ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter – Diagnostik, Ätiologie und Therapie: ADHS – auch kausal behandelbar
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LNSLNS Zur Durchschnittshäufigkeit von 2 % von ADHS bei Erwachsenen sei eine Frauengruppe genannt, die die klinischen Leitsymptome häufiger als zu erwarten zeigt: reduzierte Aufmerksamkeit, innere Unruhe, gestörte Affektregulation, depressive Verstimmungen und teils daraus resultierende Desorganisiertheit. Das sind jene Frauen mit sehr starken klimakterischen Beschwerden im Alter um 50 Jahre, die ohne „off label use“ medikamentös behandelt werden können. Extreme Symptome auf abrupten Östrogenmangel (auch nach Kastration im fertilen Alter) werden zu selten mit der klinischen Diagnose ADHS in Bezug gebracht. Dieses somatische Korrelat bedarf mehr interdisziplinären Austausches.

Aus der Aromataseforschung (über 40 Jahre mit dem Enzym Letrozol) sind durch Östrogenmangel induzierte Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und Kognitionsdefizite bekannt. In der Onkologie zeigt sich das unter adjuvanter Aromatasehemmer-Therapie. Bereits nach einem Jahr besteht nur noch bei einem Drittel der Patienten Compliance bei geplanter Therapie für fünf Jahre. Das überrascht nicht, da das mit Östrogenrezeptoren sehr gut ausgestattete Gehirn zu viele Leistungen nicht mehr zufriedenstellend erbringen kann. Bevor dies das Ausmaß von ADHS mit beeinträchtigter Lebensgestaltung erreicht, entscheiden sich die Frauen für Noncompliance.

Die Autoren schlagen die Ausschlussdiagnostik internistischer und neurologischer Art vor. Bei Frauen sollte die Ovarialfunktion mit berücksichtigt werden. Es wird auf deutlich erhöhte ADHS-Prävalenzraten bei Strafgefangenen von circa 25 % hingewiesen. Bei Frauen tritt in dieser Stresssituation oft eine Amenorrhoe auf, also sistiert die Ovarialfunktion und damit entsteht ein Östrogenmangel für das Gehirn.

Bei Männern geschieht dies analog zum Beispiel in Kriegsgefangenschaft – weniger Testosteron wird zu Östrogen umgewandelt. Die Autoren verweisen auf das gestörte dopaminerge System und damit gestörte Synapsenfunktionen.

Beim Therapieversuch mit Östrogensubstitution ist über das erhöhte Brustkrebsrisiko im ein Promillebereich aufzuklären. Im WHI-Kollektiv wurden Brustkrebs-Neuerkrankungen je 10 000 Frauen pro Jahr bei 38 Frauen unter Östrogen-Gestagentherapie und bei 30 Frauen unter Placebo entdeckt (3). Diese Differenz von 8 pro 10 000 Frauen/Jahr beziehungsweise 0,8 Promille wird durch eine vorausgehende große Studie bestätigt (1). Im WHI-Kollektiv mit Östrogen-Monotherapie wurden pro 10 000 Frauen 7 Brustkrebserkrankungen weniger entdeckt im Placebovergleich, also rechnerisch auch unter dem ein Promillebereich (2). Diese Daten werden die Entscheidung zur Östrogensubstitution bei ADHS erleichtern.
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0764b


Prof. Dr. J. M. Wenderlein
Universität Ulm, Eythstraße 14, 89075 Ulm
wenderlein@gmx.de

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Beral V: Breast cancer and hormone replacement therapy: collaborative reanalysis of data from 51 epidemiological studies of 52.705 women with breast cancer and 108.411 women without breast cancer. Lancet 1997; 350:1047–59. MEDLINE
2.
WHI Investigators: Risks and benefits of estrogen plus progestin in healthy postmenopausal women. Principal results from the WHI randomized controlled trial JAMA 2002; 288: 321–33. MEDLINE
3.
WHI Investigators: Effects of conjugated equine estrogen in postmenopausal women with hysterectomy. JAMA 2004; 291: 1701–12. MEDLINE
1. Beral V: Breast cancer and hormone replacement therapy: collaborative reanalysis of data from 51 epidemiological studies of 52.705 women with breast cancer and 108.411 women without breast cancer. Lancet 1997; 350:1047–59. MEDLINE
2. WHI Investigators: Risks and benefits of estrogen plus progestin in healthy postmenopausal women. Principal results from the WHI randomized controlled trial JAMA 2002; 288: 321–33. MEDLINE
3. WHI Investigators: Effects of conjugated equine estrogen in postmenopausal women with hysterectomy. JAMA 2004; 291: 1701–12. MEDLINE

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Der klinische Schnappschuss

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