ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2008Fetales Alkoholsyndrom: Zu hundert Prozent vermeidbar

POLITIK

Fetales Alkoholsyndrom: Zu hundert Prozent vermeidbar

PP 7, Ausgabe November 2008, Seite 512

Bühring, Petra

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Das Problembewusstein in Bezug auf die Folgen des Alkoholkonsums ist bei Schwangeren wenig ausgeprägt – mehr Aufklärung in der Vorsorge ist notwendig. Foto: Fotolia
Das Problembewusstein in Bezug auf die Folgen des Alkoholkonsums ist bei Schwangeren wenig ausgeprägt – mehr Aufklärung in der Vorsorge ist notwendig. Foto: Fotolia
Rund 4.000 Neugeborene kommen in Deutschland jährlich mit fetalem Alkoholsyndrom zur Welt.

Sie trinken doch keinen Alkohol zurzeit?“ – Eine so formulierte Frage des Frauenarztes werden die meisten Schwangeren mit Nein beantworten. Traut sie sich dennoch, „nur gelegentlich mal ein Gläschen“ hinzuzufügen, muss der Arzt auf jeden Fall hellhörig werden und die Schwangere umfassend über die Risiken des Alkoholkonsums für das Ungeborene aufklären – so steht es in den Richtlinien des Mutterschutzes. Nach Erkenntnissen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen gibt es aber eine erhebliche Untererfassung von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft, denn nur selten werde zur Geburt ein entsprechender Eintrag im Mutterpass gefunden. Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, forderte anlässlich des Tages des alkoholgeschädigten Kindes am 9. September, dass „Aufklärung, Beratung und Prävention in der Schwangerenvorsorge optimiert werden müssen“. Rhetorische Fragen genügten nicht, besser seien freiwillige Fragebögen, wie beispielsweise der von der Charité – Universitätsmedizin Berlin empfohlene AUDIT-C, zur Identifikation eines riskanten Alkoholkonsums.

Das Problembewusstsein ist bei vielen werdenden Müttern offenbar gering: Nach einer Studie der Charité gaben 58 Prozent der befragten Frauen an, während der Schwangerschaft gelegentlich Alkohol zu konsumieren. 20 Prozent dieser Frauen hatten ein- bis dreimal im Monat Alkohol konsumiert, knapp ein Prozent sogar täglich. Auffallend war, dass Schwangere mit zunehmendem Alter und höherem Schulabschluss signifikant häufiger Alkoholkonsum angaben.

Es gibt für Schwangere keine unbedenkliche Trinkmenge und keine Schwangerschaftsphase, in der Alkoholkonsum sicher ist, darin sind sich die Experten einig. Die Drogenbeauftragte fordert daher einen vollständigen Alkoholverzicht. Denn die Folgen für die Kinder sind fatal:
- Jedes Jahr kommen in Deutschland jährlich rund 4 000 Kinder mit dem Vollbild des fetalen Alkoholsyndroms (FAS, auch FASD genannt) zur Welt. Dysmorphien, Wachsstumsstörungen und Störungen des zentralen Nervensystems sind dabei auffallend. Kinder von chronisch alkoholkranken Schwangeren haben zusätzlich ein abgeflachtes Mittelgesicht mit breitem Nasenrücken und großem Augenabstand.
- Nach Schätzungen werden 10 000 Kinder jährlich mit fetalen Alkoholeffekten (FAE) geboren, bei denen keine sichtbaren Auffälligkeiten vorhanden sein müssen. Langzeitschäden äußern sich in Verhaltensstörungen und intellektuellen Beeinträchtigungen.
- FAS ist die häufigste Ursache einer geistigen Behinderung noch vor dem Down-Syndrom.
- 80 Prozent der mit FAS diagnostizierten Kinder sind ein Leben lang auf Betreuung angewiesen.

Besonders die Symptome der FAE sind nicht ganz leicht zu diagnostizieren und ähneln denen des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms. „Bei der Diagnosestellung klafft eine große Lücke“, kritisiert Dr. med. Harald Lund, der mit der Beratungsstelle für alkoholgeschädigte Kinder in Berlin zusammenarbeitet (siehe auch DÄ, Heft 49/2007). Kinderärzte und Kinder- und Jugendpsychiater würden die spezifischen Symptome oftmals nicht erkennen. Lund fordert deshalb mehr ärztliche Fortbildung und spezialisierte Diagnosezentren bei Verdacht auf FAS. Wichtig sei es, die betroffenen Kinder als Behinderte zu diagnostizieren, damit sie entsprechend gefördert werden könnten und Leistungen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz erhielten. Denn therapierbar ist FAS nicht, die im Mutterleib erworbenen alkohoholbedingten Schäden sind irreversibel – und wären eigentlich zu 100 Prozent vermeidbar gewesen.
Petra Bühring

Beratungsangebote und Informationen
- FASworld e.V. Deutschland (Selbsthilfe): www.fasworld.de, fasd@fasworld.de
- FASD-Beratungsstelle, Evangelischer Verein Sonnenhof e.V.,Berlin-Spandau, www.fasd-beratung.de, fasd-beratung@hotmail.de
- „Lebenslang durch Alkohol“, Broschüre für Betroffene, Eltern, Ärzte und Schwangere vom BKK-Bundesverband (kann unter www.bkk.de oder www.FASworld.de heruntergeladen oder bestellt werden)
- „Alkoholfrei durch die Schwangerschaft“ und „Auf dein Wohl mein Kind“ (Materialien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung), www.bzga.de
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