ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2008Halluzinationen: Humorvoll und verständlich

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Halluzinationen: Humorvoll und verständlich

PP 7, Ausgabe November 2008, Seite 537

Stirn, Aglaja

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Bei Halluzinationen denken die meisten Menschen nur an gruselige Bilder, die angstvoll von Schizophrenen gesehen werden. Das Buch zeigt, dass es sehr viele unterschiedliche Arten von Trugwahrnehmungen gibt, von denen manche sogar als bereichernd empfunden werden können. Halluzinationen treten im akustischen und visuellen Bereich am häufigsten auf, aber es gibt sie auch in den Sinnesbereichen Geruch, Geschmack und taktile Empfindungen. Manche Personen haben das Gefühl, von innen heraus aufgefressen zu werden, andere spüren deutlich die Anwesenheit einer fremden Person – ohne dass wirklich jemand da ist.
Halluzinationen haben viel von ihrem Flair des Unheimlichen verloren, seit man ihre Ursachen immer exakter erforscht hat. Hierin liegt der eigentliche Wert des Bands. Sehr verständlich wird erklärt, wie solche Trugwahrnehmungen im Gehirn entstehen. Letztlich kennt jeder von uns Vorstufen solcher Halluzinationen, wie zum Beispiel geistige Vorstellungen, Träume oder die fantastischen Gesichtsfelderscheinungen, die bei psychischen Kranken dann außer Kontrolle geraten und den Eindruck der Realität vermitteln. Hierbei listet Kasten in seinem Buch auch minutiös und stets mit Bezug auf die aktuelle wissenschaftliche Literatur auf, welche Hirnareale für welche Arten von Trugwahrnehmungen verantwortlich sind.
Das Buch, obwohl es rein wissenschaftlich geschrieben wurde und weit mehr als 500 Literaturquellen zitiert, wendet sich nicht nur an Fachleute, sondern auch an interessierte Laien. Der Stil bleibt immer verständlich, selbst wenn es um komplexe hirnorganische Prozesse geht. Erich Kasten, der auch mit seinen anderen Büchern bereits mehrfach eine populärwissenschaftliche Ader gezeigt hat, unterstreicht dies humorvoll schon in den Kapitelüberschriften, die Namen tragen wie zum Beispiel „Das leuchtende Skelett – Halluzinationen aus Sicht des Betroffenen“, „Nackt auf der Straße – Psychosen“ , „Virtueller Orgasmus – Körperwahrnehmungshalluzinationen“, „Der Herr in der Wolkensäule – Visionen Heiliger“, „Unterhaltung mit einem Kopflosen – Isolation, Deprivation“, „Drei eierköpfige Zwerge – Erkrankungen des Gehirns“, „Das Schiff des Caligula – Parapsychologie, Hellsehen, Astralreisen“, „Griff nach dem Gewehr – Halluzinationen und Kriminalität“ und „Mein Becken war ein weißer Brunnen – Therapie“. Am wichtigsten für Betroffene und ihre Angehörigen ist vielleicht das letzte Kapitel, denn es zeigt, welche Möglichkeiten man hat, um solche Phänomene wieder loszuwerden.
Angereichert mit 52 Abbildungen und einer Tabelle bietet der Band beides: spannendes Lesevergnügen und Lerngewinn. Man ahnt, dass die Realität nur eine Interpretation unseres Gehirns ist oder, um einen Aphorismus zu zitieren: „Die Wahrheit ist nur eine Halluzination, zu der sich die Mehrheit bekennt.“ Aglaja Stirn

Erich Kasten: Die irreale Welt in unserem Kopf. Halluzinationen, Visionen, Träume. Reinhardt, München 2008, 284 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro
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