ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2008Von schräg unten: Apparatemedizin

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Apparatemedizin

Dtsch Arztebl 2008; 105(45): [108]

Böhmeke, Thomas

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LNSLNS Sie genießt in unserem technikverliebten Zeitalter so viel Hochachtung wie unbezahlte Überstunden: die Anamnese. Nur Technik und Apparate, so meint man, bringen die Wahrheit ans Licht, aber unsere Patienten beklagen den Verlust an Empathie, die Kälte der medizinischen Maschinerie. Warum ist sie im Zuge der Zeit so entwertet worden, diese Keimzelle des Vertrauens zwischen Arzt und Patient?

„Herr Doktor Böhmeke, Sie machen nur noch in Technik, wo bleibt da der Mensch?!“ Nun, so versuche ich mein aufgebrachtes Gegenüber zu beruhigen, ist es heutzutage leider so, dass harte Fakten gefordert werden; die banale klinische Einschätzung anhand dürrer anamnestischer Daten reicht bei Weitem nicht mehr aus. Zieht doch jede Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung eine Drangsalierung des Medizinischen Dienstes mit der Frage nach Röntgen- und Laborbefunden nach sich; muss ich nach jedem Patientenbesuch mit einem Verschlimmerungsantrag vom Versorgungsamt rechnen, das ein Belastungs-EKG einfordert. „Das klingt so, als würdet ihr nur noch euren Maschinen glauben und die Worte der Patienten nicht für bare Münze nehmen!“ Da ist durchaus etwas Wahres dran. Kommt beispielsweise ein Schüler oder Student vorbei und gibt eine große Malaise an, ist doch eine schlecht vorbereitete Klausur eher wahrscheinlich als eine doppelseitige Lungenentzündung. Kommt ein Selbstständiger, gar ein Kollege, vorbei und bekennt freimütig, dass es ihm blendend geht, ist er mit Sicherheit schwerstkrank. Weil er es sich nicht leisten kann, seinen 14-Stunden-Tag krankheitsbedingt auch nur um zwei Stunden zu reduzieren. Hier ist nun hohe ärztliche Kunst gefordert, mittels gezielter Untersuchungen großen Schaden abzuwenden. „Sie wollen doch nicht behaupten, dass Sie den Klagen Ihrer Patienten keinen Glauben schenken?“ Natürlich tue ich das. Aber es wird immer schwieriger. Heutzutage müssen wir Ärzte nämlich nicht nur mit Simulation und Dissimulation rechnen, sondern auch mit Disanamnesen. „Was soll denn das heißen?!“ Nun, im Zeitalter der Bürokratie und Leistungskontrolle rechne ich damit, dass Testpatienten, geschickt von Universitäten, Journalen und Krankenkassen, unter Vorspiegelung falscher Erkrankungen in die Praxen ausschwärmen, um die Wahrheit über die deutsche Medizin ans Licht zu bringen. „Herr Doktor Böhmeke, das ist eine bodenlose Unverschämtheit! Mich haben Sie als Patienten verloren!“ Steht auf und knallt die Tür hinter sich zu.

Tja, das war wohl mein erster Testpatient. Mal schauen, in welchem Magazin, in welcher Statistik ich mit miserablen Noten auftauche. Weil ich keine Untersuchungen durchgeführt habe.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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