ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2008Medica 2008 – 40 Jahre Medica: Innovationen aus 60 Ländern

TECHNIK

Medica 2008 – 40 Jahre Medica: Innovationen aus 60 Ländern

Dtsch Arztebl 2008; 105(45): A-2401 / B-2043

Hillienhof, Arne

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Die Medizinmesse feiert ihren 40. Geburtstag. Mit dabei sind 4 300 Aussteller aus mehr als 60 Ländern. Sie zeigen, was technisch in der Medizin machbar ist, zum Beispiel in der Telemedizin.

Anders als in vielen anderen Branchen sind die Aussichten für den weltweiten Medizintechnik- und Medizinproduktemarkt nach wie vor gut: Bis zum Jahr 2015 prognostizieren die Experten hier ein jährliches Wachstum von rund zehn Prozent und einen Anstieg des Gesamtmarktvolumens von derzeit rund 190 Milliarden Euro auf circa 320 Milliarden Euro. Vor allem der asiatische Markt birgt ein großes Potenzial aufgrund einer steigenden Nachfrage aus Ländern wie China, Indien oder aus dem Mittleren Osten.

Die TV-basierte Kommunikationsplattform „Motiva“ wurde für die Betreuung chronisch Kranker, wie etwa Herzinsuffizienzpatienten, entwickelt. Foto: T-Systems
Die TV-basierte Kommunikationsplattform „Motiva“ wurde für die Betreuung chronisch Kranker, wie etwa Herzinsuffizienzpatienten, entwickelt. Foto: T-Systems
Die Stimmung im Vorfeld der weltgrößten Medizinmesse Medica zum 40-jährigen Jubiläum ist somit gut, zumal die Messe auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken kann: 1969 fand die Premiere der Medica in Düsseldorf mit 135 Ausstellern und rund 4 700 Besuchern statt. Im vergangenen Jahr informierten sich dagegen mehr als 137 000 Fachbesucher über das Angebot der mehr als 4 200 Aussteller aus 65 Nationen. Heute nutzen viele Aussteller die Messe, um nahezu ihr gesamtes Produktportfolio zu präsentieren. So können die Besucher beispielsweise im Bereich der medizinischen Bildgebung eine breite Palette von Lösungen etwa für die Ultraschalldiagnostik oder für endoskopische Verfahren in Augenschein nehmen. Als ein „Trendthema“ gilt darüber hinaus „NOTES“ (Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery), eine Weiterentwicklung der minimalinvasiven Chirurgie, bei der chirurgische Eingriffe über natürliche Körperöffnungen durchgeführt werden. Technik und Instrumentenentwicklung stecken hier allerdings teilweise noch in den Kinderschuhen.

Von einer eher exotischen Technik hin zur Standardanwendung oder sogar zur Regelversorgung hat sich in den vergangenen Jahren die Telemedizin entwickelt. Zu den treibenden Kräften gehört die Kardiologie. Ein Beispiel ist die Betreuung von Patienten mit künstlichen Herzklappen.

