ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2008Systemische Familientherapie: Auf die Beziehung kommt es an

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Systemische Familientherapie: Auf die Beziehung kommt es an

PP 7, Ausgabe November 2008, Seite 515

Gieseke, Sunna

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Bei der diesjährigen Tagung der Deutschen Gesellschaft für systemische Therapie bezog man die Neurobiologie mit ein. Man wollte die Frage klären, welchen Einfluss die neurowissenschaftliche Forschung auf Beratung und Therapie hat.

Der Hörsaal ist voll – nicht jeder bekommt einen Sitzplatz: Mehr als 600 Teilnehmer kamen in diesem Jahr zu der Tagung der Deutschen Gesellschaft für systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) im September in Essen. Nicht alle sind Systemiker, vielmehr repräsentiert der Verein mit seinen 3 000 Mitgliedern verschiedene Berufsgruppen. Sozialarbeiter, Pädagogen, Therapeuten und Berater waren angereist. Das Besondere in diesem Jahr: Die systemische Psychotherapie verknüpft unter dem Motto „Systemische Hirngespinste – Neurobiologische Impulse und andere Ideen für die systemische Theorie und Praxis“ ihr Wissen mit dem der Naturwissenschaftler.

Erkenntnisse der Neurobiologie sollen helfen, das menschliche Gehirn und damit die Beziehungen untereinander besser zu verstehen. Längst sucht man auch in der neurobiologischen Forschung nicht mehr nur danach, wo was im Gehirn sitzt. „Das Gehirn ist nicht nur Chemie. Es kommt vielmehr auf die zwischenmenschlichen Beziehungen an“, erklärt der Neurobiologe Prof. Dr. med. Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Prof. Dr. phil. Günter Schiepek, von der Universität Bamberg und Leiter der Forschungseinrichtung für dynamische Systeme am Institut für Psychologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, ergänzt: „Das Gehirn wird zunehmend als soziales und kulturelles Organ verstanden.“ Man erkenne inzwischen, welche Konsequenzen soziale Erfahrungen, wie zum Beispiel frühe Bindungserfahrungen, soziale Verstärkung des Schmerzverhaltens oder interpersonelle Vorerfahrungen für die Bereitschaft, Empathie zu zeigen, haben.

„Die systemische Therapie und Beratung und Familientherapie finden in der Welt zwischenmenschlicher Kommunikation statt“, erläutert Prof. Dr. Jochen Schweitzer, Erster Vorsitzender der DGSF. In erster Linie ginge es zwischen mehreren Menschen um den zirkulären Austausch von Informationen über Gedanken, Wünsche, Zu- und Abneigungen, Konflikte und Missverständnisse. Man wolle nun klären, was sich im Inneren der Menschen abspiele und welche Rolle dabei die komplexen Austauschprozesse zwischen den Nervenzellen spielten, vor allem, welchen Einfluss die neurowissenschaftliche Forschung auf Beratung und Therapie habe.

„Hirnzellen wachsen dort, wo sie intensiv genutzt werden“, weiß Hüther. Vor allem stellt er dabei die Begeisterung in den Vordergrund. „Ohne Begeisterung passiert gar nichts in unserem Gehirn.“ Es ginge nicht nur um das Training des Organs. Als Beispiel nennt er das Verschicken von Kurzmitteilungen per Handy. „Ich könnte ein halbes Jahr Nachrichten verschicken, bei mir würde sich im Gehirn gar nichts tun.“

Aus diesem Grund sollten auch die Therapeuten umdenken. Bisher sei zwischen Psychotherapeuten und Klienten keine Nähe zugelassen. „Konfrontationen verängstigen die Menschen, eine gute Beziehung führt aber dazu, dass sich Menschen öffnen“, betont Reinert Hanswille, Diplom-Pädagoge und seit 1998 Leiter des Instituts für Familientherapie, systemische Supervision und Organisationsentwicklung. Man solle die Begeisterung bei den Klienten wecken und damit die Selbstheilung hervorrufen. „Es ist wichtig, die Ressourcen der Klienten anzusprechen. Dass das noch nicht verwirklicht wurde, ist kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem“, so Hüther.

Allerdings sollten auch die Psychotherapeuten die Begeisterung in sich tragen. Es sei zwar schwer, eine gute Beziehung zu definieren, man solle sich aber mit sich selbst auseinandersetzen, erklärt Schweitzer. Der Therapeut solle den Klienten allerdings nicht überfahren. Es ginge darum, Lebensfreude, Gestalterlust und Vitalität zu wecken. „Das gelingt einem besser, wenn man selbst auch Lebensfreude empfindet.“ Vor allem solle man Einfühlungsvermögen beweisen und beim Klienten ressourcenorientiert arbeiten. Hüther aber relativiert: „Man muss es aber nicht immer Begeisterung nennen. Es reicht, dem Ganzen einen Sinn zu geben, den jeder nachvollziehen kann.“
Sunna Gieseke
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