ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008Täter-Biografien: Davongekommen
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Boris Böhm, Norbert Haase (Hg.): Täterschaft – Strafverfolgung – Schuldentlastung. Ärztebiografien zwischen nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und deutscher Nachkriegsgeschichte. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2008, 155 Seiten, broschiert, 24 Euro
Boris Böhm, Norbert Haase (Hg.): Täterschaft – Strafverfolgung – Schuldentlastung. Ärztebiografien zwischen nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und deutscher Nachkriegsgeschichte. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2008, 155 Seiten, broschiert, 24 Euro
Dr. Horst Schumann war einer jener jungen, karriereorientierten und von der NS-Ideologie überzeugten Ärzte, die bei der Tötungsaktion „T4“ mitmachten. Auf sein Konto gehen etwa 15 000 Tote in den Gaskammern von Grafeneck und Pirna-Sonnenstein. In den Konzentrationslagern Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück testete er anschließend mit tödlichem Ergebnis an jüdischen Männern und Frauen die Sterilisation durch Röntgenstrahlen. Nach dem Krieg praktizierte Schumann unbehelligt in Gladbeck, obwohl seine Menschenversuche zumindest gerüchteweise bekannt waren. 1951 schließlich sollte er verhaftet werden, doch er war beizeiten gewarnt worden und hatte sich nach Afrika abgesetzt. Eine deutsche Wochenzeitung schilderte ihn ahnungslos (?) als einen zweiten Albert Schweitzer. Der Bericht führte schließlich 1966 zu seiner Auslieferung. Der Prozess in Frankfurt am Main verlief im Sande: Das Verfahren 1971 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt. Elf Jahre später starb Dr. Schumann. In Freiheit.

Schumanns Lebenslauf (verfasst von Boris Böhm) ist eine von sechs Täterbiografien, die in diesem Band sorgfältig nachgezeichnet werden. Allen gemeinsam sind Verstrickung in Untaten während der NS-Zeit und unbekümmerter Neuanfang in der Nachkriegszeit. Beschrieben werden der Anatom Hermann Stieve (von Susanne Zimmermann), die Psychiater Johannes Suckow (von Marina Lienert) und Hans Heinze (von Klaus-Dieter Müller), bemerkenswert ist hier die Abfolge von Schuldspruch, Rehabilitation und erneuter Bestätigung der Schuld; der Wehrmachtsarzt Paul Konitzer (von Jens Nagel), ungewöhnlich bei diesem die frühe steile Karriere in der sowjetischen Besatzungszone, gefolgt von Inhaftierung, weil ihm das Massensterben sowjetischer Kriegsgefangener im Lager Zeithain angelastet wurde; Konitzer erhängte sich in der Untersuchungshaft in Dresden. Die letzte Lebensbeschreibung gilt dem Neuropathologen Heinrich Gross (von Pia Schölnberger). Sie zeigt beispielhaft, dass gerade auch in Österreich NS-Täter nach dem Krieg gut ins Geschäft kommen konnten. Gross galt „als meistbeschäftigter und höchstbezahlter Gerichtsgutachter der Zweiten Republik“. Seine wissenschaftliche Karriere begründete er anhand Hunderter von Gehirnpräparaten, die er in der sogenannten Kinderfachabteilung der Fürsorgeanstalt „Am Spiegelgrund“ in Wien gewonnen hatte.

Mit dem Band beginnt die Stiftung Sächsische Gedenkstätten ihre Publikationsreihe „Zeitfenster“. In einem einleitenden Beitrag setzen sich drei Experten (Boris Böhm, Norbert Haase, Matthias Pfüller) mit dem Sinn von Gedenkstätten als Orte der Erinnerungskultur und deren unterschiedlichen Konzepten vor und nach der Wende auseinander. Norbert Jachertz
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