ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008Ärztemangel an den Kliniken: Chefärzte schlagen Maßnahmen vor

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Ärztemangel an den Kliniken: Chefärzte schlagen Maßnahmen vor

Dtsch Arztebl 2008; 105(44): A-2347 / B-2003 / C-1951

Meißner, Marc

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LNSLNS Der Verband der Leitenden Krankenhausärzte prognostiziert, dass in den nächsten zehn Jahren fast 17 500 Ärzte im stationären und ambulanten Sektor fehlen werden. Da hilft es nur, den Nachwuchs zu fördern und den Beruf attraktiver zu machen.

Fehlende Hände im Operationssaal – offene Stellen in der Chirurgie sind neben denen in der Inneren Medizin und der Gynäkologie am schwierigsten zu besetzen. Foto: laif [M]
Fehlende Hände im Operationssaal – offene Stellen in der Chirurgie sind neben denen in der Inneren Medizin und der Gynäkologie am schwierigsten zu besetzen. Foto: laif [M]
Dass Deutschland genug Ärzte hat, diese aber nicht immer dort arbeiten, wo sie gebraucht werden, ist ein viel beklagter Zustand. Gerade in ländlichen Gebieten und in den neuen Bundesländern fällt es Krankenhäusern schwer, neue Mitarbeiter zu finden. Dies zeigt sich an den Zahlen der Stellenausschreibungen deutscher Kliniken: 28 Prozent der Krankenhäuser in den alten Bundesländern haben zwei bis drei offene Stellen, in den neuen Bundesländern sind es 55 Prozent. Doch was jetzt noch vor allem ein Verteilungsproblem der Ärzte ist, könnte sich in den nächsten zehn Jahren zu einem echten Mangel an Medizinern ausweiten. Der Verband der Leitenden Krankenhausärzte in Deutschland (VLK) prognostiziert in einem Positionspapier zum Ärztemangel: 2017 werden im niedergelassenen und stationären Sektor fast 17 500 Ärztinnen und Ärzte fehlen. Gründe dafür sind einerseits das hohe Alter vieler praktizierender Mediziner – mehr als 75 000 werden in den nächsten Jahren das Ruhestandsalter erreichen, andererseits wandern viele Ärzte ins Ausland ab, weil sie dort bessere Arbeitsbedingungen vorfinden.

Prinzipiell würde die Zahl der Medizinstudierenden zwar ausreichen, um die frei werdenden Stellen zu besetzen – aber nicht einmal 60 Prozent der Studienanfänger praktizieren später als Arzt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Bundes­ärzte­kammer zeigen in einer „Studie zur Alterstruktur- und Arztzahlenentwicklung“, dass fast 24 Prozent der Studierenden einen paramedizinischen Beruf ergreifen; ein Fünftel bricht das Studium frühzeitig ab.

Um den absehbaren Ärztemangel zu verhindern und die notwendige Diskussion voranzutreiben, nennt der VLK in seinem Positionspapier die wesentlichen Probleme und zeigt mögliche Lösungswege auf. „Wir beobachten derzeit sehr viel interessengeleitete Polemik und auch Panikmache bei der Diskussion um das sich abzeichnende Ärztedefizit, aber sehr wenig sachliche Analysen und noch weniger Vorschläge zur Überwindung der Situation“, sagt Prof. Dr. Hans Fred Weiser, Präsident des VLK. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sollen vor allem die Zahl der Medizinstudierenden erhöhen und den Beruf des kurativ tätigen Arztes attraktiver machen.

Die Zahl der Studienplätze für Humanmedizin zu erhöhen, ist dabei eine zentrale Forderung des VLK. Allein dieses Jahr gab es mehr als 35 000 Bewerber für ein Medizinstudium, aber weniger als 8 500 Plätze an den Universitäten. Neue Studienplätze zu schaffen, Laborplätze einzurichten, Dozenten einzustellen et cetera, ist allerdings nicht billig. „Wir wissen, dass das nicht zum Nulltarif zu haben ist, aber eine deutlich verbesserte Ausbildung ist das A und O, wenn wir in zehn Jahren noch Mediziner in ausreichender Zahl in Deutschland haben wollen“, erklärt Weiser. Darüber hinaus fordert der Verband die Universitäten auf, Studierende nicht nach ihren Abschlussnoten, sondern nach zeugnisunabhängigen Kriterien auszuwählen. Hintergrund: Studierende, die einen paramedizinischen Beruf anstreben, besetzen fast ein Viertel der Plätze in der Humanmedizin. Damit diese wieder für Abiturienten offen stehen, die Arzt werden wollen, müssen neue Studiengänge für die paramedizinischen Fächer geschaffen werden.

