ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008Biografie: Entwaffnende Bescheidenheit

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Biografie: Entwaffnende Bescheidenheit

Dtsch Arztebl 2008; 105(44): A-2334

Fukala, Ernst

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Heinrich Brückner: Gewundene Pfade der Hoffnung. 37 Jahre Kinderarzt als Anwalt der Schwächsten. Die Furt, Jacobsdorf 2008, 503 Seiten, gebunden, 19,50 Euro
Heinrich Brückner: Gewundene Pfade der Hoffnung. 37 Jahre Kinderarzt als Anwalt der Schwächsten. Die Furt, Jacobsdorf 2008, 503 Seiten, gebunden, 19,50 Euro
Ein höchst ungewöhnlicher Mensch hat ein höchst ungewöhnliches Buch geschrieben. Heinrich Brückner, 1928 im Erzgebirge/Sachsen geboren, ein Mann aus der „Flakhelfer-Generation“, der in der DDR als Parteiloser eine große nicht universitäre Kinderklinik geleitet hat, liefert einen Lebens- und Arbeitsbericht, der alles enthält, was der Leser von einer soliden Biografie erwartet. Er geht darüber aber deutlich hinaus durch eine bemerkenswerte Sorgfalt und Tiefgründigkeit, durch eine für seine Generation ungewöhnlich umfassende Weltsicht und durch ganzheitliches Denken.

Das Buch gewinnt seinen Rang aus zwei gewichtigen Gründen: zunächst durch die Tatsache, dass es eine der wenigen ostdeutschen Pädiaterbiografien ist, vor allem aber durch die Persönlichkeit des Autors. Dieser in Leipzig Habilitierte ohne Aussicht auf eine weitere Hochschullaufbahn brachte in Frankfurt/Oder das Kunststück fertig, die Kinderkliniken des Bezirkskrankenhauses (staatlich) und der Diakonie (konfessionell) in einer Person über fast zwei Jahrzehnte zu leiten, funktionell zusammenzuführen und zur Blüte zu bringen. Daneben wirkte er als Repräsentant der „Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker)“ in der DDR, war in dieser Funktion auch exterritorialer UNO-Beobachter und überdies als Autor mehrerer Aufklärungsbücher der ungemein populäre Sexualpädagoge für Kinder, Jugendliche und Eltern in der DDR und in Kuba.

Brückner zeigt sich als mutiger und selbstständiger Mann, ob er in Klinga Indianer spielt, in Warschau eine Politposse entlarvt, in Havanna über Schwangerschaftsverhütung redet oder mit seinen Direktoren um die Milchküche seiner Klinik kämpft. Sein Werk berichtet über persönliche und berufliche Erfahrungen von der nationalsozialistischen über die proletarische Diktatur bis hin zur konfliktreichen Demokratie im vereinigten Deutschland, wobei die medizinischen, geistigen und politischen Zeitströmungen intensiv reflektiert werden. Das Buch ist zugleich eine illustrierte Geschichte der Kinderheilkunde in der DDR mit vielen regionalen Bezügen und bewahrenswerter Alltagsgeschichte. Zum „Brandenburger Modell“, das heißt der fachfremden Unterstellung kleiner stationärer Kinderabteilungen in diesem ostdeutschen Bundesland, hätte den Leser eine Stellungnahme interessiert. Doch alle anderen Widrigkeiten sowie Begünstigungen in der Arbeit einer Kinderklinik im realen Sozialismus werden im Buch ausführlich beschrieben.

Brückner lebt und schreibt voller Engagement für „seine Sache“, für viele, den Kindern vorenthaltene Rechte. Einen besser formulierten Vorwurf an bedenkenlose Verantwortungsträger als „die tiefe Missachtung kindlicher Belange“ hat der Rezensent noch nie gelesen. Dabei schildert der Autor seinen kämpferischen Weg mit einer geradezu entwaffnenden Bescheidenheit, wo mancher Zeitgenosse seine beruflichen Erfolge aufgezählt hätte. Eitelkeit, der bekannte Problembereich biografischer Literatur, ist ihm fremd. Bei Konflikten zeigt Brückner eine beeindruckende Haltung zum „Verständnis für beide Seiten“, selbst wenn es um staatlichen Machtmissbrauch, um sozialistisches Mobbing oder um persönliche Nachteile geht. Besonders lesenwert sind die Betrachtungen über den Wandel in der Medizin und seine kritischen Gedanken zur Kinderheilkunde in der medizinischen Marktwirtschaft.

Der Autor hat auf ein Personenregister verzichtet, sein Buch ist aber sicher auch nicht für Schnellleser geschrieben. Bei fast 500 Quellenangaben wird der an der Kinderheilkunde interessierte Leser eine gut gefüllte Fundgrube in einem hervorragenden Sachbuch finden. Ernst Fukala
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