ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008Deutsches Demenzzentrum in Bonn: „Das ist gewaltig, was hier entsteht“

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Deutsches Demenzzentrum in Bonn: „Das ist gewaltig, was hier entsteht“

Dtsch Arztebl 2008; 105(44): A-2319 / B-1982 / C-1930

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Das „Helmholtz-Zentrum Bonn – Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen“ wird künftig die erste Adresse für die Demenz- und Parkinsonforschung in Deutschland sein.

Der Venusberg in Bonn mit dem Universitätsklinikum: In der „Südkurve“ des Geländes entstehen 2010 die Neubauten des Demenzzentrums. Dort befindet sich heute unter anderem ein Parkplatz. Foto: Universitätsklinikum Bonn
Der Venusberg in Bonn mit dem Universitätsklinikum: In der „Südkurve“ des Geländes entstehen 2010 die Neubauten des Demenzzentrums. Dort befindet sich heute unter anderem ein Parkplatz. Foto: Universitätsklinikum Bonn
Eigentlich weiß Prof. Dr. rer. nat. Max Baur gar nicht, wie die Bonner Gruppe das damals geschafft hat: Zehn DIN-A4-Seiten und keine Zeile mehr – das war die Vorgabe des Bun­des­for­schungs­minis­teriums in der ersten Bewerbungsrunde. Viel ist das nicht gerade, wenn man sich um nichts Geringeres als um den Zuschlag für ein nationales Demenzzentrum bewirbt, das der Bund jährlich mit rund 60 Millionen Euro fördern will. „Je größer die Beträge sind, desto kleiner sind offenbar die Anträge“, stellt der ehemalige Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs an der Universität Bonn fest. Doch irgendwie gelang es, die Grundidee kurz und knapp zu Papier zu bringen. Ein Jahr ist das jetzt her. Und die Mühe hat sich gelohnt: Im März fiel die Wahl der Findungskommission auf Bonn. Im neuen „Helmholtz-Zentrum Bonn – Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen“ (DZNE) werden künftig die wissenschaftlichen Aktivitäten in Bereichen wie Demenz und Parkinson gebündelt. In der Erforschung von Krankheitsursachen und auf der Suche nach Therapieansätzen sollen alle an einem Strang ziehen.

Forschungsarbeit vernetzen
Das DZNE wird eine Großforschungseinrichtung: Zum Kernzentrum werden fünf Einrichtungen gehören, hinzu kommen vier lokale und sechs nationale Partnerinstitute, die alle Bestandteil des neuen Helmholtz-Zentrums sind (siehe Kasten). Auf dem Gelände des Bonner Universitätsklinikums werden drei Neubauten mit einer Grundfläche von 15 000 Quadratmetern geschaffen. „Das ist gewaltig, was hier entsteht“, sagt Baur. Dabei soll Bonn exzellente Forschungsaktivitäten im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen vernetzen, aber auch seine Bedeutung als internationaler Wissenschaftsstandort ausbauen. „Die Vielzahl von qualifizierten Forschern können wir nicht allein in Deutschland rekrutieren“, erläutert Baur. Die Arbeitssprache im Bonner Zentrum wird deshalb Englisch sein.

Forschung auf hohem Niveau gibt es zu neurodegenerativen Erkrankungen bereits. Das DZNE will aber viel mehr sein als ein Ort, an dem exzellente Wissenschaft stattfindet. Alle Dimensionen der medizinischen Forschung soll das neue Zentrum abdecken: die Grundlagenforschung, klinische Studien und den Transfer des Wissens in die Gesundheitsversorgung. Bisher gibt es an den Schnittstellen erhebliche Defizite. Mit dem DZNE soll sich das ändern, die Arbeitsbereiche „Modell – Patient – Bevölkerung“ sollen im Zusammenhang betrachtet werden. Ob nun Kliniker, Molekularbiologen, Chemiker, Neuropathologen oder Pflegewissenschaftler – das Zentrum wird alle Kompetenzen vernetzen. „Die einzelne brillante Idee wird in der Forschung immer nötig sein, aber moderne Wissenschaft funktioniert nicht allein mit Einzelkämpfertum“, erläutert Baur.