Zweiter Schwerpunkt des VLK ist es, die ärztliche Tätigkeit attraktiver und familienfreundlicher zu gestalten. Der Beruf des Arztes ist heute mit vielen, vor allem bürokratischen Pflichten überfrachtet und muss wieder entsprechend entlastet werden. Dafür sind Strukturen nötig, die es dem Arzt erlauben, Tätigkeiten, die nicht zu seinen Kernkompetenzen gehören, zu delegieren. Dies betrifft einerseits Verwaltungsaufgaben, die an eine Stationssekretärin oder einen Case-Manager übertragen werden könnten, andererseits sind auch ärztliche Tätigkeiten an nicht ärztliche Berufsgruppen delegierbar. Die KBV präzisierte hierzu vor Kurzem aktuelle Rahmenbedingungen in einer Bekanntmachung über „Persönliche Leistungserbringung: Möglichkeiten und Grenzen der Delegation ärztlicher Leistungen“ (Dtsch Arztebl 2008; 105[41]: A 2138).

Der Anteil der weiblichen Medizinstudierenden steigt seit Jahren und beträgt derzeit 60 Prozent. Es sei davon auszugehen, dass viele von ihnen nach Beendigung ihres Studiums aus familiären Gründen die kurative Arbeit nicht als Vollzeitkräfte ausüben würden, so der VLK. Deshalb ruft er die Krankenhäuser dazu auf, einen familiengerechteren Arbeitsplatz zu schaffen, beispielsweise durch die Einrichtung von Kindertagesstätten. Auch sollten die Weiterbildungsvorgaben in Hinblick auf Ärztinnen und Ärzte, die nur Teilzeit arbeiten können, überdacht werden.

Neben diesen beiden Schwerpunkten schlägt der VLK noch eine Reihe weiterer Maßnahmen vor:

- Die Weiterbildungsinhalte besser an die Anforderungen der späteren Facharzttätigkeit anpassen und von überflüssigen Inhalten befreien. Dies würde die Weiterbildung für einige Ärzte verkürzen und es ermöglichen, sie zielgenauer im Krankenhaus einzusetzen.
- Die strikte Trennung zwischen stationären und ambulanten Ärzten aufbrechen und so eine sektorübergreifende Versorgung ermöglichen. Dies beinhaltet zum einen im ambulanten Bereich die fachärztliche Versorgung durch Krankenhauspersonal und zum anderen, dass freiberufliche Fachärzte im Krankenhaus Patienten mitbehandeln.
- Krankenhäuser müssen Berufs-
perspektiven bieten. Nur mit strukturierten Weiterbildungsangeboten, einer ausreichenden sozialen Absicherung und Karriereaussichten wird man Assistenz- und Oberärzte langfristig an ihren Arbeitsplatz binden.
- Das Ansehen der Krankenhäuser durch Öffentlichkeitsarbeit verbessern, zum Beispiel durch Schülerpraktika, Präsentationen an Hochschulen und auf Gesundheitswochen. Dadurch soll das Interesse am Arztberuf allgemein gestärkt werden und das Krankenhaus den potenziellen Medizinstudierenden als Arbeitsplatz vorgestellt werden.
- Die Krankenhäuser müssen die Studierenden durch besondere Anreize an sich binden, zum Beispiel über eine Studienfinanzierung oder eine studienbegleitende Ausbildung in der Klinik.

Gerade über eine finanzielle Unterstützung wetteifern schon heute Lehrkrankenhäuser um den Nachwuchs: Eine aktuelle Umfrage des Hartmannbunds ergab, dass mehr als 45 Prozent der erfassten Ausbildungskliniken ihren Studenten im praktischen Jahr (PJ) eine finanzielle Aufwandsentschädigung zahlen. Darüber hinaus bieten viele den PJlern Sonderleistungen, wie freie Mahlzeiten, Fahrkarten oder eine kostenlose Unterkunft.

Das wesentliche Anliegen des VLK war es, mit den vorgeschlagenen Maßnahmen zu zeigen, dass der Ärztemangel ein Problem darstellt, das nicht unabwendbar ist. Dazu müssen die Politik, die ärztliche Selbstverwaltung, aber auch die Krankenhäuser aktiv werden und gemeinsam Lösungen angehen.
Marc Meißner
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