ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2008Schachweltmeisterschaft: Unter gewaltigem Druck

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Schachweltmeisterschaft: Unter gewaltigem Druck

Dtsch Arztebl 2008; 105(43): A-2281 / B-1951 / C-1899

Pfleger, Helmut

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Foto: dpa
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Vom 14. Oktober bis 2. November spielen in der Bundeskunsthalle in Bonn der Inder Viswanathan Anand (38) und der Russe Wladimir Kramnik (33) um die Schach-WM. Ein spannendes Duell in einer langen Reihe zum Teil skurriler Begegnungen

Nachdem Kramnik im Jahr 2000 Kasparow entthront und den WM-Titel 2004 gegen Peter Leko (Ungarn) und 2006 gegen Weselin Topalow (Bulgarien) verteidigt hatte, entriss ihm Anand die Krone beim WM-Turnier 2007 in Mexiko. Nun also dieser Titelkampf, dem die Schachwelt entgegenfiebert, zwischen diesen beiden herausragenden Repräsentanten des Schachsports, die seit vielen Jahren die Schachwelt beherrschen und sich an außerordentlichem Können nichts nachgeben.

Insofern werden sicher psychologische und medizinische Faktoren eine entscheidende Rolle spielen, wie beide selbst – wie auch früher schon Kasparow und Karpow – betonen, wie aber auch ein Blick in die jüngere Geschichte der Schachweltmeisterschaften zeigen mag. Nur allzu oft wird der Kampf nicht allein auf dem Schachbrett ausgetragen. Als sich 1972 in Reykjavík der Sowjetrusse Boris Spassky und der US-Amerikaner Bobby Fischer auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gegenübersaßen und selbst Nixon und Kissinger intervenierten, konnte der sensible und menschlich äußerst integre Spassky dem gewaltigen Druck aus seinem Heimatland, die jahrzehntelange Hegemonie des Sowjetschachs unbedingt zu bewahren, gegen die „gefühllose Maschine“ Fischer letztlich nicht standhalten.

Schlimm befehdeten sich 1978 auf den Philippinen der zur Nomenklatura gehörige Breschnew-Günstling Anatoli Karpow und sein Herausforderer, der sowjetische Dissident Viktor Kortschnoi. Dieser hörte in den Taschen Karpows „die Ketten rasseln, die Frau und Sohn im sowjetischen Kerker gefangenhielten“, und protestierte dagegen, dass Karpow während der Partien Joghurt gereicht wurde. Wie viele Codes konnten sich dahinter verbergen – beispielsweise konnte grüner Joghurt bedeuten: „Greife auf dem Damenflügel an“ oder blauer „Ziehe den Springer zurück“!

Verbannung in die hinteren Reihen war erfolgreich
Wesentlich wirksamer brachte Karpow einen Parapsychologen mit, dessen einzige Aufgabe es war, Kortschnoi aus der ersten Reihe unverwandt anzustarren und so dessen Gedankenkreise durcheinanderzubringen. Mit Erfolg – Karpow ging mit 5 : 2 in Führung. Erst als der Parapsychologe in die hinteren Reihen verbannt wurde und sich zudem Freunde Kortschnois in die Reihe davor setzten und ihn ihrerseits unverwandt anstarrten, um seinen Verderben bringenden Blick zu neutralisieren, ging es mit Kortschnoi wieder aufwärts. Die fünf WM-Matches zwischen dem „Rebell“ Garry Kasparow und dem linientreuen Anatoli Karpow von 1984 bis 1990 waren auch immer von Grabenkämpfen und teilweise wüsten Beschimpfungen begleitet. Der erste Wettkampf 1984 wurde sogar vom damaligen Präsidenten des Weltschachbunds Florencio Campomanes nach über zwei Monaten Dauer abgebrochen, angeblich weil er die Gesundheit beider gefährdet sah. Der mit 5 : 3 Punkten noch führende Karpow, der – damals ohnehin schmächtig – fünf Kilo abgenommen hatte, fühlte sich ebenso betrogen wie Kasparow, der nach einem 5:0-Rückstand drei Partien gewonnen hatte und Karpow am Zusammenbrechen sah. Die Hintergründe des Abbruchs wurden nie geklärt.

1995 trat schließlich einer der jetzigen Protagonisten in die Arena. Am 11. September wurde die erste Partie des WM-Wettkampfs zwischen Anand und Kasparow auf der Aussichtsplattform des World Trade Centers in New York ausgetragen – auf den Tag genau sechs Jahre später sollte dieses in Schutt und Asche versinken. Anand ging mit der neunten Partie in Führung, doch spätestens dann verhielt sich Kasparow sehr unfair. Er knallte Türen, schnitt Grimassen und vieles mehr – sein ganzes, übliches Repertoire eben. Der noch unerfahrene Anand ließ sich jedenfalls beeindrucken und fand fortan nicht mehr seine Linie.

