ArchivDeutsches Ärzteblatt18/1997„Mediziner-Test„: Nicht aus der Welt

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„Mediziner-Test„: Nicht aus der Welt

Driesen, Oliver

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LNSLNS Der bei Studenten berüchtigte Zulassungstest für die medizinischen Studiengänge gehört seit einem halben Jahr der Vergangenheit an. Weil die Bewerberzahlen zurückgingen, entscheiden künftig wieder Abiturnote und Wartezeit über die Zulassung. Doch der Test ist nicht vergessen: Der vom europäischen Ausland kopierte Exportschlager könnte abgewandelt auch bei uns wieder auftauchen - sobald die Universitäten ihre Studenten selbst auswählen dürfen.


Medizinertest-Vorbereitung. Wir helfen mit 15jähriger Erfahrung." - "Kostenfreie Test-Simulation!" "Intensiv-Trainings-Programm!" Einen besseren Werbeträger als ausgerechnet das "Test-Info"-Heft der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) hätte sich ein Dutzend private Lehrinstitute und Ratgeber-Verlage nicht aussuchen können. Denn noch im Herbst vergangenen Jahres verschickte die ZVS ihren Leitfaden an alle Möchtegern-Medizinstudenten, um ihnen bei einem in der deutschen Universitätsgeschichte einmaligen Auswahlverfahren beizustehen.
Diese Reklamekosten können sich die Inserenten ab sofort sparen. Am 6. November wurde der Multiplechoice-Test, der über Wohl und Wehe bei der Vergabe der knappen Plätze für Human-, Zahn- und Tiermedizin mitentschied, ein letztes Mal bundesweit abgenommen. Wer im Sommersemester 1998 einsteigt, verdankt seine Zulassung bereits einem glänzenden Abitur-Durchschnitt (60 Prozent der Eingeschriebenen) oder einer ausreichend langen Wartezeit (40 Prozent).
Die seltene Tatsache, daß ein einmal eingeführtes und für über 30 Millionen DM entwickeltes Auswahlverfahren nach 16 Jahren einfach wieder abgeschafft wird, ist kein Wunder deutscher Bürokratie. Der Test hat vielmehr seinen Sinn verloren, weil die Bewerberzahlen in den Medizin-Fächern immer weiter sanken. Doch der Test war auch von Anfang an umstritten: die einen sprachen von einer "Entwertung des Abiturs", die anderen warfen dem Verfahren vor, einen Boom teils dubioser "Beratungsdienstleister" auszulösen, die auf die angebliche "Trainierbarkeit" des Tests hinwiesen und so die Medizin-Bewerber scharenweise in teure Vorbereitungsseminare trieben. Der Untertest "Konzentriertes und sorgfältiges Arbeiten" beendete üblicherweise den Vormittagsteil des ganztägigen Testprogramms.

Begräbnis erster Klasse
Auch die anderen acht Teile, wie etwa der Untertest "Medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis", machten die Teilnehmer angesichts von 24 Aufgaben in 60 Minuten zu Experten mindestens in Sachen Adrenalin. Mit nur einem Absatz als Vorinformation galt es beispielsweise die Aussage zu verifizieren: "Nach einer Durchtrennung des rechten Tractus opticus gelangen von der rechten Netzhauthälfte eines Auges keine visuellen Informationen mehr ins Occipitalhirn."
Solchermaßen auf den Zahn gefühlt, durften sich die erfolgreichen Absolventen bescheinigen lassen, "daß durch die Hinzunahme des Tests eine wesentlich bessere Prognose über den künftigen Studienerfolg möglich wurde als bei isolierter Betrachtung der Abiturnote" - so die ZVS in einer abschließenden Bewertung des Tests. Entsprechend erhielt das Instrument ein Begräbnis erster Klasse: die Kassenärztliche Bundesvereinigung bedauerte die Abschaffung, Baden-Württembergs Bildungsminister Klaus von Trotha kritisierte: "Kurzfristig begründete Argumente sollten mittelfristige Ziele nicht überlagern." Damit meinte der Christdemokrat eine verstärkte Autonomie der Hochschulen bei der Auswahl ihrer Studenten.
Genau die wird wohl "mittelfristig" kommen, weshalb Trotha noch Trost finden dürfte. Sollte nämlich ein überarbeitetes Hochschulrahmengesetz demnächst den Unis erlauben, sich ihre Studenten teilweise selbst auszusuchen, liegt der Medizinertest weiterhin als Blaupause für Auswahlverfahren in den Schubladen. Denn der Test hat sich unabhängig von der demographischen Entwicklung in Deutschland als Exportschlager erwiesen: die Schweiz und auch Belgien bauten darauf eigene Auswahlverfahren auf - sozusagen in Lizenz der Kultusministerkonferenz (KMK).
Zwar sagt KMK-Experte Heinz-Peter Weitlich, es gebe seiner Kenntnis nach "keine konkreten Pläne einzelner Hochschulen, den Mediziner-Test zu übernehmen". Doch andere Fachleute arbeiten bereits mit Hochdruck daran, entsprechende Verfahren bereitzustellen, sobald die hochschulrechtlichen Möglichkeiten bestehen. Dazu gehört vor allem der "Deidesheimer Kreis", ein Gremium von Psychologen und Hochschullehrern, das seit Jahren Zulassungsverfahren entwickelt und evaluiert. Der Kreis will die Tests aus dem Dilemma befreien, "den Hochschulen einerseits mehr Autonomie zu geben, andererseits aber keine Zersplitterung des Zulassungswesens entstehen zu lassen". Oliver Driesen

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