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Mit zunehmendem Störgefühl habe ich den Artikel von Stehr et al. gelesen. Denn auch wenn rechtlich der Artikel sauber erscheint, so möchte ich – Christin mit zwei Kindern, ein Sohn, dieser nicht beschnitten, auch wenn wir, die Eltern, dies aus hygienischen Gründen durchaus erwogen haben – doch Folgendes zu bedenken geben: Die Beschneidung von Jungen ist im Judentum eine seit 3 800 Jahren bestehende Tradition, die den Eintritt des Kindes in den Bund mit Gott symbolisiert. Nach dem Gesetz sollen nur nicht gesunde Kinder erst nach dem achten Lebenstag beschnitten werden. Grundlage ist das Buch Genesis, 17, 10–14, das übrigens auch Teil der christlichen Bibel ist. Eine „problemlose Erweiterung“ des jüdischen Gesetzes (oder auch der Bibel!), wie Herr Stehr es vorschlägt, um die Einwilligungsfähigkeit im späteren Leben zu erreichen, ist sicher nicht möglich. Religiöse Gesetze unterliegen eben keiner demokratischen Gesetzgebung, die fortwährend geändert werden kann. Insofern kann Herr Stehr zwar meinen, dass man nicht zum Gläubigen zweiter Klasse würde, wenn man sein Kind später beschneiden ließe oder selbst später beschnitten würde, die Realität sieht, außer bei sehr liberalen Juden, aber sicherlich anders aus. Hierzu sei auf den Artikel in der „Jüdischen Allgemeinen“ „Eine Frage des Vertrauens – Arzt oder Mohel“ (21. 8. 2008, Nr. 34/08) verwiesen. Speziell ausgebildete Fachmänner, sogenannte Mohel, die häufig auch Arzt sind, können die jüdische Beschneidung vornehmen, oder aber man begibt sich in ein (jüdisches) Krankenhaus, was aus ärztlicher Sicht sicherlich vorzuziehen ist. Muslime lassen ihre Kinder zumeist nicht als Neugeborene, sondern im Kindesalter beschneiden (vor dem 13. Lebensjahr). Hierfür können, entsprechend dem Mohel, sowohl ein sogenannter Sünnetci wie aber auch ein Krankenhaus infrage kommen. Bei beiden Religionen wird heutzutage zumeist örtlich betäubt, eine Beschneidung ohne Betäubung wird glücklicherweise mehr und mehr abgelehnt. Für nahezu jeden Juden oder auch Moslem ist die Beschneidung eine Selbstverständlichkeit, selbst wenn sie nicht gläubig sind. Nebenbei: In den USA ist aus hygienischen Gründen die Beschneidung der überwiegenden Mehrzahl der Jungen, welcher Religion auch immer, üblich und wird nur nicht ausgeführt, wenn die Eltern sich dagegen aussprechen. Somit sind, bei Illegalisierung der Beschneidung aus religiösen Gründen, vermehrt Beschneidungen außerhalb des Krankenhauses unter nicht hygienischen Standards zu befürchten, die dem Wohl des Kindes nun sicherlich am wenigsten dienen . . .

Priv.-Doz. Dr. med. Judith U. Harrer-Haag,
Neurologische Klinik, Universitätsklinikum Aachen, Pauwelsstraße 30, 52074 Aachen
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