ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2008Börsebius: Außer Rand und Band

GELDANLAGE

Börsebius: Außer Rand und Band

Dtsch Arztebl 2008; 105(45): A-2414 / B-2054 / C-1990

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, den leidgeprüften Leser mal vier Wochen mit anderen Themen als der Finanzkrise zu behelligen. Aber so leicht entkommt eben keiner den Absurditäten des Geschehens.

Einige Sekunden lang flimmerte Ende Oktober bei der VW-Aktie ein Kurs von über 1 000 Euro auf der großen DAX-Anzeigetafel. Damit war der Autobauer das teuerste Unternehmen der Welt. Verrückt genug, dass Konkurrenten wie Daimler, Ford oder General Motors wertmäßig am Stock gehen. Noch krasser sind aber die Kurssprünge, mit denen die Volkswagen-Titel die Börsianer nervlich völlig fertigmachten. Mehrere Hundert Euro in wenigen Stunden, 200 Prozent von heute auf morgen, das ist für ein DAX-Schwergewicht schon ziemlich starker Tobak.

Der Grund für diese erratischen Ausschläge ist einfach. Sogenannte Shortseller haben VW-Aktien, die sie aber gar nicht hatten, in erheblichem Umfang „leer“ verkauft, mit der Idee, sich später billiger einzudecken. Der Umfang der Geschäfte soll dabei in die Milliarden gegangen sein. Einer hielt sich für schlauer als der andere, weil er glaubte, die Absichten von Porsche, die sich derzeit VW einverleiben, genau zu durchschauen.

Blöd war nur, dass die Aktie den Absichten der Shortseller partout nicht folgen wollte, sondern gegen den Markttrend stieg. Das Fatale: Die Zocker mussten auf einem völlig ausgetrockneten Markt zu jedem erdenklichen Preis kaufen. Und so ganz nebenbei wurde Großaktionär Porsche durch den gewaltigen Wertzuwachs bei VW um Milliardenbeträge reicher.

Das Geschrei folgte auf dem Fuße. Die Börse habe versagt, man hätte längst den Handel stoppen müssen – ebenso laut wurde nach der Finanzaufsicht BaFin gerufen, um der vermeintlichen Marktmanipulation Einhalt zu gebieten. Nichts davon ist richtig. Es ist verständlich, dass gerade Hedgefonds besonders lautstark ihre Vorwürfe in den Raum posaunten, weil genau diese Investorengruppe zu den großen Verlierern in Sachen VW zählte. Nur, die Herren wissen alle, was sie tun, kennen sich mit Risiken ziemlich genau aus. Wo waren denn die Vorwürfe, als mit solchen Geschäften noch Riesengewinne gemacht wurden?

Das Einzige, was der Börse angelastet werden kann, ist, dass sie das VW-Gewicht im DAX tagelang nicht geändert hat, obwohl der sogenannte Freefloat (Aktien, die nicht in fester Hand sind) durch die Porsche-Vorherrschaft deutlich zusammengeschnurrt ist. Aufgrund dieses Fauxpas haben auch unbeteiligte Anleger, die sich in Indexprodukten bewegten, leiden müssen, und das nicht zu knapp. Das war nicht nötig. Zu lernen aber, wie schnell Shortseller sich die Finger verbrennen können, aber auch, wie alles außer Rand und Band gerät, einen schöneren Beweis konnte die Causa VW gar nicht liefern.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.