ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2008Filmfestival Ausnahme/Zustand 2008 – Verrückt nach Leben: Gefühle offen zeigen

KULTUR

Filmfestival Ausnahme/Zustand 2008 – Verrückt nach Leben: Gefühle offen zeigen

PP 7, Ausgabe November 2008, Seite 538

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Filme des bundesweiten Festivals erzählen vom alltäglichen Wahnsinn jugendlicher Lebenswelten zwischen Einsamkeit, Angst, Gewalt, Drogen und Suizid.

Foto: Filmfestival Ausnahmezustand
Foto: Filmfestival Ausnahmezustand
Die Arme sehen erschreckend aus. Vernarbt durch jahrelanges Ritzen mit Rasierklingen, Messern und Scherben. So offen, wie die jungen Frauen ihre Narben zeigen, so sprechen sie auch in dem Dokumentarfilm „Lebenszeichen“ über ihre Sucht nach Selbstverletzung und ihre schweren seelischen Krisen. Sie alle wollen damit aufhören, und die Zuschauer werden Zeugen dieses schwierigen Prozesses. Der Film des Medienprojekts Wuppertal ist ein Beitrag des bundesweiten Filmfestivals „Ausnahme/Zustand 2008 – Verrückt nach Leben“. Die zwölf Filme erzählen vom alltäglichen Wahnsinn jugendlicher Lebenswelten zwischen Einsamkeit, Angst, Schulversagen, Hoffnungslosigkeit, Gewalt, Drogen und Suizid. Vor allem aber zeigen sie, was junge Menschen stark macht: Freundschaft, Respekt, das Gefühl, gebraucht und geliebt zu werden.

Das Filmfestival ist eine Initiative des Leipziger Vereins „Irrsinnig Menschlich e.V.“ und „EYZ Media“, gefördert von der Aktion Mensch, in Kooperation mit mehr als 150 Organisationen und Vereinen, darunter der Bundes­ärzte­kammer, der Bundes­psycho­therapeuten­kammer und dem Aktionsbündnis Seelische Gesundheit. Start war am 9. Oktober in Berlin – bis Ende 2009 tourt das Festival durch 60 deutsche Städte.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, der zum Auftakt des Festivals gesprochen hat, begrüßt solche „ungewöhnlichen Aktionen, die es schaffen, das Thema psychische Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen aus der Tabuzone herauszuholen“. Er weiß, dass sich Ärzte und Psychotherapeuten immer häufiger mit Depressionen, Suchterkrankungen, Essstörungen und aggressivem Verhalten konfrontiert sehen. Durch die Filme sollen betroffene Heranwachsende ermutigt werden, offener mit ihrer Gefühlswelt umzugehen, da ihre Erkrankung und ihre Probleme in den öffentlichen Raum – das Kino – gerückt werden. Aber auch für Eltern, Lehrer, Politiker und Ärzte ist das Filmfestival eine Chance, sich mit dem Leben von Jugendlichen zu beschäftigen.

Beispielsweise mit dem für viele Eltern beunruhigenden Thema Internet. In den Tiefen des Chatrooms und hinter Portalen mit undurchschaubaren Onlinespielen vermuten sie ein Medium, das ihre Kinder einsam, aggressiv und unsozial macht. Der Dokumentarfilm „Emoticons“ der niederländischen Regisseurin Heddy Honigmann zeigt, dass das Internet für Heranwachsende auch eine positive Funktion übernehmen kann. Wie für die 14-jährige Saskia, die das Netz nutzt, um Kontakt mit anderen Betroffenen aufzunehmen und Freunde zu finden, wenngleich sie, die in der Schule gemobbt wird, ihren enormen Stress auch mit gewaltätigen Computerspielen kompensiert.

Während „Emoticons“ eher Erwachsene anspricht, sind Jugendliche beeindruckt von dem US-amerikanischen Dokumentarfilm „War Child“, des Regisseurs C. Karim Crobog. Der Film erzählt die Lebensgeschichte des afrikanischen Rap-Stars Emmanuel Jal. Der 28-Jährige verarbeitet seine traumatischen Kindheitserfahrungen im sudanesischen Bürgerkrieg in seinen Liedern. Als Siebenjähriger verlor der im Südsudan geborene Junge seine Mutter und wurde daraufhin in einem äthiopischen Trainingscamp zum Kindersoldaten ausgebildet. 1991 gelangen ihm und 400 weiteren Kindern die Flucht. Nach monatelangem Umherirren durch das ausgedörrte Land – die Kinder töteten sich aus Hunger zum Teil gegenseitig – überlebten nur zwölf. Emmanuel Jal war einer von ihnen.
Petra Bühring

Informationen und Termine im Internet:
www.ausnahmezustand-filmfest.de
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