ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2008Deutscher Zahnärztetag 2008: „Freiere Strukturen sind nötig“

POLITIK

Deutscher Zahnärztetag 2008: „Freiere Strukturen sind nötig“

Dtsch Arztebl 2008; 105(45): A-2368 / B-2020 / C-1967

Meißner, Marc

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Repräsentanten der Zahnärzteschaft sprachen sich gegen den Gesundheitsfonds und eine übertriebene Reglementierung der zahnärztlichen Tätigkeit aus. Sie fordern fairere Wettbewerbsbedingungen und mehr Mitspracherecht für die Patienten.

Foto: BZÄK/axentis
Foto: BZÄK/axentis
Sicher kein Zufall: Pünktlich zum zentralen Festakt des Deutschen Zahnärztetages legte das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) den Referentenentwurf zur überarbeiteten Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) vor. Sie soll ab dem 1. Juli 2009 die Vergütung von Leistungen an Privatpatienten regeln und gilt als Vorbild für die anstehende Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ).

Unter dem Motto „Standespolitik – Praxis – Wissenschaft“ diskutierten vom 22. bis 25. Oktober die Bundeszahnärztekammer (BZÄK), die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) in Stuttgart über die Belange der 66 000 Zahnärzte in Deutschland.

Nach 20 Jahren liegt mit dem Referentenentwurf erstmals eine überarbeitete Fassung der Gebührenordnung vor. Einen Honorarzuwachs von gut zehn Prozent durch die neue GOZ versprach Dr. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär des BMG. „Politische Entscheidungen sind immer situativ beeinflusst“ leitete Schröder eine Bemerkung ein, die aufhorchen ließ: Ein Entwurf sei nicht mehr so leicht auf den Weg zu bringen, wenn die wirtschaftliche Entwicklung schlechter sei. Ob damit, angesichts der Wirtschaftskrise, der Referentenentwurf schon hinfällig ist oder darüber hinausgehende Ansprüche infrage gestellt werden sollten, blieb offen.

Die BZÄK zeigte sich hingegen enttäuscht über den Entwurf. Eine erste Prüfung ergab eine Punktwertsteigerung von 5,6241 auf 5,65 Cent, also eine Honorarerhöhung um lediglich rund 0,4 Prozent. Es erfolge nicht annähernd ein Teuerungsausgleich für die 21,5 Jahre, bemängelt die Bundesversammlung der BZÄK. Dies gefährde die qualitätsorientierte Behandlung der Patienten. Eine abschließende Aussage zur neuen GOZ wird die Bundeszahnärztekammer erst im Rahmen einer außerordentlichen Bundesversammlung Mitte November bekannt geben.

Die neue GOZ sieht außerdem eine Öffnungsklausel vor, die es den Versicherungsunternehmen erlaubt, außerhalb der Gebührenordnung Pauschalverträge mit Gruppen von Zahnärzten zu schließen. Dem Wunsch der privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) entsprechend, dürften Privatpatienten dann ohne private Zuschläge nur noch die Vertragszahnärzte ihres Versicherers aufsuchen, warnt die BZÄK. Damit greife die PKV in das Arzt-Patienten-Verhältnis ein und wolle Preise selbst aushandeln. Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, scheidender Präsident der Bundeszahnärztekammer, bezeichnete die Klausel als „verfassungsrechtlich sehr fragwürdig“ und betonte, dass sie „auf unsere grundlegende Ablehnung stoßen muss, nicht zuletzt aus Gründen der Versorgungsqualität“. Solche Selektivverträge unterliefen die freiberuflichen Rahmenbedingungen und die privatautonome Arzt-Patienten-Beziehung, so Weitkamp.

Neben der GOZ-Novellierung war die Gesundheitsreform ein zentrales Thema. Bundeszahnärztekammer, die DGZMK und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung sprachen sich gemeinsam gegen den Gesundheitsfonds aus. Sie forderten fairere Wettbewerbsbedingungen und eine Aufhebung der Budgetierung. In diesem Zusammenhang kritisierte Weitkamp den Gesetzgeber, der gewonnene Wettbewerbsspielräume in einem beitragssteigernden Gesundheitsfonds begrabe. „Einheit statt Vielfalt und Zuteilung statt Wahlmöglichkeit sind das Ergebnis“, sagte Weitkamp. Schröder verteidigte den Fonds: „Wir haben damit die Voraussetzungen für einen Qualitätswettbewerb verbessert.

„Ich gehe davon aus, dass der Fonds unterfinanziert ist“, erklärte Dr. Jürgen Fedderwitz, Vorstandsvorsitzender der KZBV. „Die Probleme der Unterfinanzierung werden auf die Leistungsträger zurückfallen.“ Um dem zu begegnen, seien nicht mehr Geld, sondern neue Strukturen erforderlich, so Federwitz. Bundeszahnärztekammer, DGZMK und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung schlagen vor, das Festzuschusssystem auszuweiten. Ein entsprechendes Konzept für die parodontale Behandlung wird derzeit erarbeitet.

Die Gehälter der niedergelassenen Kassenärzte in den neuen Bundesländern werden 2009 weitgehend dem Westniveau angepasst. Für die Zahnärzte steht dies noch aus und würde 150 Millionen Euro kosten. Schröder bekräftigte, das stehe auf der Tagesordnung. „Warum wird es dann nicht getan?“, klagt Fedderwitz. „Es wäre jetzt ein Leichtes gewesen.“ Weitkamp sprach sich dafür aus, die Ost-West-Gehälter noch dieses Jahr anzugleichen. „Ist der Fonds erstmal da, herrscht Kannibalismus. Wer etwas haben will, muss es einem anderen wegnehmen.“

Einig waren sich KZBV, BZÄK und DGZMK darin, dass der Zahnarzt ein freier Beruf bleiben soll. Auch sprachen sie sich gemeinsam gegen eine weitreichende Spezialisierung des Berufs aus. Weitkamp betonte, dass der Zahnarzt als Generalist 90 Prozent der Patientenversorgung leiste.

Die Bundeszahnärztekammer wählte im Rahmen ihrer Bundesversammlung Dr. Peter Engel zum neuen Präsidenten. Er löst damit nach achtjähriger Amtszeit Dr. Dr. Jürgen Weitkamp ab, den die Versammlung zum Ehrenpräsidenten der BZÄK ernannte. „Mit Dr. Weitkamp geht eine Ära zu Ende“, lobte Schröder den Ehrenpräsidenten.
Dr. rer. nat. Marc Meißner
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema