ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2008Thoraxchirurgie: An den Universitäten unterrepräsentiert

POLITIK

Thoraxchirurgie: An den Universitäten unterrepräsentiert

Dtsch Arztebl 2008; 105(45): A-2372 / B-2023 / C-1970

Soleimanian, Antje

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LNSLNS Spezifische Lungenkrebszentren sollen die Langzeitüberlebensraten der Patienten verbessern.

Fünf der sieben häufigsten Todesursachen in Deutschland sind auf die direkten oder indirekten Folgen des Rauchens zurückzuführen. Im Jahr 2005 starben in Deutschland mehr als 42 000 Menschen an Erkrankungen, die in Zusammenhang mit dem Konsum von Tabakprodukten stehen. Mit mehr als 40 000 Todesfällen rangiert an erster Stelle der Lungenkrebs, an dem mittlerweile zwischen acht und zehn Prozent aller Raucher erkranken. Doch auch die chronisch obstruktive Lungenerkrankung und die koronare Herzkrankheit sind mehr oder weniger nikotininduzierte Erkrankungen.

Der Bedarf an gut ausgebildeten Thoraxchirurgen, die gemeinsam mit Onkologen und Pneumologen die Folgen staatlich gebilligter Unvernunft behandeln, wächst also zwangsläufig. Allerdings macht sich der allgemein zu verzeichnende Nachwuchsmangel der chirurgischen Fächer auch bei den Thoraxchirurgen bemerkbar. Zwar bildet die chirurgische Weiter­bildungs­ordnung die Thoraxchirurgie seit 2003 als eigenständige Disziplin und seit 2006 den Thoraxchirurgen als eigenen Facharzt ab, dennoch spielt das Fach an den deutschen Universitätskliniken nur eine untergeordnete Rolle.

„In Deutschland gibt es nur an weniger als zehn Prozent der medizinischen Fakultäten eigene Lehrstühle für Thoraxchirurgie“, berichtete Prof. Dr. med. Bernward Passlick von der Thoraxchirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Freiburg: „In der Schweiz hingegen ist die Thoraxchirurgie an sämtlichen Universitäten vertreten.“

Dieser Status quo sei vermutlich auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Lungenheilkunde in Deutschland traditionell hauptsächlich an Lungenheilstätten in Luftkurorten außerhalb der Universitätsstädte angesiedelt sei. An den medizinischen Fakultäten selbst spiele die Thoraxchirurgie daher neben der Herz- oder Viszeralchirurgie nur eine untergeordnete Rolle. Dies führe dazu, dass nicht genug Thoraxchirurgen ausgebildet würden, kritisierte Passlick bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Thoraxchirurgie (DGT) in Bremen: „Wir brauchen mehr Repräsentanz an den Universitäten, denn dort wird schließlich das Interesse der Studenten geweckt.“

Chirurgischer Nachwuchs erwartet zügige Weiterbildung
Dennoch stehen die Chancen des Fachgebiets nicht schlecht, den chirurgischen Nachwuchs zu locken, wie DGT-Vorstandsmitglied Dr. med. Michael Lindner vom Thoraxchirurgischen Zentrum der Asklepios-Fachkliniken München-Gauting ergänzte. Zum einen setze die DGT mit einer eigenen Arbeitsgruppe „Frauen in der Thoraxchirurgie“ verstärkt auf die Rekrutierung des weiblichen Nachwuchses: „Früher gab es ungefähr gleich viele männliche und weibliche Medizinstudenten, doch heute sind zwei Drittel von ihnen Frauen“, sagte Lindner. Da es sich bei thoraxchirurgischen Operationen in der Regel um geplante Eingriffe handele, seien die typischen OP-Zeiten in diesem Fach besser mit familiären Pflichten vereinbar als zum Beispiel in der Unfallchirurgie.

Zum anderen profitiere das Fach von der geänderten Weiter­bildungs­ordnung der chirurgischen Fächer: „Angehende Chirurgen wollen heute schnell sein und nicht erst sechs Jahre in die chirurgische Weiterbildung investieren, um noch einmal vier Jahre Spezialisierung anzuhängen“, erklärte Lindner. Das Gebiet der Thoraxchirurgie sei kompakt und überschaubar und komme diesen Interessen durchaus entgegen: „Die operative Ausbildung in einem thoraxchirurgischen Zentrum umfasst 24 Monate fächerübergreifende Basischirurgie und im Anschluss daran 48 Monate fachärztliche Weiterbildung in der Thoraxchirurgie.“

Spezialisierte Zentren spielen aber nicht nur in der Ausbildung, sondern auch im Behandlungsalltag eine größer werdende Rolle: „Es gibt genügend Daten, die belegen, dass wer viel operiert, auch gut operiert“, berichtete Prof. Dr. med. Albert Linder, Präsident der DGT. Behandlungszentren wie die bundesweit aktuell zehn Lungenkrebszentren könnten mit entsprechenden Fallzahlen aufwarten und böten eine fächerübergreifende Versorgung anhand leitlinienorientierter Therapiekonzepte und Behandlungspfade. „In diesen Zentren werden alle Therapieentscheidungen von einer interdisziplinären Tumorkonferenz getroffen, die einmal wöchentlich tagt und in der Thoraxchirurgen, Pneumologen, Onkologen, Strahlentherapeuten und Psychoonkologen zusammenarbeiten“, sagte Linder.

Der Kriterienkatalog für eine Zertifizierung durch die Deutsche Krebsgesellschaft sieht vor, dass pro Zentrum mindestens zwei Thoraxchirurgen und zwei Pneumologen zur Verfügung stehen und dass jährlich mindestens 75 bis 100 Fälle behandelt werden. „Dabei sichert die regelmäßige Tumorkonferenz in den Zentren, dass Patienten nicht leichtfertig operiert werden, nur um die erforderlichen Fallzahlen zu erreichen“, betonte Linder. Ziel sei vielmehr eine stadienabhängige möglichst hohe Langzeitüberlebensrate mit einer OP-Letalitätsrate von unter drei Prozent. Im Juni 2008 hat die Deutsche Krebsgesellschaft den Kriterienkatalog verabschiedet, an dem sich die zehn Zentren seit August im Rahmen einer Pilotphase orientieren. Darüber hinaus sind die Zentren auch zur Teilnahme an klinischen Studien verpflichtet.
Antje Soleimanian
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