ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2008Von schräg unten: Verstehen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Verstehen

Dtsch Arztebl 2008; 105(43): [116]

Böhmeke, Thomas

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Es gibt vieles, was ich nicht verstehe, unter anderem die periodische Heimsuchung der frechen Neffen, obwohl sie eigentlich längst wissen müssten, dass sie sich danach im Deutschen Ärzteblatt wiederfinden. „Onkel Thomas, woran liegt das eigentlich, dass ihr Ärzte so einen unverständlichen Müll erzählt, dass euch keiner wirklich versteht?“ Ich bin empört ob dieses trivialen Vorurteils, das die frechen Neffen wieder aufgeschnappt haben. „Onkel Thomas, du brauchst keine Krise zu simulieren. Das ist wirklich so. Wenn man Ärzte zu ein und derselben Sache befragt, kriegt man was völlig Unterschiedliches erzählt! Also, erklär uns das mal!“ Das liegt daran, dass wir Ärzte unser Möglichstes versuchen, komplexe medizinische Vorgänge möglichst bildhaft begreifbar zu machen. Nehmen wir beispielsweise an, einem armen Menschen, der an einer subtotalen LAD-Stenose leidet, wird ein DES 3,0 × 20 mm implantiert. „Onkel Thomas, das rafft doch keiner!“ Genau. Und deswegen erläutere ich beispielsweise dem Justizangestellten, dass sein Infarkt hinter Gitter gesperrt wurde. Handelt es sich bei dem Betroffenen aber um einen Lkw-Fahrer, so erkläre ich ihm, dass der Eingriff einer Erweiterung der Autobahn A 3 am Kölner Ring auf zehn Spuren gleichkommt und er nie wieder einen Stau zu befürchten hat. Ist es eine übergewichtige, aber modebewusste junge Frau, so lege ich ihr dar, dass sich ihr Blutstrom nicht mehr durch Kleidergröße 34 zwängen muss, dass die Ballonerweiterung frei macht von Erstickung, frei macht von Not. Treffen aber alle Betroffenen aufeinander, der Lkw-Fahrer, der Justizangestellte und die adipöse Dame, und tauschen sich aus, so mag es durchaus zu Befremdlichkeiten kommen. „Du meinst, die erzählen sich dann von einem zu eng gewordenen Bikini, der wegen mangelhafter Durchblutung auf der A 3 verknackt worden ist?“ Ja, so ungefähr. „Onkel Thomas, gib zu, die müssen ja zu dem Schluss kommen, dass deine Festplatte nicht mehr formatiert ist!“ Es reicht. Ich darf euch zwei bitten, eine unverzügliche Translokation eurer morphologischen Entitäten durchzuführen. „Siehst du, du kannst dich nur noch bescheuert ausdrücken, dich versteht keiner mehr!“
Raus mit euch!
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