ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2008Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: Frühe Therapie sinnvoll

MEDIZINREPORT

Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: Frühe Therapie sinnvoll

Dtsch Arztebl 2008; 105(45): A-2376 / B-2026 / C-1972

Siegmund-Schultze, Nicola

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LNSLNS Vor allem mit stationären Behandlungen können adipöse Kinder und Jugendliche relativ rasch Gewicht reduzieren. Ob die Erfolge langfristig anhalten, ist noch ungewiss.

Etwa jeder Sechste unter 17 Jahren wiegt zu viel: 8,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und 17 Jahren sind übergewichtig und zusätzlich 6,3 Prozent adipös, teilte Prof. Dr. med. Reinhard Holl (Ulm) bei der Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft in Freiburg mit. Vor allem Ausmaß und Anzahl extrem adipöser Kinder nehmen deutlich zu. Psychosoziale Belastungen und körperliche Sekundärkomplikationen, wie Bluthochdruck, Dyslipidämie, Hormonstörungen, Diabetes, Schlafapnoe, Steatose, Verformungen der Füße mit Fehlstellungen und Hüftdysplasien, können die Folge sein.

Externe Evaluation fehlt
Wann ist der richtige Zeitpunkt, um mit der Therapie zu beginnen? Wie sollte sie aussehen, um Körpergewicht und Begleiterkrankungen zu verringern und die Lebensqualität zu erhöhen? Es gibt zahlreiche verhaltensorientierte Behandlungskonzepte, die aber zum großen Teil nicht extern evaluiert sind. Deshalb hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gemeinsam mit der Universität Ulm eine Studie zur Wirksamkeit einer Adipositasbehandlung durchgeführt, in der ambulante und stationäre Behandlungsansätze mit einem einheitlichen Instrumentarium verglichen wurden.

Die erste Auswertung bezieht sich auf die Phase vom Beginn der Behandlung bis zu deren Ende. Es ist also eine Analyse der Kurzzeiteffekte. 1 916 Patienten zwischen acht und 16 Jahren haben daran teilgenommen. Bei den 48 Einrichtungen handelte es sich um stationäre Angebote, ambulante Therapien mit stationärer Vorphase, ambulante Angebote mit multidisziplinärem Ansatz und verschiedenen Schwerpunkten wie Ernährung, Bewegung und Psychosoziales. Die Therapien dauerten 1,6 bis 13 Monate.

Der Body-Mass-Index (BMI) war zu Beginn bei jenen, die stationär behandelt wurden, mit durchschnittlich 32 am höchsten, im ambulanten Bereich lag er zwischen 27 und 29. Insgesamt waren 14 Prozent der Teilnehmer übergewichtig, 49 Prozent adipös und 37 Prozent extrem adipös. Eine Hypertonie hatten bereits 26 Prozent und 37 Prozent Dyslipidämien.

„56 Prozent der Teilnehmer konnten ihren BMI so deutlich reduzieren, dass dies die Komorbidität günstig beeinflusst“, erläuterte Holl. 20 Prozent von ihnen nahmen leicht ab oder konnten ihr Gewicht halten, 12,5 Prozent wurden dicker, und 12,5 Prozent brachen die Therapie vorzeitig ab. Der größte Gewichtsverlust wurde bei stationärer Behandlung erzielt. Hier trieben die Kinder deutlich mehr Sport, sahen weniger fern und saßen seltener vor dem Computer. Bei den ambulanten Angeboten war der Erfolg sehr unterschiedlich. Grundsätzlich aber nahmen Kinder im Alter zwischen acht und elf Jahren besser ab als ältere, Übergewichtige besser als Adipöse. Eine frühe Intervention sei also vermutlich sinnvoll, meinte Holl. Denn auch die kardiovaskulären Risikofaktoren wurden reduziert: Nur noch 17 Prozent der Teilnehmer hatten einen Hypertonus und 28 Prozent erhöhte Blutfettwerte. Allerdings übernähmen nicht alle gesetzlichen Krankenkassen eine Behandlung schon bei Übergewicht, sondern zum Teil erst bei Adipositas. Die beiden folgenden Auswertungen im Abstand von jeweils einem Jahr müssten nun zeigen, ob es Langzeiteffekte gebe, sagte Holl.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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