Telemedizinische Betreuung
Von etwa 20 000 Menschen, die sich in Deutschland pro Jahr einem operativen Eingriff an den Herzklappen unterziehen, erhält die Hälfte eine mechanische Herzklappe aus Metall. Diese Patienten benötigen eine orale Antikoagulation. „Aber nur etwa 50 Prozent dieser Patienten sind annähernd gut eingestellt“, sagt Heinrich Körtke, Leiter des Instituts für angewandte Telemedizin (IFAT) am Herzzentrum Bad Oeynhausen. Die besten Resultate bei der oralen Antikoagulation gibt es, wenn die Patienten den Blutgerinnungsparameter INR selbst zu Hause messen und die Dosierung der gerinnungshemmenden Medikation in Eigenregie anpassen. Dieses sogenannte INR-Selbstmanagement traut sich aber nicht jeder zu. „Genau für diese Patienten ist unser Telemedizinangebot gedacht“, so Körtke. Zusammen mit dem Unternehmen Roche Diagnostics hat Körtke am IFAT die „TeleQin-Studie“ konzipiert, an der insgesamt 1 300 Patienten teilgenommen haben. Bei der Studie übermittelten jene Patienten, die telemedizinisch betreut wurden, ihre Messwerte über die Infrarotschnittstelle des Messgeräts von Roche an ein Handy. Von dort wurden die Daten automatisiert an das IFAT übertragen. Die Experten analysierten die Messwerte und meldeten sich beim Patienten und beim betreuenden Arzt, wenn es Handlungsbedarf gab. „Die telemedizinische Betreuung führte bei mehr als 80 Prozent der Patienten zu einer guten Einstellung der Gerinnung“, erläutert Körtke. Dies sei in etwa das Resultat, das auch mit dem Goldstandard erreicht werde, dem INR-Selbstmanagement.

Über die Plattform „CareLink“ von Medtronic können Daten aus verschiedenen Implantaten, wie CRT-DGeräten für die kardiale Resynchronisationstherapie mit integriertem Defibrillator bei Herzinsuffizienzpatienten oder implantierbare Kardioverter-Defibrillatoren (ICD) für Arrhythmiepatienten, ausgelesen und übertragen werden. Abbildung: Medtronic
Über die Plattform „CareLink“ von Medtronic können Daten aus verschiedenen Implantaten, wie CRT-DGeräten für die kardiale Resynchronisationstherapie mit integriertem Defibrillator bei Herzinsuffizienzpatienten oder implantierbare Kardioverter-Defibrillatoren (ICD) für Arrhythmiepatienten, ausgelesen und übertragen werden. Abbildung: Medtronic
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Zusätzlich zu den Patienten mit künstlichen Herzklappen wird derzeit eine vierstellige Zahl von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz telemedizinisch betreut. Einer der großen Anbieter bei der telemedizinischen Betreuung von Defibrillator- und Schrittmacherpatienten ist der US-amerikanische Konzern Medtronic, der in Europa Anfang des Jahres die Telemedizinplattform „CareLink“ eingeführt hat. Dabei stellen die Patienten eine kleine Konsole auf den Nachttisch. Der Schrittmacher überträgt wichtige Funktionsparameter an diese Konsole, die der betreuende Arzt über eine verschlüsselte Internetverbindung abrufen kann. Stimmt etwas nicht, wird der Patient informiert und muss seinen Arzt aufsuchen. Ist alles in Ordnung, kann er zu Hause bleiben und spart sich einen unnötigen Arztbesuch. Weltweit nutzen bereits mehr als 250 000 Patienten diese Form der telemedizinischen Betreuung. (IFAT: Halle 16/A05, Roche Diagnostics: Halle 2/A07, Medtronic: Halle 9/B40)

