ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2008Kinderkrebs und Atomkraft: Keine Erklärung für erhöhte Krebsraten

MEDIZINREPORT

Kinderkrebs und Atomkraft: Keine Erklärung für erhöhte Krebsraten

Dtsch Arztebl 2008; 105(43): A-2258 / B-1931 / C-1879

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: laif
Foto: laif
Die Strahlenschutzkommission bestätigt die Ergebnisse der KiKK-Studie: Ein kausaler Zusammenhang zwischen Kinderkrebs und der Nähe von Atomkraftwerken ist nicht nachweisbar. Handlungsbedarf sieht sie nicht.

Noch immer bietet die im Dezember 2007 vorgestellte KiKK-Studie (Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken) des Mainzer Kinderkrebsregisters Zündstoff für Diskussionen. Das auffälligste Ergebnis der Studie war die Erhöhung des Krebs- und Leukämierisikos von Kindern unter fünf Jahren in unmittelbarer Nähe von Atomkraftwerken: Von 77 Fällen bösartiger Neuerkrankungen und 37 neuen Leukämiefällen innerhalb von 24 Jahren im 5-Kilometer-Umkreis der 16 Standorte von Leistungsreaktoren ließen sich auf Basis der Odds Ratio 29 beziehungsweise 20 Fälle dem Faktor „Wohnen in der 5-km-Zone“ zuschreiben*.

Einen kausalen Zusammenhang zwischen den Krebserkrankungen und den Emissionen der Kernkraftwerke sehen die Autoren der KiKK-Studie, Prof. Dr. Maria Blettner und Dr. Peter Kaatsch, nicht. „Die Strahlenexposition eines Kernkraftwerks im Normalbetrieb ist mindestens um den Faktor 1 000 niedriger als die natürliche Hintergrundstrahlung“, schreiben sie erneut in ihrer jüngsten Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄ, Heft 42/2008). Denkbar als Krankheitsursache seien vielmehr verschiedene, eventuell miteinander kombinierte Faktoren, die möglicherweise in der Umgebung deutscher Kernkraftwerke gehäuft auftreten. Als Erklärungen diskutieren sie spezielle Umweltbedingungen (Confounder), die bisher nicht berücksichtigt werden konnten, Selektionsbias, beispielsweise durch Probleme bei der Kontrollrekrutierung, sowie den statistischen Zufall. Handlungsbedarf sehen sie nicht.

„Keine Kausalität“
Zu Gelassenheit raten gleichermaßen auch das Bundesumweltministerium (BMU), das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sowie die Strahlenschutzkommission (SSK). In ihrer am 9. Oktober vorgelegten, von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel erbetenen Bewertung der KiKK-Studie bestätigt die SSK, dass es aufgrund der Statistik im Umkreis von Atomkraftwerken (AKW) ein erhöhtes Leukämierisiko für Kinder unter fünf Jahren gibt. Eine wissenschaftlich nachvollziehbare Ursache für diese Beobachtung sieht sie ebenfalls nicht. Die von den AKW erzeugte Strahlenexposition könne das in der KiKK-Studie beobachtete Ergebnis nicht erklären, heißt es in ihrem Bericht. Um das vermehrte Auftreten von Leukämien bei Kindern in der Nähe von AKW zu verstehen, sei weitergehende Forschung notwendig.

Kritik übt die SSK indes am Konzept der KiKK-Studie. Es weise hinsichtlich Expositionsbestimmung und Erhebung von Einflussfaktoren zahlreiche methodische Schwächen auf. Gleichwohl entspreche die Durchführung der Studie der guten epidemiologischen Praxis, und auch das Konzept sei geeignet, eine Abstandsabhängigkeit zu analysieren. Eine ausführliche wissenschaftliche Begründung soll spätestens Mitte November 2008 vorliegen.

Das Bundesamt für Strahlenschutz, das die KiKK-Studie in Auftrag gegeben hatte, weist die Kritik am Studiendesign in einer prompten Stellungnahme zum SSK-Bericht als zu pauschal zurück. Vor der Vergabe der Studie habe das BfS in intensiven fachlichen Diskussionen alle sinnvoll realisierbaren Optionen geprüft, um die Fragestellung der KiKK-Studie in einer praktisch durchführbaren Untersuchung beantworten zu können und sich dabei von einem Expertengremium beraten lassen. Das Studiendesign habe dem bestmöglichen Vorgehen entsprochen.

Grundsätzlich sieht sich das BfS durch die SSK in seiner ersten Bewertung der KiKK-Studie vom Dezember 2007 bestätigt: Aus den Ergebnissen könne kein kausaler Zusammenhang zwischen dem Erkrankungsrisiko und der Strahlenexposition abgeleitet werden. Diese Aussage der SSK werde vom BfS allerdings „nicht in dieser Stringenz“ geteilt. Durchaus würden sich „Hinweise auf mögliche Ursachen“ ergeben, heißt es in der Stellungnahme.

Die kürzlich im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten weitergehenden explorativen Analysen am KiKK-Datensatz durch die Autoren der Studie begrüßt das BfS. Sie könnten dazu dienen, die Frage zu beantworten, welche in den Daten vorhandenen Umstände zu den Resultaten geführt hätten. „Dennoch – der Effekt bleibt. Es gibt derzeit keine befriedigenden Antworten auf die Fragen, die sich aus den Befunden der KiKK-Studie ergeben“, sagte Dr. Bernd Grosche, Leiter der Abteilung „Strahlenrisiko“ im BfS gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

„Kein Umzug erforderlich“
Handlungsbedarf sieht das BfS ebenso wenig wie das Bundesumweltministerium. Es gebe keinen Grund dafür, in der Umgebung der deutschen AKW neue Maßnahmen im Strahlenschutz, wie beispielsweise eine Verschärfung der bestehenden Grenzwertregelungen, zu veranlassen, teilte ein Ministeriumsprecher mit. Gleichzeitig sprach sich das BMU jedoch dafür aus, die Ursachenforschung „auf breiter Grundlage“ zu verstärken.

