ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008Wissenschaftstheorie: Akzeptanz der Vielfalt

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Wissenschaftstheorie: Akzeptanz der Vielfalt

Dtsch Arztebl 2008; 105(44): A-2332 / B-1992 / C-1940

Michaelis, Jörg

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Urban Wiesing: Wer heilt, hat Recht. Über Pragmatik und Pluralität in der Medizin. Schattauer, Stuttgart 2004, 120 Seiten, kartoniert, 20,60 Euro
Urban Wiesing: Wer heilt, hat Recht. Über Pragmatik und Pluralität in der Medizin. Schattauer, Stuttgart 2004, 120 Seiten, kartoniert, 20,60 Euro
Das sehr prägnant geschriebene Buch nimmt eine aktuelle, wissenschaftstheoretisch begründete Standortbestimmung der Medizin vor. Der Autor beschreibt den Wandel der im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nahezu ausschließlich naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin zu einer plural orientierten, praktischen Wissenschaft.

Wiesing stellt dar, dass die heute weithin akzeptierte evidenzbasierte Medizin einen wesentlichen Einfluss auf diese Entwicklung der praktischen Medizin genommen hat: Die nachgewiesene Wirksamkeit einer diagnostischen oder therapeutischen Maßnahme rechtfertigt deren Einsatz, auch wenn der Wirkmechanismus (noch) nicht verstanden oder das zugrunde gelegte theoretische Konzept nicht überzeugend ist. Andererseits können auch überzeugende Modellvorstellungen allein keine ärztlichen Handlungen begründen, solange ein praktischer Wirksamkeitsnachweis (noch) nicht erbracht wurde. Die Aufgabe der Medizin, kranken Menschen zu helfen, wird heute wahrgenommen, indem neben naturwissenschaftlich-biologischem Grundlagenwissen zum Beispiel auch psychologische und soziale Erkenntnisse eine angemessene Berücksichtigung finden. Darüber hinaus ordnet der Autor in das Konzept der Pluralität auch die Anwendung von Verfahren der „alternativen Medizin“ ein, vorausgesetzt, dass auch hierfür Wirksamkeitsnachweise vorgelegt werden. Er stellt dabei jedoch nicht die herausgehobene Bedeutung naturwissenschaftlicher und mit naturwissenschaftlichen Methoden gewonnener Erkenntnisse infrage. Beim ärztlich sinnvollen therapeutischen Einsatz von Placebos ergibt sich ein Dilemma aus der Diskrepanz zwischen ärztlicher Pragmatik und der heute aus ethischer Perspektive besonders stark gewichteten Patientenautonomie, das Wiesing aufzeigt, aber nicht auflöst.

Der Autor plädiert nach seiner Analyse der heutigen Situation nicht für einen von anderen Autoren häufig geforderten Paradigmenwechsel in der Medizin, sondern für die Akzeptanz einer Paradigmenvielfalt, um damit dem allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnisstand und gleichzeitig der Individualität des einzelnen Patienten am besten Rechnung zu tragen. Wiesing beantwortet die im Titel des Buchs gestellte Frage – in etwas differenzierter Form – praktisch mit Ja, wobei das Beispiel des Placebos eine charakteristische Problematik des pragmatischen Umgangs mit Paradigmenvielfalt beleuchtet.

Das Buch ist kompakt, klar und verständlich geschrieben. Medizinische Wissenschaftler und praktisch tätige Ärzte, die ihr eigenes Tun kritisch reflektieren möchten, können dabei durch das Buch anregende Anstöße erhalten. Jörg Michaelis
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