ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2008S3-Leitlinien-gerechte Versorgung von Patientinnen mit Mammakarzinom – aktueller Stand in Schleswig-Holstein: Versorgung wirklich ausreichend?
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LNSLNS Es ist eine lohnende Fragestellung, ob die Versorgung von Patientinnen mit Mammakarzinom dem Standard entspricht. Verblüffend für mich als psychoonkologisch tätige Frauenärztin ist allerdings, dass sich die Überprüfung dieser Frage anscheinend nur auf Operation/ Chemotherapie/Radiatio bezogen hat, während das Problem der psychischen Beratung und Betreuung völlig außen vor gelassen wird.

In den Leitlinien ist festgeschrieben, dass psychoonkologische Maßnahmen in das Gesamtkonzept integriert werden sollten, und dass alle Patientinnen grundsätzlich und frühzeitig über die Möglichkeiten psychoonkologischer Hilfestellungen während der Akutbehandlung und auch in der Nachsorge informiert werden sollten. Für diese Empfehlungen gibt es hohe Evidenzlevel.

Es wäre sicher möglich, diese Soll-Vorschriften analog den anderen evidenzbasierten Empfehlungen in entsprechende Referenzbereiche umzuwerten und Patientinnen danach zu befragen. Warum wurde das nicht gemacht und damit dieser zentrale Bereich ausgespart?

Ich fürchte allerdings, dass die Ergebnisse deprimierend wären. Denn aus meiner mehr als 20-jährigen Erfahrung in der Praxis konstatiere ich, dass zwar die körperliche Behandlung tatsächlich einem hohen Standard entspricht, dass die Frauen aber mit dem Schock der Erkrankung und deren Bewältigung weiterhin oft allein gelassen werden. Die psychosomatische Betreuung von Anfang an scheint immer noch nicht so wichtig zu sein, dass Kliniken angemessen darauf Wert legten – egal was die S3-Leitlinie dazu sagt. Und die psychoonkologische Betreuung während der Nachsorge kommt nur wenigen Frauen zugute, sie muss mühsam beantragt werden, statt als adjuvante Routine-Maßnahme ebenso wie Chemo- und/oder Hormontherapie allen zuzustehen.

Bei aller Genugtuung darüber, dass das Konzept der leitliniengerechten Behandlung überwiegend umgesetzt wurde: Wie können die Autorinnen und Autoren von einer „adäquaten Versorgungssituation“ der Frauen ausgehen, wenn sie diesen Bereich nicht hinterfragen, der für die Lebensqualität so entscheidend ist?
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0767b

Dr. med. Claudia Schumann
Hindenburgstraße 26
37154 Northeim
E-Mail: ClaudiaSchumann@t-online.de

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Der klinische Schnappschuss

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