ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1996Europäische Krebsatlasprojekte

MEDIZIN: Diskussion

Europäische Krebsatlasprojekte

Berndt, Hans; Becker, Nikolaus

Zu dem Beitrag von Dr. habil. Nikolaus Becker in Heft 31?32/1995
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"Die bis heute recht unbekannte Krebslandschaft dieses Teiles Europas" (die ehemals sozialistischen Staaten) läßt vermuten, es gäbe keine leicht zugänglichen Publikationen. In der Tat betrieben die DDR und andere Staaten nationale und regionale Krebsregister. Die Register waren/ sind Mitglied der International Association of Cancer Registries, deren Büro sich in der International Agency for Research on Cancer in Lyon befindet. Die Ergebnisse flossen ein in die Reihe Cancer Incidence in Five Continents und sind jedem Krebsepidemiologen bekannt. Die DDR hat tatsächlich der WHO nur eine verkürzte Liste der Todesursachenstatistik entsprechend den Minimalanforderungen der WHO mitgeteilt, doch wurde die Todesursachenstatistik ebenso wie die Jahresstatistik des Krebsregisters im Jahrbuch "Das Gesundheitswesen der DDR" veröffentlicht und kommentiert. Außerdem basierten wissenschaftliche Arbeiten auf Daten des Krebsregisters, die im Archiv für Geschwulstforschung, in Das Deutsche Gesundheitswesen und manche als Hochschulschriften veröffentlicht wurden.
"Die Krebslandschaft . . . unmittelbar vor dem Zusammenbruch der sozialistischen Gesellschaftsordnungen und den nachfolgenden sozioökonomischen Umwälzungen" legt nahe, daß sich Krebs wie eine akute Infektionskrankheit verhält, während bis zur klinischen Manifestation viele Jahre vergehen. Zu Beginn des DDR-Krebsregisters (1952) stand der Bezirk Neubrandenburg in der Rangordnung der 15 Bezirke an letzter Stelle, hat sich aber schließlich auf den ersten Platz vorgearbeitet – natürlich lediglich Ausdruck der allmählichen Zunahme der diagnostischen Ressourcen und ihrer Qualität. Die altersstandardisierte Krebsinzidenz und -mortalität stieg in der DDR allmählich an. Sieht man von Ausnahmen ab (Bronchialkrebs, Brustdrüsenkrebs und andere), so betraf die Zunahme fast ausschließlich die höchsten Altersklassen, weil die Verbesserung der medizinischen Versorgung zu intensiverer Diagnostik auch dann führte, wenn die therapeutischen Konsequenzen gering waren oder ausblieben.
Lebensgewohnheiten und -bedingungen unterscheiden sich zwischen kleineren Verwaltungseinheiten innerhalb eines entwickelten Landes zu wenig, um epidemiologisch interessante Differenzen zu erzeugen und zu erkennen. Auch sinkt naturgemäß die Fallzahl mit abnehmender Größe und Population rasch unter eine kritische Schwelle. Dies haben zahlreiche Studien innerhalb der DDR deutlich gezeigt.
Die Zunahme an tödlichen Hirntumoren hat gewiß nichts mit der Verbreitung der Computertomographie zu tun. Im Krebsregister der DDR wurde dieses Phänomen schon früher beobachtet. Die Computertomographie war bis zur deutschen Wiedervereinigung nur an wenigen Stellen in der DDR verfügbar.
Die Früherkennungsmaßnahmen auf Dysplasie, Carcinoma in situ und Krebs der Cervix uteri in der DDR beruhten auf den Erfahrungen mit dem Berliner Zytologieprogramm, das 1972 von E. Bahrmann, H. Berndt und D. Neuser begründet wurde. Innerhalb von zwei Jahren wurde damit der Durchuntersuchungsgrad erreicht, den das vorbildliche British Columbia in Kanada innerhalb von zehn Jahren schaffte. Entsprechend der Erwartung stieg sehr rasch die scheinbare Inzidenz der Vor- und Frühstadien des Krebses, während die Sterblichkeit – vorwiegend ältere Frauen betreffend – erst später abnahm. In der epidemiologischen Krebsursachenforschung geht es heute oft um lokale Einflüsse oder regionale Cluster.
Dem kommt man weder mit einem Register noch mit einem Atlas nahe. Atlanten sind anschaulicher, aber naturgemäß weniger genau im Detail als Tabellen. Sie bieten im Grundsatz keine neuen Informationen, sondern erleichtern lediglich das Erkennen von Unterschieden.


