ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008Gewerbliche Sterbehilfe: Intensive Diskussion

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Gewerbliche Sterbehilfe: Intensive Diskussion

Klinkhammer, Gisela

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Zwei Menschen unterstützte der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch bereits beim Suizid. Er bietet diese „Dienstleistung“ auf seiner Homepage an. Foto: dpa
Zwei Menschen unterstützte der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch bereits beim Suizid. Er bietet diese „Dienstleistung“ auf seiner Homepage an. Foto: dpa
In zahlreichen Zuschriften nahmen Leser Stellung zum „Seite eins“-Beitrag in Heft 28–29/2008, der sich gegen Suizidbeihilfe durch Sterbehilfeorganisationen wandte.

Der Hamburger Exsenator Roger Kusch hatte Ende Juni dieses Jahres auf seiner Internetseite die Öffentlichkeit darüber informiert, dass er erstmals den Suizid einer 79-Jährigen assistiert habe. Inzwischen bietet Kusch diese „Dienstleistung“ auf einer eigenen Homepage an. „Gerade auch Ärztinnen und Ärzte müssen vermitteln, dass eine Gesellschaft, in der der Freitod eine alltägliche Option unter mehreren ,Problemlösungen‘ wird, keine humane mehr ist“, schrieb der Chefredakteur des Deutschen Ärzteblattes, Heinz Stüwe, in Heft 28–29/2008 in einem Kommentar („Seite eins“) zu dieser und anderen Formen gewerblicher Sterbehilfe. „Die Mitwirkung bei der Selbsttötung widerspricht dem ärztlichen Ethos. Ärzte stehen Sterbenden bis zum Tod bei, sie haben aber nicht die Aufgabe, den Tod herbeizuführen oder das Sterben zu beschleunigen.“ Stüwe zitierte den Präsidenten der Bundesärztekammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, der es „zynisch und abstoßend“ fand, dass Kusch eine alte Frau missbraucht habe, um sich in Szene zu setzen.

Dr. med. Karla Preuß, Ravensburg, hält diese „rigide Haltung von Herrn Hoppe für hinlänglich bekannt und seine Bemerkung zu Roger Kusch für eine bösartige Unterstellung“. Markus Wedemeyer, Bremerhaven, meint, „es wäre natürlich einfach, die Verantwortung für die wichtige Frage des letzten Auswegs Tod abzulehnen und zu postulieren, dass (gute?) Ärzte so etwas nicht tun, es ,zynisch‘ und ,abstoßend‘ nennen, was passiert ist. Aber das Leben stellt Fragen, zu denen es keine einfache Antwort gibt und zu denen die ,richtige‘ Antwort eine kontroverse und schmerzhafte ist. Insofern sollten wir uns nicht angewidert abwenden oder mit einem Nein eine notwendige Diskussion abbrechen. Der Tod ist kein ungelöstes medizinisches Problem. Er ist das Ende von etwas, was für nicht wenige unter uns unerträglich geworden ist – aus Krankheit, aus Angst, aus Einsamkeit“, schrieb Markus Wedemeyer, Bremerhaven.

Dr. med. Christa Schade, Wiesbaden, empfindet es als „pure Heuchelei“, wenn sich das Deutsche Ärzteblatt zum Hüter einer menschlicheren Gesellschaft beruft. „Als ich einem Palliativmediziner gegenüber erwähnte, dass ich keine Lust hätte, im Alter in die Mühle der Pflegeeinrichtungen zu geraten, meinte er, ich könne ja vom Hochhaus springen. Die Frau, der Herr Kusch in den Tod geholfen hat, hatte keine ,Angst‘, ins Pflegeheim zu kommen, sie hatte keine Lust, für den Rest ihres Lebens auf Eigenständigkeit zu verzichten.“

Demgegenüber die zustimmenden Leserzuschriften: Dr. med. Frank Jehn, Meppen, vertritt die Auffassung, dass „wir Ärzte uns nicht von einer ethisch-moralisch ins Wanken geratenen Gesellschaft dazu instrumentalisieren lassen dürfen, aktiv zu töten. Es gibt heute schon für uns ausreichend humane und rechtlich abgesicherte Möglichkeiten, um unseren Patienten zu helfen, deren Leiden zu tragen: indirekte und passive Sterbehilfe, terminale Sedierung und auch mit Einschränkungen der assistierte Suizid“.

Das Sterben nicht um jeden Preis verlängern
Prof. Dr. med. Volkmar Schneider, Berlin, geht ebenfalls davon aus, dass die Mehrzahl der deutschen Ärzte die Auffassung von Stüwe teilt. Ärzte sollten aber auch nicht das Sterben um jeden Preis verlängern. „Manch einer hat gerade davor große Angst – dass man ihn nämlich nicht in Ruhe und Würde sterben lässt.“ Verständnis für die Ablehnung jeglicher Form der ärztlichen Beteiligung bei Sterbehilfe äußerte Johann Friedrich Spittler, Bochum. Er empfiehlt aber, „offen über die Konsequenzen der Tabuisierung zu reflektieren. Die Umstände einer organisierten Suizidbeihilfe bewirken unausweichlich eine vorausgehende gründlichere Überlegung des Suizidwilligen, bevor er sich an die Organisation wendet, sich offenbart, medizinische Unterlagen bereitstellt und sich einem Gespräch mit einem Arzt in der Schweiz oder (im Fall psychischer Problematik) einem Psychiater in Deutschland öffnet. Außerdem: Die Zahlen aus der Schweiz sind bekannt: 70 Prozent der Menschen, die aus der Schweiz die Zustimmung zu einer Suizidassistenz erhalten haben, melden sich nicht wieder. Die Sicherheit eines ,Notausgangs‘ genügt ihnen. Darin sehe ich einen Beweis der suizidprophylaktischen Auswirkungen eines organisierten Vorgehens.“
Gisela Klinkhammer
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