ArchivDeutsches Ärzteblatt18/1997Sterbehilfe und Beihilfe zum Suizid: Vorrang für die Schmerztherapie

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Sterbehilfe und Beihilfe zum Suizid: Vorrang für die Schmerztherapie

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt die aktive Sterbehilfe ab. Das geht aus einer jetzt vorgelegten Umfrage der Deutschen Hospiz Stiftung hervor. Auf einer von der Akademie für ärztliche Fortbildung Niedersachsen in Zusammenarbeit mit der Akademie für Ethik in der Medizin der Georg-August-Universität Göttingen veranstalteten Tagung Mitte April in Hannover waren sich die meisten Teilnehmer darin einig, daß aktive Euthanasie weiterhin verboten bleiben sollte. Sie diskutierten jedoch darüber, ob unter bestimmten Umständen eine ärztliche Beihilfe zum Suizid zulässig sein könnte.


Noch nie in den letzten 20 Jahren war die Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe so gering wie heute. Nach einer von der Deutschen Hospiz Stiftung in München vorgestellten Emnid-Untersuchung sprechen sich noch 42 Prozent für die aktive Euthanasie aus. 1994 habe die Zahl der Befürworter bei mehr als 80 Prozent gelegen. 35 Prozent der Befragten lehnen aktive Sterbehilfe unter Hinweis auf die Möglichkeiten der Schmerztherapie ab.
Die meisten Ärzte können sich ebenfalls nicht vorstellen, aktive Sterbehilfe zu leisten. Das ergab eine Erhebung im vergangenen Jahr durch das Institut für Epidemiologische Forschung Berlin. Prof. Dr. med. KarlHeinz Wehkamp vom Zentrum für Gesundheitsethik an der Evangelischen Akademie Loccum, der das Konzept entwickelt hatte, stellte die Studie auf einer Tagung in Hannover vor. Bundesweit waren 184 Kliniker und 282 niedergelassene Ärzte für Allgemeinmedizin befragt worden. Rund ein Drittel aller Befragten, so Wehkamp, konnte sich Situationen vorstellen, in denen sie aktive Sterbehilfe leisten möchten. Lediglich 0,8 Prozent der befragten Kliniker, aber 7,8 Prozent der niedergelassenen Allgemeinärzte, haben von Fällen berichtet, in denen sie einem Tötungswunsch eines Patienten entsprochen hätten.
Nur rund 20 Prozent der Ärzte würde eine Erprobung des niederländischen Modells zur Sterbehilfe befürworten, das Dr. med. Gerrit K. Kimsma aus West Zaan vorstellte. Grundsätzlich sei aktive Euthanasie in dem Nachbarland verboten, nur unter bestimmten Voraussetzungen blieben Ärzte, die Sterbehilfe leisten, straffrei. Maßstab für die Strafbarkeit sei ein bestimmtes Prüfverfahren. Der Arzt sei verpflichtet, im Anschluß an die geleistete Sterbehilfe ein Gutachten in Form eines Meldeberichtsbogens zu schreiben. Regionale Kommissionen müßten überprüfen, ob der Arzt die Bedingungen, die nach der Euthanasie-Gesetzgebung vorgeschrieben sind, erfüllt habe.


Absage an aktive Euthanasie
Sterbehilfe bleibt dann straffrei, wenn die Ärzte die Euthanasie auf ausdrücklichen und wiederholten Wunsch des einwilligungsfähigen Patienten praktizieren und dessen Leiden "ernst und hoffnungslos" sind. Der Arzt muß sich außerdem noch mit einem Kollegen beraten. Die Zahl der Tötungen auf Verlangen nimmt in den Niederlanden stetig zu (Tabelle).
Diesem niederländischen Modell erteilte der Präsident der Ärztekammer Niedersachsen, Prof. Dr. med. Heyo Eckel, eine deutliche Absage. Den Ärzten blieben genügend Möglichkeiten, durch Behandlung, Beistand und Pflege, dem Patienten einen würdevollen Sterbeprozeß zu gewährleisten. Auch in der vorgesehenen Neufassung der "Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer zur ärztlichen Sterbebegleitung und zur Behandlungsbegrenzung" sollen künftig "gezielte Lebensverkürzungen durch Eingriffe, die den Tod herbeiführen oder beschleunigen, unzulässig bleiben und mit Strafe bedroht werden, auch dann, wenn dies auf Verlangen des Patienten geschieht", betonte Prof. Dr. med. Eggert Beleites, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen und Vorsitzender des Ausschusses für medizinisch-juristische Grundsatzfragen der Bundes­ärzte­kammer. Nach den neuen Richtlinien widerspreche die Mitwirkung des Arztes bei einer Selbsttötung ebenfalls dem ärztlichen Ethos und könne strafbar sein, sagte Beleites.
"Doch wenn der assistierte Suizid auch künftig nicht erreichbar ist, muten wir im bedrückenden Einzelfall einem Menschen unendlich Schweres zu", stellte Prof. Dr. med. Günther Ritzel, Ärztlicher Direktor des Landeskrankenhauses Hildesheim, fest. Passive und indirekte Euthanasie seien nicht nur akzeptabel, sondern könnten im individuellen Einzelfall sogar geboten sein. Er machte darauf aufmerksam, daß die unterlassene Hilfeleistung bei einer Suizidhandlung in Deutschland weiterhin bestraft werde.


