ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2008Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Dieter Roth – Verschimmelte Unikate

KUNST + PSYCHE

Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Dieter Roth – Verschimmelte Unikate

PP 7, Ausgabe November 2008, Seite 498

Kraft, Hartmut

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„Taschenzimmer“ (1968), Spielkartenbox aus Plastik mit gestempelten Papier, Bananenscheibe und Schimmel. In einer Pappschachtel, innen gestempelt vom VICE-Versand, Remscheid. Auflage unlimitiert. 11 × 7,4 × 1,7 cm, auf dem Papier monogrammiert und datiert ab 1968 (bis letztmalig 1987). Hier zwei Exemplare aus den Jahren 1969 und 1987. Fotos: Eberhard Hahne
„Taschenzimmer“ (1968), Spielkartenbox aus Plastik mit gestempelten Papier, Bananenscheibe und Schimmel. In einer Pappschachtel, innen gestempelt vom VICE-Versand, Remscheid. Auflage unlimitiert. 11 × 7,4 × 1,7 cm, auf dem Papier monogrammiert und datiert ab 1968 (bis letztmalig 1987). Hier zwei Exemplare aus den Jahren 1969 und 1987. Fotos: Eberhard Hahne
Mit denkbar einfachen Materialien inszeniert Dieter Roth ein kleines biologisches und künstlerisches Drama. In einer Spielkartenbox für Skatkarten liegt eine dünne weiße Pappe. Sie ist mit der dreidimensionalen Darstellung eines vierbeinigen Tisches gestempelt. Vom Künstler wurden diese „Taschenzimmer“ signiert und, je nach Herstellungsdatum, zwischen 1968 und 1987 datiert. Bestellte nun ein Käufer dieses unlimitiert aufgelegte kleine Objekt, legte der Herausgeber – entsprechend der Weisung des Künstlers – eine Bananenscheibe auf den gestempelten Tisch. Verpackt in eine Pappschachtel wurde das kleine Multiple an den Käufer versandt und erreichte ihn zumeist schon mit dem Hauch eines Schimmels versehen. Im Laufe der Monate und Jahre schimmelte jede dieser Boxen zu einem Unikat heran. Weiß, grün, braun, blau und schwarz breiteten sich unterschiedliche Schimmelkulturen über den Tisch aus, bis der Prozess eines Tages zu einem Ende kommen würde. Das ältere der hier gezeigten Exemplare scheint sich nicht mehr zu verändern, während das 1987 datierte Objekt noch schimmelaktiv ist. Die Bananenscheibe wurde hier 2008 – wie üblich erst bei der Bestellung – in die Box eingebracht.

Roth war der erste – aber keineswegs der einzige – Künstler, der in den 60er-Jahren Schimmel und Verfallsprozesse in die Kunst einbrachte. Was Sammler und Konservatoren fürchten, wird hier zum gestalterischen Prinzip erhoben: Aus der (Zer-)Störung wird ein konstruktiver künstlerischer Prozess.

Für den Betrachter oder Käufer des Kunstwerks stellen sich gleich mehrere Fragen: Wie steht er zur Verwendung von Lebensmitteln in einem Kunstwerk? Welche Reaktionen ruft der Kontakt mit Schimmel hervor: Ekel, Übelkeit – oder Neugier? Wie stellt er sich zu einem Kunstwerk, das durch Zerfall entsteht – und möglicherweise in einem totalen Zerfall oder Verlust endet, wie so manches Werk von Roth? Inzwischen ist diese Problematik sogar eines der Themen in einem Kriminalroman mit dem schönen Titel „Nach allen Regeln der Kunst“. Hartmut Kraft


Biografie Diter Rot (Dieter Roth)
Geboren 1930 in Hannover als Dieter Roth. Objekt-, Wort- und Aktionskünstler, der die klassischen Kunstkategorien sprengte. Durch die Einbeziehung von Lebensmitteln (zum Beispiel Schokolade, Küchenabfälle) ebenso wie Ausscheidungsprodukte (zum Beispiel „Karnickelköttelkarnickel“ 1972) wird unter anderem der Zerfall und damit auch die Endlichkeit und das Verschwinden eines Kunstwerks thematisiert. Beteiligung an wichtigen internationalen Ausstellungen, zum Beispiel Documenta 7 (1977), „von hier aus“ (1984). Große Retrospektive im Schaulager, Basel 2003. Noch zu Lebzeiten Gründung der „Dieter Roth Foundation“ in Hamburg. Gestorben 1998 in Basel.

Literatur
Hoeps Th, Toes J: Nach allen Regeln der Kunst. Grafit Verlag, Dortmund 2007.
Schmieder P: unlimitiert. Der VICE-Versand von Wolfgang Feelisch.
Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln 1998.
Vischer Th, Walter B (Hrsg.): Roth-Zeit. Eine Dieter Roth Retrospektive. Lars Müller Publishers, Baden 2003.
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