ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008Ärzteschach: Tollkühner König

SCHLUSSPUNKT

Ärzteschach: Tollkühner König

Dtsch Arztebl 2008; 105(44): [100]

Pfleger, Helmut

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Dr. med. Helmut Pfleger Foto: Dagobert Kohlmeyer
Dr. med. Helmut Pfleger
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Der Mut und das Geschick des Helden beziehungsweise des Königs entscheiden in vielen mythologischen Erzählungen den Ausgang der Schlacht. Nun ist unzweifelhaft auch das nahezu 2 000 Jahre alte Schachspiel, das „königliche Spiel“ (Schah bedeutet König), ein Abbild des Krieges, bei dem zwei Heeresreihen aufeinanderstoßen. Mit den Bauern (Infanterie), den Türmen (Kriegselefanten), den Springern (Kavallerie), den Läufern (Boten), der Dame (vor ihrer Umwandlung nach dem Vorbild der Schach spielenden spanischen Königin Isabella im 15. Jahrhundert war sie der [männliche] Wesir, der Berater des Königs) und natürlich an der Spitze dem König selbst. Aber gerade durch die Metamorphose und den damit verbundenen Machtzuwachs der Dame – auf einmal war sie die weitaus mächtigste Schachfigur – ist es für den König ratsam, sich vor dieser mächtigen Gegnerin in Acht zu nehmen und möglichst im eigenen Lager zu verschanzen. Voltaire spottete über den schwedischen König Karl XII., dass dieser meist deshalb verloren habe, weil er seinem Wesen entsprechend auch beim Schach mit dem König vorneweg marschiert sei. Vorsicht und Zurückhaltung sind also eines Königs erste Pflicht! Und ein Gebot der Klugheit.

Doch gelegentlich wird dieses eherne Gesetz umgestoßen. In den Annalen der Schachgeschichte wird man immer vom Magnetmatt Eduard Laskers gegen Sir G. Thomas künden, als dessen König nach einem Damenopfer tief im feindlichen Lager auf der gegnerischen Grundreihe zu Tode kam, oder von der fantastischen Opferpartie Kasparows, als er den König Topalows auch an dieser Stelle zur Strecke brachte. Aber für den Betrachter ebenso schön und für den nolens volens wandernden König selbst natürlich noch ungleich befriedigender ist es, wenn er nach einem tollkühnen Marsch ins feindliche Lager, möglichst im unmittelbaren Vis-à-vis mit dem gegnerischen Monarchen, nicht untergeht, sondern sogar die Partie entscheidet. Wie es einmal Weltmeister Aljechin oder dem englischen Großmeister Nigel Short gegen den Holländer Jan Timman gelang.

Womit wir in bester Gesellschaft wären und den Neurologieprofessor Dr. med. Peter Krauseneck aus dem wunderschönen Bamberg ins Spiel bringen können. Ein Hasardeur, der schon einmal alle Vorsichtsneuronen abschalten kann. Selbstredend nur beim Schach. In seiner Partie der letzten Runde gegen Dr. med. Stefan Müschenich war er mit seinem (schwarzen) König tief in die weißen Eingeweide eingedrungen, wo dieser sich paradoxerweise sogar im Schutz der gegnerischen Bauern versteckte, vor allem aber seinem weißen Antipoden einen unfreundlichen Gruß zuwarf. Materiell steht Weiß mit fünf Bauern gegen den Springer recht gut da, aber sein König soll sich als noch gefährdeter als der eingeklemmte schwarze erweisen. Wie gewann Prof. Krauseneck als Schwarzer am Zug und sicherte sich damit den dritten Platz?


Lösung:
1. . . . Dc5! mit der schrecklichen Drohung 2. . . . Dxc2+ zwang den c-Bauern nach vorn: 2. c4 (auch 2. c3 Sxb3 [drohend 3. . . . Dg1+] 3. De1 De3! 4. Dxe3 fxe3 5. Kc2 e2 mit neuer Dame im nächsten Zug rettet nicht) Db4 3. Kc1! Hier sah Schwarz nach 3. . . . Sxb3+ und nun dem überraschenden 4. Kb1! in hoher Zeitnot zu Recht nichts unmittelbar Entscheidendes, entschied sich für eine andere Fortsetzung und setzte schließlich auch matt. Ein möglicher Gewinnweg war: 4. . . . Sd4+ 5. Kc1 Db2+ 6. Kd1 Dxg2 und Weiß ist hilflos gegen die diversen Mattdrohungen beziehungsweise die Umwandlung des schwarzen Freibauern, z. B. 7. De4 Df1+ 8. Kd2 (8. De1 Dxd3+ 9. Dd2 Df3+ 10. Ke1 Dh1+ 11. Kf2 Dxh2+ 12. Ke1 Dg1 matt) Sb3+ 9. Kc3 Dc1 matt.
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