ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2008Ärztlicher Stellenmarkt: Erstmals keine neuen Höchstwerte

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Ärztlicher Stellenmarkt: Erstmals keine neuen Höchstwerte

Dtsch Arztebl 2008; 105(45): A-2423 / B-2063 / C-1999

Martin, Wolfgang

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In immer mehr Fachgebieten stagniert die Nachfrage nach Fachärzten.

Die Nachfrage nach Fachärzten scheint ihren Höhepunkt erreicht zu haben: Während die Ausschreibungszahlen im Deutschen Ärzteblatt im ersten Halbjahr 2008 nochmals über denen von 2007 lagen, wurden im dritten Quartal erstmals weniger Stellen ausgeschrieben als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. In den nächsten Monaten wird sich nun zeigen, ob der Nachfrageboom seinen Höhepunkt überschritten hat oder nur eine kurze Verschnaufpause einlegt.

Bisher wurden im Lauf des Jahres 4 853 Positionen für Fachärzte ausgeschrieben; das sind sechs Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Profitierten 2007 noch alle Fächer von der steigenden Nachfrage, gibt es in diesem Jahr immer mehr Fachgebiete, in denen die Nachfrage stagniert oder leicht zurückgeht. Bei den Fachgebieten, die noch einmal deutliche Zuwachsraten verbuchten, sind besonders die Gefäßchirurgie mit einem Plus von 60 Prozent sowie die Pneumologie mit einem Plus von 33 Prozent hervorzuheben. Beide Fachgebiete waren Nutznießer des andauernden Spezialisierungstrends in den Krankenhäusern. Ansonsten legten noch die Anästhesiologie (plus 14 Prozent) und die Radiologie (plus 6,7 Prozent) überdurchschnittlich zu.

Die Entwicklung auf dem ärztlichen Stellenmarkt wird nach wie vor entscheidend von den Akutkrankenhäusern bestimmt; sie schalten rund 80 Prozent der Annoncen im Deutschen Ärzteblatt. Die restlichen 20 Prozent des „Anzeigenkuchens“ teilen sich die außerklinischen Tätigkeitsfelder. Innerhalb dieses Segments vollzieht sich eine leichte Verschiebung im Nachfragespektrum: Während der Anteil von Rehabilitationseinrichtungen am Anzeigenaufkommen sukzessive zurückgeht (von zehn Prozent im Jahr 2005 auf aktuell sieben Prozent), ist mit den Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) ein neuer Wettbewerber um Fachärzte auf dem Markt erschienen.

Rehakliniken und ambulante Rehazentren schalteten bisher rund sechs Prozent weniger Stellenanzeigen für Fachärzte als im Vorjahr. Allerdings bewegt sich die Nachfrage immer noch auf sehr hohem Niveau. Schon seit Längerem haben Rehaeinrichtungen große Probleme, sich im Wettbewerb um qualifizierte Fachärzte gegenüber den Akutkrankenhäusern zu behaupten. Es werden vorwiegend in solchen Fachgebieten Ärzte gesucht, die auch im Akutbereich heiß umworben sind; am häufigsten gefragt waren im bisherigen Jahresverlauf die Fachgebiete Orthopädie (79), Neurologie (50), Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (28) und Kardiologie (23). Besonders die Suche nach Orthopäden gestaltet sich hier sehr schwierig. Nach der Zusammenlegung von Orthopädie und Unfallchirurgie hat sich der Fokus des neuen Fachgebiets noch deutlicher in Richtung der operativen Tätigkeiten verschoben. Hinzu kommt, dass Rehaeinrichtungen in der Weiterbildung der angehenden Fachärzte so gut wie nicht mehr auftauchen. Von daher ist damit zu rechnen, dass es konservativ ausgerichtete Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie in Kürze kaum noch geben wird.

Vergleichbare Probleme bei der Personalgewinnung haben die Sozialversicherungsträger, die Gutachterpositionen zu besetzen haben. Zwar ging die Zahl der dafür geschalteten Anzeigen im Lauf des Jahres etwas zurück, sie liegt mit insgesamt 243 aber immer noch sehr hoch. Hier sind die Fachärzte für Innere Medizin, Orthopädie und Unfallchirurgie, Neurologie, Chirurgie und Psychiatrie besonders gefragt. Bei den Medizinischen Diensten der Krankenkassen wiederum ist ein Spezialisierungstrend unverkennbar. Dass hier immer mehr Internisten oder Chirurgen mit Schwerpunktanerkennung gesucht werden, ist Ausdruck dafür, dass die Gutachter mit den Entwicklungen in den Akutkrankenhäusern Schritt halten müssen.

Bis vor vier Jahren schaltete der öffentliche Gesundheitsdienst – hier in erster Linie die Gesundheitsämter – eine relativ konstante Zahl von Stellenanzeigen. Vor dem Hintergrund der Finanzknappheit der Kommunen wurde höchstens der Ersatzbedarf gedeckt. Seit einiger Zeit nehmen aber auch hier die Schwierigkeiten zu, vakante Stellen wieder zu besetzen. So wurden in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres mit 142 rund doppelt so viele Stellenausschreibungen veröffentlicht wie noch im Jahr 2005. Besonders prekär ist die Lage im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst. Hier wurden bisher doppelt so viele Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin gesucht wie im Vorjahr. Wurde im letzten Jahr gerade mal eine Stelle für Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgeschrieben, waren es dieses Jahr bereits zehn. Diese Fachrichtung ist aber auch von Akutkrankenhäusern heiß umworben.

Die steigende Zahl der MVZ – inzwischen sind es bundesweit mehr als 1 000 – macht sich inzwischen auch auf dem Stellenmarkt bemerkbar. Im laufenden Jahr wurden mit 196 (plus 28 Prozent) nochmals deutlich mehr Stellen von MVZ ausgeschrieben als im Vorjahr. Dabei sind es nicht mehr allein Hausärzte und Internisten, die vorrangig gesucht werden. Die Differenzierung und Spezialisierung schreitet auch in den MVZ voran. So ist inzwischen eine breite Palette an Fachgebieten gefragt: Neben Internisten sind dies in erster Linie Fachärztinnen und Fachärzte für Frauenheilkunde, Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Und auch für den Bereich der Inneren Medizin werden hier immer öfter Spezialisten gesucht: Kardiologen, Gastroenterologen, Hämatologen/Onkologen oder Nephrologen.
Dr. Wolfgang Martin
E-Mail: mainmedico@t-online.de
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