Prof. Dr. Hans Berndt
Binzstraße 5
13189 Berlin


Schlußwort Herrn Professor Berndt ist für seine ergänzende Anmerkungen zu meinem Artikel zu danken. Tatsächlich werden in einigen der an dem Krebsatlas beteiligten Länder Krebsregister geführt, wobei das Krebsregister der ehemaligen DDR durch den frühen Aufbau bereits in den 50er Jahren und die flächendeckende Sammlung international anerkannt ist. Bei Beginn der Arbeiten an dem Atlas stand durchaus die Frage zur Entscheidung, ob das Werk auf der Basis von Krebsregisterdaten oder auf der Grundlage von Sterblichkeitsdaten erstellt werden soll. Wir haben uns für letzteres entschieden, weil mit den verfügbaren Registerdaten keine flächendeckende Darstellung der Krebslandschaft in dem betreffenden Teil Mittel- und Südosteuropas möglich war. Für das Gebiet der ehemaligen DDR wäre eine solche Präsentation möglich gewesen und wurde daher jüngst als eigenständige Publikation (Möhner et al. 1994) vorgelegt. Herr Berndt hat auch recht, wenn er noch einmal darauf hinweist, daß Veränderungen in der Krebslandschaft aufgrund der Ende der 80er Jahre begonnenen soziökonomischen Umwälzungen erst nach Ablauf der für die Krebskrankheiten zum Teil recht langen Latenzzeiten zu beobachten sind. Aufgrund dieser Problematik ist die Krebsepidemiologie gezwungen, in entsprechend langfristigen Kategorien zu denken, immerhin ist seither aber bereits fast eine Dekade vergangen.
Die Zunahme der Sterblichkeit an Hirntumoren kann derzeit nicht schlüssig erklärt werden. Herr Berndt hat recht, wenn er darauf hinweist, daß man das Phänomen nicht ausschließlich mit einer Verbesserung der Diagnostik und einer damit verbundenen Verbesserung der Klassifikation der Todesursachen erklären kann. Andererseits sollte man eine Auswirkung der Verbesserung in der Diagnostik auf die Zuordnung von Sterbefällen zu Todesursachengruppen nicht rundweg bestreiten. Zur Ätiologie von Hirntumoren bei Erwachsenen wurde in den vergangenen Jahren eine groß angelegte internationale epidemiologische Studie durchgeführt, an der wir teilgenommen haben und deren Schlußauswertung zur Zeit durchgeführt wird (Schlehofer et al. 1992).
Die zum Teil erheblichen Unterschiede in der Sterblichkeit an Gebärmutterhalskrebs in Mittel- und Südosteuropa geben Anlaß zu der Frage, ob die Effektivität der Früherkennungsmaßnahmen in den betreffenden Gebieten unterschiedlich ist. Hintergrund für solche Mutmaßungen ist die Beobachtung durch epidemiologische Untersuchungen in anderen Gebieten, daß für solche regionalen Differenzen in erster Linie Unterschiede in der Früherkennung verantwortlich sind, wie auch immer diese zustande gekommen sein mögen (beispielsweise auch durch Unterschiede in der Teilnahmebereitschaft der betreffenden Frauen), und erst in zweiter Linie durch ätiologische Risikofaktoren. Gleichwohl wird man es nicht bei der Formulierung einer solchen Vermutung belassen, sondern in der nächsten Zeit im Rahmen einer mitteleuropäischen Kooperation eine epidemiologische Studie zu den Ursachen der Unterschiede in der Sterblichkeit an Gebärmutterhalskrebs beginnen.
Dem abschließenden Hinweis auf die Bedeutung regionaler Cluster für die Krebsursachenforschung möchte ich dagegen nicht zustimmen. Die Erfahrungen der letzten Jahre hierzulande sowie der umfangreichere Erfahrungsschatz der amerikanischen Kollegen mit regionalen Häufungen von Krebsfällen belegen, daß die Beschäftigung mit solchen Phänomenen für die Wissenschaft eher unfruchtbar ist (vergleiche hierzu auch Becker 1995).


Literatur
1. Becker N: Umweltepidemiologie (1995, in press). In: Beyer W, Eis D (Hrsg.). Praktische Umweltmedizin. Springer, Berlin Heidelberg New York, 1993 (Grundwerk).
2. Möhner M, Stabenow R, Eisinger B: Atlas der Krebsinzidenz in der DDR 1961–1989. Ullstein Mosby, Berlin Wiesbaden 1994.
3. Schlehofer B, Blettner M, Becker N, Martinsohn C, Wahrendorf J: Medical Risk Factors and the Development of Brain Tumors. Cancer 1992; 69: 2541–2547.


Dr. habil. Nikolaus Becker
Deutsches Krebsforschungszentrum
Abteilung Epidemiologie
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg

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