . . .“ Offensichtlichen Unsinn könnte der Arzt leicht mit einer Aussage kontern wie „Das entspricht nicht den Tatsachen“. Dem ist zwar auch so, allerdings würde die empfindliche Patientin auch noch der Lüge bezichtigt. Darum wäre es wohl einfühlsamer und auch zielführender zu formulieren: „Das höre ich jetzt zum ersten Mal. Meiner Erfahrung nach sollten Sie diesen Ratschlag nicht befolgen, weil . . .“

Frauenarzt Göckeler-Leopold betont: „Ich überlege stets, was meine Äußerungen im Kopf der Patientin, zumal wenn sie erheblich unter Druck steht, älter ist oder sehr ängstlich, auslösen und bewirken können.“ Eine Aufforderung wie „Frau X, Sie müssen Folgendes tun . . .“ mag vom Arzt gar nicht besserwisserisch gemeint sein. Es liegt sicher auch nicht in seiner Absicht, die Patientin zu verunsichern. Aber: In der hochsensiblen Wahrnehmung einer ängstlichen schwangeren Frau läuft vielleicht folgendes Szenario ab: „Wieso muss ich das tun? Was passiert, wenn ich es nicht befolge? Warum betont er diese Notwendigkeit überhaupt so? Besteht etwa eine Gefahr, und er will mich nur nicht beunruhigen?“

Ironie und Anklage vermeiden
Dies mag ein übertriebenes Beispiel sein, zeigt aber doch die sprachliche Sensibilität, ja Virtuosität, die Ärzte gerade im Umgang mit Patienten an den Tag legen sollten, die sich in einer schwierigen Situation befinden. Zu vermeiden sind überdies sprachliche Unarten, wie beispielsweise
- die unzulässige Verallgemeinerung („das ist doch bei jeder Schwangerschaft so“)
- die moralische Anklage („Sie hätten eben früher kommen müssen!“) und auch
- die Ironisierung („Sie sind nicht die erste Schwangere, die ich hier untersuche!“).

Der Arzt sollte konsequent den Sie-Standpunkt einnehmen, also den Standpunkt des Patienten. Die sprachliche Analogie dazu: Der Arzt tilgt Wörter wie „ich, mir, meiner, mich, wir, unser“ aus seinem Wortschatz. Er versucht, den Patienten sprachlich in den Mittelpunkt zu rücken. Der Satz „Frau X, Sie müssen Folgendes tun . . .“ wird ersetzt durch: „Frau X, bitte beachten Sie . . .“

Die Angst nehmen: Bei der Behandlung von Kindern muss der Arzt die Eltern mit ins „kommunikative Boot“ holen. Foto: Superbild
Die Angst nehmen: Bei der Behandlung von Kindern muss der Arzt die Eltern mit ins „kommunikative Boot“ holen. Foto: Superbild
Glaubwürdig und authentisch kommt dies beim Patienten aber nur an, wenn die patientenorientierte Kommunikation nicht um ihrer selbst willen praktiziert wird, sondern der Einstellung des Arztes entspricht – für ihn mithin wirklich das Wohl des Patienten im Mittelpunkt steht. Dann wird sich die Sprache aller Erfahrung nach automatisch dieser Einstellung anpassen.

Wertschätzung ist wichtig
Techniken wie der Sie-Standpunkt und die Vermeidung von Minuswörtern und Minussätzen lassen sich trainieren. Besonders bedeutsam ist dies beim Gespräch mit Kindern. Dr. med. Martin Herkenhoff, Kinderarzt im bayerischen Germering, berichtet, wie angemessen es ist, eine altersgerechte Sprache zu benutzen. Erschwerend kommt hinzu: Der Arzt muss die Eltern mit ins „kommunikative Boot“ holen. So sollte der Kinderarzt den Kindern zwar die Angst beispielsweise vor einer Spritze nehmen, aber nicht, indem er die Unwahrheit sagt: „Das tut überhaupt nicht weh!“ Besser ist folgende Formulierung: „So, das piekst jetzt einmal kurz. Ist gleich vorbei.“ Zugleich ist er damit beschäftigt, die Eltern zu beruhigen – die ihrerseits nicht selten ihre eigene Angst vor Spritzen auf die Kinder übertragen.

Ein Patentrezept gebe es nicht, meint Herkenhoff, wichtig seien die Wertschätzung jedem Patienten gegenüber und die Sensibilisierung des Arztes für die Folgen, die (seine) Sprache im Patienten auslösen könne.

Dies gilt zugleich für die Medizinischen Fachangestellten, die ja auch viel mit den Patienten kommunizieren. Hier hat der Arzt eine Einflussmöglichkeit, indem er seine Vorbildfunktion nutzt. Dazu ersetzt er in der Kommunikation mit den Mitarbeitern den Ich- durch den Sie-Standpunkt und verwendet positive Formulierungen. Die Mitarbeiter werden dieses Kommunikationsmuster mit einiger Wahrscheinlichkeit in ihr Sprachverhalten integrieren und schließlich im Patientengespräch einsetzen. Unterstützend wirkt es, wenn sich Arzt und Helferinnen gemeinsam patientenorientierte Musterformulierungen im Sie-Standpunkt überlegen und sie einüben.
Patric P. Kutscher
E-Mail: kontakt@diktig.de

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