ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008Pro: Finanzielle Anreize für postmortale Organspenden

POLITIK

Pro: Finanzielle Anreize für postmortale Organspenden

Dtsch Arztebl 2008; 105(44): A-2308 / B-1972 / C-1920

Buyx, Alena

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Dr. med. Alena Buyx M. A., Scholar im Harvard University Program in Ethics and Health
Dr. med. Alena Buyx M. A., Scholar im Harvard University Program in Ethics and Health
Um den üblichen Missverständnissen vorzubeugen: Wenn von belohnter Spendebereitschaft für postmortale Spenden die Rede ist, handelt es sich keinesfalls um eine Form des Organhandels. Weder sollen die bezahlte Lebendspende noch ein Handel mit Organen von Verstorbenen in Betracht gezogen werden. Vielmehr soll über eine Erhöhung der Anzahl postmortaler Organspenden durch eine moderat belohnte Spendebereitschaft nachgedacht werden. Bereits 1993 und erneut 2002 hat die American Medical Association sich grundsätzlich zugunsten solcher Anreize ausgesprochen. In verschiedenen Ländern, zum Beispiel in Israel, werden einige Anreize bereits erprobt. Entsprechend wird international bereits intensiv über diese Thematik diskutiert. Bei belohnter Spendebereitschaft geht es um die Möglichkeit, in eng regulierten Grenzen mittels direkter oder indirekter finanzieller Aufwendungen – zum Beispiel eines Buchgutscheins als Anreiz für das Ausfüllen eines Spendeausweises oder eines Steuervorteils – mehr Menschen dazu zu bringen, Organspender zu werden. An den Zuteilungsmodalitäten ändert sich im Übrigen nichts. Das zentrale Argument für solche Anreize zur Postmortalspende kann knapp dargestellt werden: Bei einer immer wieder dokumentierten prinzipiellen Spendebereitschaft der Bevölkerung erteilen tatsächlich nur rund zehn Prozent in einem Organspendeausweis die explizite Erlaubnis zur Organentnahme. Diese Diskrepanz wird mit Trägheit oder dem Unwillen, über den eigenen Tod nachzudenken, erklärt. Es scheint also ein beträchtliches Spenderpotenzial zu geben, das nicht aktiviert wird.

Aus anderen Kontexten wie zum Beispiel den Aufwandsentschädigungen bei der Blutspende oder in der medizinischen Forschung ist allgemein bekannt, dass finanzielle Anreize beträchtliche Auswirkungen auf die üblicherweise gemischte Motivation von Menschen haben können, nämlich um den vorhandenen Altruismus durch einen Appell an parallel vorhandene Eigeninteressen handlungswirksam werden zu lassen (wie es etwa auch durch Steuervorteile für wohltätige Spenden geschieht). Angesichts der grundsätzlichen Bereitschaft steht also zu erwarten, dass die Einführung moderat belohnter Spendebereitschaft zu einem höheren Aufkommen erklärter Organspenden führen würde. Warum dadurch unsere Humanität beeinträchtigt oder Entsolidarisierung vorangetrieben werden sollte, nicht aber dadurch, dass täglich Menschen auf Wartelisten sterben, ist nicht nachvollziehbar.

Natürlich sollen nicht überstürzt etablierte Strukturen verändert werden. Das Leid der Patienten auf Wartelisten sollte allerdings den Versuch wert sein herauszufinden, ob die spekulativ befürchteten Folgen einer Einführung tatsächlich eintreten würden. Erste größere US-amerikanische Befragungsstudien zeigen, dass eine signifikante Anzahl von Menschen durch finanzielle Anreize zur Spende bewogen werden könnte, ohne dass der Altruismus Schaden nähme. Vor dem Hintergrund des Forschungsstands und der beschriebenen Argumente ist für eine kontrollierte und sorgfältig geplante Pilotforschung zu plädieren, um die Wirkungen belohnter Spendebereitschaft in Deutschland auszuloten. Sollte sich herausstellen, dass die Gefahr unerwünschter Folgen für Transplantationsmedizin und Gesellschaft als sehr gering einzustufen ist, könnten im Anschluss verschiedene pragmatische Probleme angegangen werden, zum Beispiel die Regelung von Finanzierung und Widerspruch.
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