ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2008Kinderbücher: Bemerkenswert, auch für Erwachsene

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Kinderbücher: Bemerkenswert, auch für Erwachsene

PP 7, Ausgabe November 2008, Seite 536

Held, Anja; Koch, Joachim

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Das Buch „Der wunderbarste Platz auf der Welt“ hat alles, was ein gutes Kinderbuch braucht, einen wunderbaren Titel, farbenfrohe ausdrucksstarke Bilder und eine Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Mit dem Frosch Boris kann man etwas über das Thema „vertrieben werden“ erfahren, über Akzeptanz, über das Eigene und das Fremde, und dass man manchmal überrascht feststellen muss, dass sogar die eigene Gruppe einen ablehnt beziehungsweise genau so verwerflich handelt wie andere Gruppen auch. Aber natürlich lässt Boris sich nicht unterkriegen.

Den Tiefgang, den Jens Rassmus mit einigen Bildern und wenigen Worten erreicht, schafft der Bremer Autor Will Gmehling in seinem Buch „Einen Luchs am Hals haben“ mit einer längeren Erzählung von 160 Seiten. Herr Egon hat einen kleinen Luchs, den er im Wald gefunden hat, einfach mit nach Hause genommen. Bei der Erziehung des Tieres kommt es bald zu schwerwiegenden Problemen. Der elfjährige Nachbarjunge Carlo bekommt Wind von der Sache und möchte beteiligt werden – es wird kompliziert. Dem Autor ist eine tolle Geschichte mit vielen guten Einfällen gelungen, besonders gut herausgearbeitet hat er die unterschiedlichen emotionalen Befindlichkeiten von Carlo und Herrn Egon. Es ist zuerst eine Tiergeschichte, aber es geht dann auch besonders um menschliche Beziehungen, um Kontaktarmut, Einsamkeit, um die Anbahnung von Kontakt und um die Entwicklung neuer Lebensperspektiven. So wird es zum Ende hin auch noch eine Liebesgeschichte, was dem Buch eine besondere Note gibt.

Faszinierende Zeichnungen mit tollen Perspektiven von Personen gibt es im Buch „Frau Friedrich“ von Heinz Janisch und Helga Bansch zu sehen. Auch inhaltlich ist das Buch überraschend. Der Junge fantasiert sich die Frau Friedrich als eine Person, die alles kann. Dann wird auf eine dramatische Weise deutlich, das dies überhaupt nicht der Realität entspricht: Frau Friedrich ist eine Nachbarsfrau, die an das Bett gefesselt ist. Das Autorenteam spielt in einem spannenden Buch mit dem Thema Fantasie und Wirklichkeit.

Für das Buch „Hermann hört Stimmen“ hat Karsten Teich wunderschöne, detailverliebte Bilder geschaffen, deren Nuancen man gern lange betrachtet und genießt. Saskia Hula hatte für das Buch die faszinierende Idee, sich mit den inneren Stimmen zu beschäftigen, die einen stören, antreiben und einem ein schlechtes Gewissen machen. Aber bei den Problemen bleibt das Buch nicht stehen, denn im letzten Teil geht es darum, wie man sich von den Stimmen lösen kann. Und am Ende des Buches hat die Realität den Hermann wieder, der für uns alle stellvertretend an den Stimmen gearbeitet hat.

Eine nette Geschichte von einem Jungen, der als Rittersohn nicht reitet, erzählen Daniela Römer und Susanne Wechdorn in ihrem Buch. „Der kleine Ritter“ fürchtet sich vor Pferden und traut sich nicht, auf ein Pferd zu steigen; alle sind ratlos. Aber was soll der Junge tun, um die Erwartungen zu erfüllen? So sucht er sich erst einmal ein Tier, auf dem er reiten kann. Die Ziege ist bereit, ihn auf ihren Rücken zu lassen. Nach einem Unfall überschlagen sich die Ereignisse und es kommt zu einem Happy End. In dem Buch „Tiroler Märchen“ erzählt Karin Tscholl als Frau Wolle Volksmärchen auf ihre Art und überzeugt mit Auswahl und Präsentation. Die Geschichten sind beeindruckende Überlieferungen, die seit Jahrhunderten weitererzählt wurden. Teilweise sind sie mit moralisierenden Botschaften versehen worden oder haben eine biedermeierliche Patina erhalten. Karin Tscholl erzählt die Märchen anders, frisch, mit einem einfachen und klaren Erzählstil. Auch zwei „fremde“ Märchen hat sie in ihre Sammlung aufgenommen und sie an die Tiroler Welt angepasst. Die teilweise ganzseitigen Illustrationen von Irmingard Jeserick sind filigrane Kunstwerke.

Wie es manchmal so ist im Leben, keiner versteht einen oder will einen verstehen, das wird sehr anschaulich in dem Buch „Ich hab ein kleines Problem, sagte der Bär“. Der Bär beginnt mit seiner Frage, aber das jeweilige Gegenüber fällt ihm sogleich ins Wort und „weiß“ schon, was er will. Nein, natürlich weiß er nicht, was der Bär will, sondern nur, was er selbst will. Der Bär lässt es über sich ergehen und trottet enttäuscht weiter, bis er endlich jemanden findet, der sich sein Problem anhört, und dann deutet sich sogar eine Lösung an.

Die Kinderbücher sind ausnahmslos auch für Erwachsene zu empfehlen. Anja Held, Joachim Koch

Jens Rassmus: Der wunderbarste Platz auf der Welt. Residenz, St. Pölten 2008, 40 Seiten, 14, 90 Euro
Will Gmehling: Einen Luchs am Hals haben. Residenz, St. Pölten 2008, 160 Seiten, 12, 90 Euro
Heinz Janisch, Helga Bansch: Frau Friedrich. Jungbrunnen, Wien 2008, 32 Seiten, 13,90 Euro
Saskia Hula, Karsten Teich: Hermann hört Stimmen. Residenz, St. Pölten 2008, 40 Seiten, 12, 90 Euro
Daniela Römer, Susanne Wechdorn: Der kleine Ritter. Jungbrunnen, Wien 2008, 32 Seiten, 13,90 Euro
Tiroler Märchen. Frei erzählt von Frau Wolle. Illustriert von Irmingard Jeserick. Tyrolia, Innsbruck 2007, 192 Seiten, 24, 90 Euro
Heinz Janisch: Ich hab ein kleines Problem, sagte der Bär. Betz, Wien 2007, 32 Seiten, 12,95 Euro
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