Erfahrung im Dritten Reich
Prof. Dr. phil. Jan P. Beckmann, Institut für Philosophie der Fernuniversität Hagen, plädierte dafür, daß unter ganz bestimmten Bedingungen ärztliche Beihilfe zum Suizid zulässig sein sollte. Dabei müsse jedoch unterschieden werden zwischen einem Leben, das der betreffende Mitmensch aus medizinisch triftigen Gründen in vollem Bewußtsein und nach reiflicher Sicht für nicht erträglich hält, und einem Leben, das von Dritten für nicht mehr "lebenswert" gehalten werde. Angesichts der in Deutschland von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen sei dies unter keinen Umständen ethisch zu rechtfertigen.
Für eine zulässige ärztliche Beihilfe zum Suizid müßten vier Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein: die Aussichtslosigkeit der Prognose, ein wesentliches Versagen der Schmerztherapie, eine Alternativlosigkeit der Situation und vor allem die volle, unbeeinträchtigte Entscheidungsfähigkeit und klare Einsicht in die Tragweite des suizidalen Wunsches seitens der Betroffenen. Selbst bei Vorliegen all dieser Bedingungen kann es nach Ansicht Beckmanns keine moralische Verpflichtung zur Suizidhilfe oder zur Tötung auf Verlangen geben. Der Philosoph hält Beihilfe zum Selbstmord oder gar Tötung auf Verlangen bei psychisch Erkrankten im Falle fehlender oder eindeutig eingeschränkter Einsichts- und Zustimmungsfähigkeit für ethisch nicht gerechtfertigt. Aus juristischer Sicht stimmte Prof. Dr. jur. Dr. jur. h. c. Hans-Ludwig Schreiber, Präsident der Universität Göttingen, diesen Ausführungen grundsätzlich zu.
Für die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention bleibt Beihilfe zur Selbsttötung ein "für sie auszuschließendes Thema", stellte ihr Vorstandsmitglied Prof. Dr. med. Werner Felber von der Psychiatrischen Klinik der TU Dresden fest. Nicht nur die Mitglieder der Gesellschaft, sondern jeder Arzt gerate durch eine Beteiligung an einer Beihilfe zum Suizid oder an der aktiven Sterbehilfe in einen unlösbaren Rollenkonflikt, der aus den dann gegensätzlichen Handlungszielen erwachse. In jedem Fall sei Suizidverhütung das höhere humanistische Gut, das es zu bewahren gelte. Ein besonders abschreckendes Beispiel sei die bis vor kurzem legalisierte Selbsttötungsapparatur, die in Australien zum Einsatz gekommen war. Bestandteil dieser Maschine war ein Computerprogramm, bei dem auf dem PC-Display die Frage erschien: "If you press ,yes', you will cause a lethal injection to be given within 30 seconds, and will die. Do you wish to proceed?"
Prof. Dr. med. Josef Aldenhoff, Mitglied des Beirats der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, begründet die ablehnende Haltung seiner Gesellschaft zur Beihilfe zum Suizid mit der Erfahrung der Euthanasie im Dritten Reich. Im Nationalsozialismus sei die Grenze zwischen aktiver und passiver Euthanasie immer fließender geworden, betonte er. Und in den den Verbrechen der Nazis zugrundeliegenden theoretischen Schriften fänden sich Argumente, die auch heute noch angeführt würden.
Er kritisierte, daß die Ökonomie bei vielen Patienten eine adäquate Schmerzbekämpfung verhindere. Und darin waren sich alle Teilnehmer einig. Eckel sprach sich außerdem für eine Intensivierung psychiatrischer und psychotherapeutischer Zuwendung zur Überwindung depressiver Stimmungslagen aus, "die oft genug zu spontanen, später wieder revidierten Erlösungswünschen führen". Wichtig sei die Stärkung des Vertrauens des Patienten in das ärztliche Handeln und in ärztliche Einrichtungen. Ritzel machte schließlich darauf aufmerksam, daß der Mensch aus dem Dialog und der Dialog- und Beziehungsfähigkeit lebe. Er sei überzeugt, "daß fast niemals das Leben selbst verneint wird, sondern seine niederdrückend und ausweglos erscheinenden Umstände". Gisela Klinkhammer

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