Eine legendäre Partie fand 1978 auf den Philippinen statt: Anatoli Karpow brachte einen Parapsychologen mit, der Kortschnoi aus dem Konzept bringen sollte. Foto: ap
Eine legendäre Partie fand 1978 auf den Philippinen statt: Anatoli Karpow brachte einen Parapsychologen mit, der Kortschnoi aus dem Konzept bringen sollte. Foto: ap
Noch deutlicher sollte eine gewisse psychische Schwäche des stets freundlichen Anands beim WM-Kampf gegen Karpow deutlich werden. Das Match endete unentschieden, der Tiebreak im Schnellschach, seiner Paradedisziplin, musste entscheiden. In der ersten Stichkampfpartie hatte er bei riesigem Zeitvorsprung eine klare Gewinnstellung. Aber dann geschah etwas Unglaubliches. Anand vergab zunächst den leichten Gewinn, dann das leichte Remis. In der zweiten Stichkampfpartie war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Hören wir ihn selbst: „Ich spielte wie unter einem Schleier. Meine Finger hörten nicht mehr auf meinen Kopf und zogen einfach weiter.“

Umgekehrt war Kramnik vor seinem WM-Kampf gegen Kasparow im Jahr 2000 in London der Einzige gewesen, der sich vom „Monster mit den 27 Augen“ (der englische Großmeister Tony Miles), vom „Menschenfresser aus Baku“ (die spanische Zeitung „El País“) nicht hatte einschüchtern lassen. Zudem änderte Kramnik im Vorfeld des Matches seinen Bohème-Lebensstil radikal, hatte er doch nur allzu oft bei Alkohol und Zigaretten die Nacht zum Tag gemacht. Und Anands (!) Worte „Wenn Wladimir nicht mehr trinkt, ist er unschlagbar“ wurden zumindest damals wahr. Kramnik gewann das Match ohne eine einzige Niederlage.

Geheime Informationen auf der verkabelten Toilette
Andererseits sollte bei seiner Titelverteidigung 2006 im kalmückischen Elista gegen den Bulgaren Weselin Topalow auch seine Achillesferse zutage treten. Völlig haltlos beschuldigte Topalows Manager Kramnik, auf seiner Toilette über Kabel geheime Informationen zu bekommen. Aus vielerlei Gründen absurd, nicht zuletzt, weil die Toilettenräume bei jeder Partie zwischen den Spielern gewechselt wurden. Die Atmosphäre in dieser unappetitlichen Affäre war indes zum Zerreißen gespannt, die ganze Schachwelt war aufseiten Kramniks, doch dieser, in seiner Ehre zutiefst gekränkt, trat nach einem 3:1-Vorsprung zur fünften Partie nicht an, verlor kampflos und, sichtlich erschüttert, auch noch die sechste Partie. Schließlich gewann er zum guten Schluss aufgrund seiner überlegenen Spielkunst den Wettkampf doch noch.

Den größten Bock seines Lebens schoss Kramnik jedoch in der zweiten Partie seines Wettkampfs gegen das weltweit führende Computerschachprogramm „Fritz“, als er sich in Remisstellung einzügig mattsetzen ließ. „Kuss des Todes“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“. Ein Beweis mehr, dass grobes Irren allein menschlich ist. Dem Gegner seine Gefühle nicht zu verraten, ist sowohl Anand als auch Kramnik wichtig. Kramnik: „Mein Vater hat mir eingebläut, dass ein Mann seine Emotionen kontrollieren müsse.“ Und Anand: „Ich mag während der Partie ruhig und nüchtern erscheinen, aber das ist Fassade – innerlich höre ich mein Herz bumpern. Schach ist Krieg in der Einsamkeit.“

Während der entscheidenden Stunden sitzen Anand und Kramnik allein auf der Bühne der Bonner Bundeskunsthalle, in einer grenzenlosen Einsamkeit trotz eines vielhundertköpfigen Publikums. Ein furchtbarer Sog treibt sie dann, alle Tiefen der Stellung auszuloten, während die Sekunden und Minuten auf der Schachuhr unerbittlich dahinticken. Schließlich die entsetzliche Zeitnot, der Blick jagt zwischen den Figuren auf dem Brett und der Uhr hin und her. Und niemand kann ihnen diese Last, dieses Aufwallen heftigster Gefühle abnehmen – sie sind allein auf dieser Welt, in einem mörderischen Krieg gegeneinander.

Insofern verständlich, dass Kramnik, ähnlich wie Spassky und Kasparow, Spitzenschach als gesundheitsschädlich ansieht. Spassky: „Jedes Jahr als Weltmeister kostet dich ein Jahr deines Lebens.“ Andererseits hindert dies Kramnik, der den WM-Titel ebenfalls als Bürde empfindet und sich älter fühlt, als es seinem biologischen Alter von 33 Jahren entspricht, nicht daran, an seiner Lebenszeitverkürzung aufopferungsvoll zu arbeiten: „Ich bin ein Getriebener. Ich möchte der Perfektion nahekommen. Der Zwang zur Analyse, zum Studieren ist stärker als ich.“ Gelassener hört sich das bei Anand an: „Ich begann mit sechs Jahren Schach zu spielen; seitdem ist meine Leidenschaft dafür keinen Deut geringer geworden, sie wird sogar immer noch größer. Ein Leben ohne Schach kann ich mir nicht vorstellen.“

Es ist zu wünschen, dass Kramnik während des Wettkampfs von einem Schub der Spondylitis ankylosans verschont bleibt, im Augenblick jedenfalls fühlt er sich bestens.

Ganz sicher wird es zwischen diesen beiden freundlichen, humorvollen und durch und durch integren Ausnahmespielern keine über die normale Rivalität hinausgehenden Auseinandersetzungen geben, wie wir sie in der Vergangenheit leider nur allzu oft sahen. Beide wollen keine Skandale, wollen erklärtermaßen nicht wie Fischer oder Kasparow das Ego ihres Gegners zerbrechen, für beide ist es aber auch das wichtigste Match ihrer Karriere, bei Kramnik vielleicht gleichwertig mit dem gegen Kasparow im Jahr 2000. n
Dr. med. Helmut Pfleger
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