ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2008Behandlungsfehler: „Kultur“ der Patientensicherheit gefordert

POLITIK

Behandlungsfehler: „Kultur“ der Patientensicherheit gefordert

Dtsch Arztebl 2008; 105(45): A-2370 / B-2022 / C-1969

Spielberg, Petra

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LNSLNS Fachleute und Patientenvertreter fordern ein konsequentes Vorgehen gegen Behandlungsfehler und eine stärkere Zusammenarbeit auf Ebene der Europäischen Union.

Falsche oder schlecht aufeinander abgestimmte Medikamente, Fehldiagnosen, chirurgische Kunstfehler oder Infektionen infolge medizinischer Behandlungen stellen in vielen Ländern Europas ein ernst zu nehmendes Problem dar. Jedes Jahr kommt es nach Angaben der Europäischen Kommission bei bis zu 15 Millionen Klinikaufenthalten und mehr als 37 Millionen ambulanten Behandlungen zu Behandlungsfehlern.

„Die Verantwortlichen nehmen die Dimension des Problems nicht ernst genug“, kritisierte der Präsident des Europäischen Gesundheitsforums im österreichischen Bad Hofgastein, Günter Leiner. Dabei ließen sich allein durch konsequente Hygiene, beschleunigte Abläufe bei Akutbehandlungen oder den Abbau von Wartezeiten Verbesserungen erreichen, sagte Leiner beim diesjährigen Forum Anfang Oktober.

Bessere Kommunikation
„Das aktuelle Fehlerniveau ist absolut inakzeptabel“, betonte auch Jo Groves, Geschäftsführerin der Internationalen Vereinigung der Patientenorganisationen. 78 Prozent der EU-Bürger betrachten mangelnde Patientensicherheit als ein gravierendes Problem. Rund 40 Prozent befürchten, selbst Opfer eines Behandlungsfehlers werden zu können, wie eine Studie im Auftrag der Europäischen Kommission ergab. Eine Fehleranalyse ohne juristische Folgen sowie eine bessere Kommunikation mit Patienten und deren Angehörigen könnten nach Ansicht von Groves Fortschritte bringen.

Auch die EU-Kommission sieht Handlungsbedarf. Vorrangiges Ziel ist aus Sicht der Brüsseler Behörde der Kampf gegen die zunehmende Ausbreitung von Infektionen infolge medizinischer Behandlungen. Daran erkranken der Kommission zufolge jährlich schätzungsweise 4,5 Millionen EU-Bürger. Die dadurch verursachten Kosten beliefen sich auf etwa 6,3 Milliarden Euro pro Jahr, heißt es in einem Entwurf für eine Ratsempfehlung. Das Papier soll Ende November vorliegen und im kommenden Jahr von den EU-Regierungen beraten und verabschiedet werden. Die Kommission hält ein gemeinschaftliches Eingreifen für unerlässlich, da sich der multiresistente Staphylococcus aureus (MRSA) auch über Landesgrenzen hinweg ausbreiten könnte.

Längst nicht alle EU-Länder führen akribisch Buch über ihre MRSA-Raten. Dennoch scheint es so, dass sich Patienten in den Niederlanden und den skandinavischen Ländern im EU-weiten Vergleich seltener mit diesen Keimen anstecken als anderswo in der EU. In den Niederlanden beispielsweise machen MRSA gemessen an allen Infektionen mit Staphylococcus-aureus-Erregern weniger als drei Prozent aus. Der Grund: Hier wird bereits seit den 80er-Jahren konsequent gegen MRSA vorgegangen. In Deutschland hingegen wurde in den letzten zehn Jahren ein Anstieg von zwei auf 25 Prozent beobachtet. In anderen europäischen Ländern übersteigt die MRSA-Rate Schätzungen zufolge sogar die 80 Prozent-Marke.

Projekte zur Zusammenarbeit
Im Münsterland bemühen sich derweil Krankenhäuser, das Problem mit Unterstützung von Einrichtungen in den Niederlanden in den Griff zu bekommen. MRSA-net Twente/Münsterland heißt ein vor drei Jahren gestartetes Projekt, das Brüssel finanziell unterstützt. Die Einrichtungen versuchen dabei, einer Ausbreitung der Erreger unter anderem mit einer besseren Handhygiene entgegenzuwirken. Modelle wie dieses oder das Netzwerk Eunetpas (Kasten) sollten nach Meinung der EU-Kommission Vorbild für die Zusammenarbeit auf EU-Ebene sein.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) sieht zurzeit keinen Bedarf an grenzüberschreitenden Lösungen: „Die Europäische Kommission geht davon aus, dass Patienten in Europa zunehmend mobil sind und sich nosokomiale Infektionen somit verstärkt über Grenzen hinweg ausbreiten können“, sagte Marc Schreiner, Europareferent der DKG. Dies sei aber nicht der Fall. Bislang machten ausländische Patienten im Schnitt nur 0,1 Prozent der vollstationären Fälle in deutschen Krankenhäusern aus. Nur die Hälfte von diesen wiederum stamme aus dem EU-Ausland. Die DKG befürchtet, dass die im Entwurf für eine Ratsempfehlung vorgeschlagenen Maßnahmen zulasten der mitgliedstaatlichen Kompetenzen in der Gesundheitspolitik gehen könnten.
Petra Spielberg

EU-Netzwerk
Eunetpas startete Ende Februar 2008. Dem Netzwerk gehören Vertreter der 27 EU-Länder sowie von Interessenorganisationen an, darunter das deutsche Aktionsbündnis für Patientensicherheit.

Wesentliche Ziele von Eunetpas sind:

- eine „Kultur“ der Patientensicherheit zu fördern
- einen europäischen Kernlehrplan für Patientensicherheit in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung zu entwerfen.
- Bericht- und Lernsysteme sowie eine europäische Datenbank mit optimalen Lösungen einzuführen.
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