Einzelkämpfertum funktioniert nicht in der modernen Forschung, aber ebenso wenig bei Projektanträgen in der Dimension des DZNE. „Wichtig waren nicht nur die zehn Seiten Antrag, sondern, wer ihn unterschrieben hat“, erinnert sich Baur. Uniklinik, Universität sowie außeruniversitäre Forschungseinrichtungen vor Ort und in der Region – alle haben zusammengearbeitet. Die Zusagen standen: Das Universitätsklinikum Bonn stellt das Grundstück, die Baukosten trägt das Land Nordrhein-Westfalen (NRW), die Stadt sichert ein schnelles Genehmigungsverfahren zu. Das zur Max-Planck-Gesellschaft gehörende Forschungszentrum Caesar (Center of Advanced European Studies and Research) in Bonn bot an, dass Arbeitsgruppen schon einmal in dort vorhandenen Räumlichkeiten arbeiten können, bis die Neubauten bezugsfertig sind. Das Gleiche gilt für die Universität mit mehreren Fakultäten sowie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. „Das Paket an Zusagen hat sicherlich mit zum Erfolg geführt“, berichtet Baur. Außerdem hat Bonn einiges an neurowissenschaftlicher Kompetenz zu bieten: Auf dem Gelände des Uniklinikums liegt beispielsweise die Life & Brain GmbH. Dabei handelt es sich um ein Zentrum für angewandte Biomedizin. Die Einrichtung kann eine Expertise auf den Gebieten Genomforschung, transgene Modelle, Stammzelltechnologie und kognitive Hirnforschung vorweisen. Auch der Blick in die Region um Bonn wird die Entscheidung der Kommission beeinflusst haben: An der Universität zu Köln gibt es das Exzellenzcluster Alternsforschung und das Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns. Der Bereich Neuroimaging des Forschungszentrums Jülich hält moderne Großgeräte und Technik bereit, die im klinischen Alltag noch nicht zum Einsatz kommen.

Es war also das Gesamtpaket, das überzeugte. Im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen wird nun Bonn der Ort in Deutschland sein, an dem künftig alle Fäden zusammenlaufen. Zu sehen ist davon aber heute noch nichts. Dort, wo die Neubauten entstehen werden, befindet sich ein Parkplatz. Baubeginn wird voraussichtlich Anfang 2010 sein. Dann wird sich in der „Südkurve“ des Klinikgeländes, des Bonner Venusbergs, einiges ändern. Das DZNE will Krankenversorgung und Forschung enger verbinden. Und das spiegelt sich auch in den Bauplänen wider.

Patientennahe Wissenschaft
Neben den drei DZNE-Gebäuden, entsteht ein weiterer Neubau. Dort werden die Universitätskliniken für Psychiatrie und Neurologie einziehen, die zurzeit in stark renovierungsbedürtigen Gebäuden untergebracht sind. Im Klinikneubau wird auch das klinische Forschungs- und Behandlungszentrum des DZNE beheimatet sein. Alle Gebäude werden mit Durchgängen verbunden.

Die räumliche Nähe und die enge Zusammenarbeit hat enorme Vorteile, verlangt aber eine saubere Trennungsrechnung, wie Baur erläutert. „Die Krankenkassen wollen keine Forschung bezahlen, und die Forschungsgelder können wir nicht für Patientenversorgung ausgeben.“ Über Details, die dann in einem Vertrag zwischen Uniklinikum und DZNE festgehalten werden, müsse noch verhandelt würden. Momentan sei man noch in der Planungsphase.

Bundesweite Ausschreibung
Die Vernetzung ist besonders bei den neurodegenerativen Erkrankungen dringend notwendig. Diese Erkenntnis stand am Anfang der Idee, ein nationales Demenzzentrum zu gründen. Die Bundesregierung hatte auf einer Klausurtagung im Sommer 2007 beschlossen, ein Institut für neurodegenerative Erkrankungen in Form eines neuen Helmholtz-Zentrums zu gründen. Ursprünglich sollte das Zentrum „Deutsches Demenzzentrum“ heißen. In der Bezeichnung DZNE taucht das Wort Demenz nun aber nicht mehr auf, weil man später der Meinung war, dass der Begriff zu eng gefasst sei. Nach dem Beschluss der Klausurtagung beauftragte Bun­des­for­schungs­minis­terin Annette Schavan die Helmholtz-Gemeinschaft damit, eine Gründungskommission einzusetzen. Den Vorsitz übernahmen Prof. Dr. med. Johannes Dichgans von der Universität Tübingen und Prof. Dr. med. Otmar Wiestler vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Auf eine bundesweite Ausschreibung, in der alle 36 Universitäten mit einer Medizinischen Fakultät aufgefordert waren, einen Vorschlag für einen Kern- oder Partnerstandort abzugeben, erhielt die Kommission 23 Anträge. Davon bezogen sich acht auf ein Kernzentrum und 15 auf einen Partnerstandort. Nach einer Vorauswahl wurden zehn Standorte zu einer mündlichen Anhörung eingeladen.

Die Freude darüber, dass der Zuschlag schließlich nach Bonn ging, merkt man Baur auch heute noch an. „Das macht uns unheimlich stolz“, sagt er. Auch die anderen Bewerberstandorte seien sehr gut aufgestellt gewesen. „Wir sind nicht so vermessen, dass wir sagen: Das Zentrum konnte nur nach Bonn kommen.“ Für die Stadt und NRW ist der Zuschlag ein großer Erfolg: Allein für das Kernzentrum in Bonn und Umgebung stellt der Bund jährlich 40 Millionen Euro zur Verfügung. Hinzu kommen rund vier Millionen Euro Landesmittel.

Das DZNE wird ein Zentrum der Superlative, so viel steht fest. Bevor die Planungen aber noch konkreter werden, muss zunächst ein Gründungsdirektor berufen werden. Mit der Auswahl eines geeigneten Wissenschaftlers ist zurzeit eine Kommission befasst. Wenn das DZNE seine Arbeit aufnimmt, wird sich zeigen, ob die Einrichtung die hohen Erwartungen erfüllen kann, die man an sie stellt. Die Demenz ist auf dem besten Weg, sich zur einer Volkskrankheit zu entwickeln. Schätzungen zufolge werden im Jahr 2050 mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland davon betroffen sein. Das DZNE soll langfristig ein großes Spektrum an Aufgaben abdecken – von der Grundlagenforschung bis zur Politikberatung.
Dr. med. Birgit Hibbeler


Das Deutsche Demenzzentrum
Das „Helmholtz-Zentrum Bonn – Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen“ wird künftig die Aktivitäten in der Demenzforschung in Deutschland bündeln. 60 Millionen Euro jährlich stellt der Bund für das Kernzentrum und die Partnerstandorte zur Verfügung. Auf dem Gelände des Bonner Universitätsklinikums entstehen drei Neubauten mit einer Fläche von 15 000 Quadratmetern. Allein im Kernzentrum sollen 600 neue Arbeitsplätze entstehen.
Kernzentrum:
- Neubauten auf dem Bonner Venusberg mit Forschungsabteilungen und dem klinischen Forschungs- und
Behandlungszentrum
- neurowissenschaftliche Forschungseinrichtung
Caesar, Bonn
- Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns, Köln
- Exzellenzcluster Alternsforschung, Universität zu Köln
- Forschungszentrum Jülich
Lokale Partner:
- Neurozentrum des Universitätsklinikums Bonn
- Universität Bonn: Life & Medical Sciences Institute, Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften, Pharmazentrum
- Life & Brain GmbH, Bonn
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Bonn
Nationale Partner:
Es gibt sechs Partnerstandorte: Göttingen, München, Tübingen, Magdeburg, Witten und Rostock/Greifswald. Dresden erhält eine Anschubfinanzierung, um Partnerstandort zu werden.
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