„Auf Basis der Ergebnisse der KiKK-Studie und der fehlenden plausiblen Erklärungen kann Eltern nicht empfohlen werden, aus der Umgebung von Kernkraftwerken wegzuziehen“, erklärte Grosche. Auch um Grenzwerte zu senken, fehle derzeit eine wissenschaftliche Grundlage. Beides hatten bereits im Frühjahr der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW sowie eine Initiative von Pädiatern gefordert, um weitere Kinderkrebserkrankungen im Umfeld von Kernkraftwerken zu verhindern (DÄ, Heft 20/2008). Auch jetzt forderte die umweltpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Sylvia Kotting-Uhl, die Bundesregierung auf, ihre Vorsorgepflicht ernst zu nehmen und „jeglicher Verharmlosung der Atomtechnologie entgegenzutreten“. Solange unter Wissenschaftlern kein Konsens bestehe, bleibe der Atomausstieg ein dringliches Anliegen.

Auf dem Symposion „Umweltmedizin: Evidenz – Kontroverse – Konsequenz“ der Gesellschaft für Strahlenschutz und des Instituts für Humangenetik der Charité – Universitätsmedizin Berlin hatten Ende September in Berlin Wissenschaftler vor Gesundheitsrisiken auch durch niedrige Strahlendosen gewarnt. „Ionisierende Strahlung kann auch in kleinsten Dosen Mutationen, Krebserkrankungen und Erbschäden auslösen“, betonte Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann (Greifswald). Nach Ansicht von Prof. Dr. rer. nat. Inge Schmitz-Feuerhake kommt es bei einer chronischen Exposition durch radioaktive Stoffe zur Induktion von Leukämie. Dies könne bereits über die Keimbahn der Eltern, die Bestrahlung der Feten im Mutterleib und durch die Bestrahlung der Menschen selbst geschehen. „Die erforderliche Dosis für einen statistisch erkennbaren Effekt ist wesentlich kleiner als offiziell vorausgesetzt“, erklärte sie.

Laut britischen Regierungsberichten könnten offizielle Schätzungen für Dosen und Risiken von internen, radionukliden Strahlern große Unsicherheiten enthalten, berichtete Ian Fairlie (London). Der Chemiker führt die im Rahmen der KiKK-Studie festgestellte Zunahme der Krebsfälle auf eine hohe Ingestion von Radionukliden durch Schwangere in der Umgebung von Atomkraftwerken zurück.

Seine (unbewiesene) Theorie: Beispielsweise beim Austausch von Brennstoffen werden durch AKW plötzlich Nuklide freigesetzt. Diese markieren das rote Knochenmark von Embryonen und Feten radioaktiv und lösen Leukämien aus. Unter den verschiedenen emittierten Radionukliden hält Fairlie Tritium (das radioaktive Isotop von Wasserstoff, H-3) und Kohlenstoff-14 für die wahrscheinlichsten Verursacher des Krebsanstiegs.

Auch der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, Dr. Sebastian Pflugbeil, forderte, die Befunde der KiKK-Studie ernst zu nehmen. „Sie verpflichten die politischen Entscheidungsträger, das seit Jahrzehnten anerkannte Prinzip der Vorsorge endlich praktisch umzusetzen“, sagte er. An Wissenschaftler und Politiker appellierte er, nicht mit halb richtigen Darstellungen falsche Schlüsse zu suggerieren.

Zweifel an der Interpretation
Prof. Dr. med. Eberhard Greiser (Bremen) kritisierte, dass die Autoren der KiKK-Studie ein erhöhtes Erkrankungsrisiko lediglich für den 5-Kilometer-Radius um Kernkraftwerke angeben. Ein negativer Abstandsgradient sei jedoch bis zu einer Entfernung von 50 km statistisch signifikant (Qualitätsprüfung Jöckel, Greiser Hoffmann, 2008).

Die Ergebnisse der KiKK-Studie waren nicht nur hierzulande, sondern auch in anderen europäischen Ländern Anlass dazu, sich erneut mit dem Thema „Kinderkrebs und Atomkraft“ zu beschäftigen. Sowohl in Frankreich als auch in Großbritannien werteten im Laufe dieses Jahres Wissenschaftler bereits vorhandene Daten neu aus. Der in Deutschland festgestellte Abstandstrend für Leukämien bei unter fünfjährigen Kindern zeigte sich jedoch in diesen Ländern nicht (Laurier et al., 2008, Bithell et al., in press). Einer Studie zufolge spielt bei 90 Prozent aller Leukämien im Kindesalter die genetische Suszeptibilität eine Rolle (Chokkalingam, 2008). Etwa 20 Prozent der Fälle sollen auf natürliche Strahlenexposition zurückzuführen sein (Wakeford, 2004).

„Der Workshop des BfS zu Ursachen von Leukämieerkrankungen im Kindesalter im Mai hat deutlich gemacht, dass es sich bei der Entstehung von Leukämien um ein multifaktorielles Geschehen handelt, das in seiner Komplexität noch nicht verstanden wird“, sagte Grosche. Um dieses zu beleuchten, bedürfe es eines umfassenden, koordinierten Forschungsprogramms.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

*Im gesamten Bundesgebiet sind zwischen 1980 und 2003 in der Altersgruppe der 0–4-Jährigen 13 373 neue Krebserkrankungen aufgetreten (jährlich etwa 560), davon 5 893 Leukämieerkrankungen (jährlich etwa 250).

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema