ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2008Arztgeschichte: Dr. Fluchthelfer

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Dr. Fluchthelfer

Förster, Helmut

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„Jenseits der Zonengrenze gab es Hoffnung, da saßen die lieben Verwandten auf ihren Bauernhöfen.“

Um die Zonengrenze zu überwinden, brauchten die meisten einen Fluchthelfer. Als solcher erwies sich unserer Hausarzt. In den ersten Nachkriegsjahren war die Zonengrenze zwar noch nicht so hermetisch abgeriegelt, es gab nur stellenweise Stacheldraht und vor allem noch keine Minen, aber dennoch war die Überschreitung nicht ganz ungefährlich. Mein Großvater war mit dem Fahrrad „drüben“ gewesen und auf dem Rückweg beschossen worden, weil er nicht angehalten hatte. Um hin und her zu kommen, musste man unbedingt Bescheid wissen. Mein Großvater, total verunsichert, weigerte sich nun vehement: „Nein! Da kriegt mich keiner wieder hin!“ Der erste Nachkriegswinter war hart, das Eingemachte ging zur Neige, Butter, Milch und Eier wurden Raritäten. Das Maisbrot war ungenießbar.

Zudem kränkelte die Großmutter, sie hatte immer wieder Fieber und Husten. Fast jeden Tag besuchte sie der Hausarzt, bis er eines Tages mit ernster Miene zu meiner Mutter sagte: „Sie braucht dringend etwas Ordentliches zu essen!“ Jenseits der Zonengrenze gab es Hoffnung, da saßen die lieben Verwandten auf ihren Bauernhöfen. Wie also „rübermachen“? Auch hier wusste der Hausarzt und Freund der Familie Rat: „Die Russen sind an und für sich sehr kinderlieb, doch vor ansteckenden Krankheiten kriegen sie Angst!“ Also musste ich als Fünfjähriger die erste wichtige Rolle meines Lebens einstudieren, unter fachkundiger Regie des Hausarztes: „Scharlach, das kriegst du schon hin!“ Auf seinen Krankenbesuchen durfte ich zwischen ihm und dem Kutscher auf dem Bock des Zweispänners sitzen, und er erklärte mir, was Scharlach ist. Gegen die Schmerzen bekäme ich einen dicken Schal um Hals und Kinn gewickelt. Meine Mutter sollte sichtbar ein Kopfkissen mit sich führen. Und dann kam der bewusste Abend des Grenzübertritts. Es war stockfinster auf dem Waldweg, auf dem meine Mutter, den Arm um mich gelegt, mit weiteren Frauen der Zonengrenze entgegenstrebte. Ich war mir meiner Verantwortung voll bewusst, das hatte mir der Onkel Doktor eingeschärft; nur wenn ich einen richtig kranken Eindruck machte, könnten wir es schaffen.

Plötzlich blitzten Taschenlampen hinter den Bäumen auf, eine russische Patrouille stoppte uns energisch und leuchtete uns an. Da traf auch mich ein gleißender Strahl: „Kind krank! Scharlach! Hospital!“, stammelte meine Mutter, und ich kniff leidend die Augen zu. Die russischen Töne wurden abrupt leiser, dann laut und deutlich: „Dawai! Dawai! Weiter! Weiter!“ Torkelnd stolperten wir über Wurzeln und Äste aus dem Wald heraus. Der Spuk war vorbei. Bei den Verwandten wurden die Rucksäcke prall gefüllt und dann ging’s auf demselben Weg zurück. Und wieder Glück gehabt. Der Hausarzt hatte sich die Wurst redlich verdient.
Dr. Helmut Förster

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