ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2008Prävention: Anstoß zum Nachdenken

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Prävention: Anstoß zum Nachdenken

Dtsch Arztebl 2008; 105(43): A-2275

Kuhn, Joseph

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Werner Bartens: Vorsicht Vorsorge! Wenn Prävention nutzlos oder gefährlich wird. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2008, 193 Seiten, Broschur, 7,50 Euro
Werner Bartens: Vorsicht Vorsorge! Wenn Prävention nutzlos oder gefährlich wird. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2008, 193 Seiten, Broschur, 7,50 Euro
Die Lebenserwartung in den Industrieländern ist so hoch wie nie zuvor, und die Medizin verspricht den Menschen bei sorgfältiger Vorsorge gute Aussichten, gesund alt zu werden. Also putzen wir regelmäßig die Zähne, lassen den Blutdruck messen, verzichten auf das Rauchen und fettes Essen und gehen zur Krebsfrüherkennung. So reglementieren wir unser Leben nach medizinischen Vorgaben, obwohl wir wissen, dass das, was heute als gesund gilt, nur allzu oft morgen schon überholt ist.

Der Autor ist Arzt und Wissenschaftsredakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“. Sein Buch setzt sich kritisch mit gängigen Vorsorgeregeln auseinander. Er beschreibt etwa, wie schwach die wissenschaftliche Basis vieler Ernährungsratschläge ist, dass wir ruhig etwas molliger sein dürfen und dann sogar länger leben als die „Normalgewichtigen“ und dass Früherkennungsuntersuchungen auch Schattenseiten haben, über die zu wenig gesprochen wird. Vor allem einige Formen der Krebsfrüherkennung sind wissenschaftlich umstritten, insbesondere die auf Prostatakrebs. Hohe Raten an falschen oder abklärungsbedürftigen Befunden versetzen hier viele Menschen unnötig in Angst und Schrecken, zu oft führen die Befunde zu überflüssigen Operationen mit schweren Nebenwirkungen. Der Autor will nicht gegen die Prävention insgesamt zu Felde ziehen, sondern dafür sensibilisieren, sich die Versprechungen der Präventionsindustrie genauer anzusehen. An die Ärzte appelliert er, ihre Patienten (oder in der Prävention: ihre gesunden Kunden) besser über die Vor- und Nachteile von Früherkennungsuntersuchungen aufzuklären und ihnen eine fundierte Entscheidung zu ermöglichen, welche Untersuchungen sie in Anspruch nehmen wollen.

Der Autor hat auf den Fundus seiner Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ zurückgegriffen. Das Buch profitiert davon, was die „lockere Schreibe“ angeht. Auf der anderen Seite ist die Wiederverwertung vorhandener Textbausteine dem Buch nicht in jeder Hinsicht gut bekommen. Das Themenspektrum des Buchs ist davon bestimmt, was für den Medizinjournalismus in der Tagespresse geeignet war. Über viele Bereiche der Prävention, zum Beispiel die arbeitsmedizinische Vorsorge, die Verkehrssicherheit oder die Krankenhaushygiene, erfährt man gar nichts. Es wäre auch schön gewesen, wenn der Autor beim Zusammenfügen der Texte die zahlreichen Wiederholungen bereinigt hätte. Manchmal widersprechen sich die Versatzstücke sogar regelrecht. So schreibt Bartens zum Beispiel, dass sich bei Menschen mit Fettleibigkeit die Sterblichkeit aufgrund von Herzinfarkten und Schlaganfällen erhöhen würde, nicht aber durch Krebs. Schon im nächsten Absatz steht dann aber, dass mit einem BMI ab 30 (da beginnt Fettleibigkeit) das Risiko für Tumorerkrankungen steigt. Was soll der Leser glauben? Auch das aus dem Zeitungsjournalismus übernommene Stilmittel, alles durch Zitate von Wissenschaftlern zu bekräftigen, wirkt in einem Buch auf die Dauer etwas ermüdend und gehört streng genommen eigentlich in die Rubrik der eminenzbasierten statt der evidenzbasierten Medizin.

Das Buch stellt keine systematische Abhandlung über die Prävention dar, aber es gibt Anstöße, über Nutzen und Risiken mancher Präventionsleistungen und über die ärztliche Pflicht zur Aufklärung darüber etwas gründlicher nachzudenken. Joseph Kuhn
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