ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008Kontra: Finanzielle Anreize für postmortale Organspenden

POLITIK

Kontra: Finanzielle Anreize für postmortale Organspenden

Dtsch Arztebl 2008; 105(44): A-2309 / B-1973 / C-1921

Schneider, Ingrid

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Dr. phil. Ingrid Schneider, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachgruppe Medizin/ Neurowissenschaften des Forschungsschwerpunkts Biotechnologie, Gesellschaft und Umwelt, Universität Hamburg
Dr. phil. Ingrid Schneider, wissen­schaftliche Mit­arbei­terin der Fach­gruppe Medizin/ Neuro­wissen­schaften des For­schungs­schwer­punkts Bio­tech­no­logie, Ge­sellschaft und Um­welt, Universität Ham­burg
Nun zündeln sie wieder: „Finanzielle Anreize“ sollen den Organpool erweitern. Vorgeschlagen werden drei Modelle: Zum einen geldliche Vorteile zur postmortalen Organspende ex ante, wie Prämienrabatte bei der Versicherung. Da – glücklicherweise – nur wenige Menschen einem für die Explantation verwertbaren, medizinisch überwachten Hirntod zum Opfer fallen, bleibt dies schon allein aus ökonomischen Gründen ineffizient. Zweite Option: Die Erstattung der Beerdigungskosten. Wer meint, Angehörige in einer traumatischen Verlust- und Trauersituation monetär zur Organfreigabe überreden zu können, verkennt die psychischen Zumutungen. Geld verwandelt den altruistischen Akt der Spende in ein Geschäft. Es nötigt Angehörige, den noch warmen Körper eines ihnen anvertrauten, geliebten Menschen unter dem Gesichtspunkt seiner pekuniären Ausschlachtbarkeit zu taxieren. Mag sein, dass einige dem zustimmen. Weitaus mehr aber werden sich entsetzt von der Entweihung ihres Toten abwenden. So bleibt unter dem Strich bestenfalls ein Nullsummenspiel, wahrscheinlicher noch ein Rückgang der Entnahmeraten.

Die Entlohnung der Lebendspende wäre aussichtsreicher, und es wird ihr so der Weg bereitet. Sie wird propagiert als Autonomiezuwachs und als Inanspruchnahme des Selbstbestimmungsrechts über den eigenen Körper. Kritiker werden als paternalistisch und freiheitsbeschränkend denunziert. Man entwirft Modelle eines staatlich regulierten Organkaufs in einen Pool, mit Festpreisen und „gerechter“ Organverteilung, die nicht nach reichen und armen Organempfängern diskriminiert. Der Haken bleibt: Keiner derer, die sich hier so eloquent engagieren, imaginiert sich in der Rolle des Organverkäufers, identifiziert sich vielmehr damit, vielleicht dereinst selbst einmal ein Organ zu „brauchen“. Über die Herkunft braucht man sich, bei staatlicher Fürsorge, keine Gedanken zu machen. Unausgesprochen aber bleibt: Wer soll und wird sich gegen Cash eine Niere oder ein Stück seiner Leber herausoperieren lassen? Hier herrscht keine Egalität. Es ist der zum Bodensatz gemachte Teil der Gesellschaft, der solches erwägt, ja unter neuen Verhältnissen erwägen muss: In Überschuldung Geratene, Hartz-IV-Verarmte, Verzweifelte, die in ihrer Not auch die Verstümmelung ihres eigenen Körpers riskieren, um sich selbst, Haus und Familie vor einem drohenden Ruin zu retten. Die Kidney-Zones in Indien, in denen hochzinstreibende Geldverleiher gleich auch Organverträge im Gepäck haben, bieten Anschauungsmaterial für eine solche Zukunft.

Was bleibt auf der Strecke? Zuallererst die Humanität und die universell geteilte Norm der Nichtkommerzialisierbarkeit des menschlichen Körpers. Unser Leib steht uns nicht wie ein disponibles Objekt zur Verfügung, sondern ist Existenzbedingung unseres Seins. Das Kalkül „Organe gegen Geld“ kehrt den Raubtierkapitalismus ins Körperinnere.

Die entscheidende Frage ist: Wollen wir in einer solchen Gesellschaft leben, die Menschen zum bloßen Organkapital erklärt? Wer „finanzielle Anreize“ propagiert, treibt die Spaltung der Gesellschaft voran und ruft zur Entsolidarisierung mit den Schwachen auf: Soll die soziale Kälte ruhig wachsen, wenn man sich selbst im warmen Nest wähnt.

Herz und Intuition der Bevölkerung allerdings schlagen anders. Die Diskussion ist verfehlt. Sie wird nicht Leben retten und neue Organe zuführen, sondern die Vertrauenskrise der Transplantationsmedizin vertiefen.
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