Das mobile, nicht invasive Messgerät des neuseeländischen Unternehmens Pulsecor (www.pulsecor.com) ermöglicht dem Arzt eine akkurate und schnelle Bestimmung der aortalen Steifigkeit und des zentralen Blutdrucks. Die einfache Messung verschiedener echokardiografischer Werte dauert nur eine Minute. (Halle 17/A58) Foto: Pulsecor
Das mobile, nicht invasive Messgerät des neuseeländischen Unternehmens Pulsecor (www.pulsecor.com) ermöglicht dem Arzt eine akkurate und schnelle Bestimmung der aortalen Steifigkeit und des zentralen Blutdrucks. Die einfache Messung verschiedener echokardiografischer Werte dauert nur eine Minute. (Halle 17/A58) Foto: Pulsecor
T-Systems zeigt, wie Ärzte mit der Telemedizinlösung „Motiva“ Herzinsuffizienzpatienten betreuen. Dabei nutzen die Patienten ein Fernsehgerät und eine Set-Top-Box, um täglich lebenswichtige Daten wie Gewicht, Blutdruck und Puls zu überwachen. Auch das Unternehmen Biocomfort setzt mit seinem Mess- und Überwachungssystem „Health Manager“ auf den telemedizinischen Austausch zwischen Arzt und Patient. Das System besteht aus Diagnosemessgeräten, Funkkomponenten zur automatisierten drahtlosen Datenübertragung und einer bedienerfreundlichen Software. Mit ihm können Patienten verschiedene Körperparameter wie Blutdruck, Blutzucker und Körperfett zunächst im jeweiligen Messgerät speichern und anschließend per Funk auf den PC oder PDA übertragen, um ihre aktuellen Fitness- und Gesundheitsdaten zu ermitteln. Zusätzlich können die Daten per Handy oder DSL an einen behandelnden Arzt geschickt oder in die elektronische Gesundheitsakte „LifeSensor“ integriert werden. Eine Adaption des Programms an andere digitale Akten sei problemlos möglich, so das Unternehmen. (T-Systems: Halle 15/A31; Biocomfort: Halle 15/E33)

Telepathologie
Der Trend zur Spezialisierung und Nachwuchsprobleme stellen die Fachärzte für Pathologie vor erhebliche Probleme. Ein Beispiel ist die intraoperative Schnellschnittdiagnostik. So fallen beim Bronchialkarzinom während der Operation bis zu 15 Gewebeschnellschnitte an, um sicherzugehen, dass der Tumor ausreichend entfernt ist. Das Problem: Jedes Mal, wenn ein Schnellschnitt anliegt, steht der Operationsbetrieb still, bis ein Ergebnis vorliegt. Problematisch ist die Situation, wenn kein Pathologe vor Ort ist. Dann müssen die während der OP gewonnenen Gewebeproben mit Kurierdiensten zum nächsten Pathologie-labor transportiert werden. Das kostet viel wertvolle Zeit. „Lange Narkosen und lange Schnellschnittzeiten müssen vermieden werden“, bringt es der Leiter der Arbeitsgemeinschaft Telepathologie im Helios-Konzern, Thomas Mairinger, auf den Punkt. Deshalb erhielt der Chefarzt vom Institut für Pathologie des Helios-Klinikums Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf den Auftrag, die Krankenhäuser des Konzerns an ein telemedizinisches Netzwerk anzuschließen. Diese Alternative zum zeit- und kostenaufwendigen Probentransport, die mikroskopische Ferndiagnostik, auch Telepathologie genannt, ist zwar kein vollkommen neues Konzept, sie wurde jedoch bisher nicht konsequent umgesetzt. Bei der Telepathologie präpariert ein chirurgischer Assistent die Gewebeprobe und legt sie unters Mikroskop, das ein entfernt sitzender Pathologe mittels Mausklick steuert und an einem Bildschirm untersucht. „Diese sogenannte virtuelle Mikroskopie wird die telepathologische Methode der Zukunft sein“, bewertet der Vorsitzende des Berufsverbands der Pathologen, Werner Schlake, das Verfahren. (Carl Zeiss GmbH: Halle 10/C59)
Dr. med. Arne Hillienhoff


Basisinfo
Zeit: 19. bis 22. November 2008
Ort: Düsseldorf, Messe
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10:00 bis 18:30 Uhr; Samstag 10:00 bis 17:00 Uhr
Internet: www.medica.de
Sonderschauen/Veranstaltungen
- Medica-Media: Forum für Gesundheitstelematik und medizinische Informationstechnologie (Programm unter www.medicamedia.de)
- Medica-Vision: Medizinische und medizintechnische Forschung, unter anderem mit den Themen innovative Bildgebung, Assistenzsysteme, schonendes Operieren und Implantate
- Karriereforum des Deutschen Ärzteblattes zum Arbeitsmarkt sowie zur Berufs- und Karriereplanung für Ärzte

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